Maßbach
Pogromnacht

Der Retter aus Stadtlauringen

Eine Zeitzeugin erinnert sich, was sich vor 75 Jahren in Maßbachs Gassen und in den Häusern der jüdischen Mitbürger abspielte.
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Museum in der ehemaligen Synagoge: Älter als 75 Jahre ist dieses Bild eines jüdischen Mädchens. "So ähnlich können wir uns auch Inge Heidelberger, die heutige Lea Neugebauer aus Haifa in Israel, als Schulmädchen um 1938 vorstellen", meint Klaus Bub.  Foto: Hubert Breitenbach
Museum in der ehemaligen Synagoge: Älter als 75 Jahre ist dieses Bild eines jüdischen Mädchens. "So ähnlich können wir uns auch Inge Heidelberger, die heutige Lea Neugebauer aus Haifa in Israel, als Schulmädchen um 1938 vorstellen", meint Klaus Bub. Foto: Hubert Breitenbach
"Wenn in Maßbach für jeden ermordeten Juden an dessen ehemaligem Haus Trauerbeflaggung angebracht wäre, wie traurig würde unsere Marktgemeinde wohl heute aussehen?" Gefragt hat das Klaus Bub, Leiter des Poppenlauerer Heimatmuseums, des Synagogen-Museums und lebendes Geschichts-Lexikon des Marktes Maßbach. Anlass war die Besinnungs-Stunde in der ehemaligen Synagoge anlässlich der 75. Wiederkehr der sogenannten "Reichskristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938.
Mit seiner eingangs zitierten Einführung in die Erinnerungsstunde wolle er andeuten, dass Maßbach bis November 1938 eine Hochburg jüdischen Lebens war, die von den Nazi-Schurken in der Kristallnacht und den folgenden Tagen arg heimgesucht worden sei, sagte Bub. Um die Situation in der Novembernacht 1938 zu verdeutlichen, ließ er die letzte noch lebende Zeitzeugin, das damals achtjährige Maßbacher jüdische Mädchen Inge Heidelberger - die heute 83-jährige Lea Neugebauer aus Haifa in Israel - über ihre Erlebnisse am 9. und 10. November und den folgenden Tagen via CD zu den Gästen der Gedenk-Stunde sprechen.
Klaus Bub hat schon seit längerem immer wieder telefonischen Kontakt zu der Dame in Israel, wie auch Bürgermeister Johannes Wegner und die Pfarrer Barthels und Neunhoeffer. Darüber hinaus erinnern sich auch einige betagte Bürgerinnen an "die Inge", wie sie bemerkten. Lea Neugebauer sei nach wie vor an Maßbach interessiert, sie erkundige sich immer, was in ihrer ehemaligen Heimat geschieht, sagte Bub.
Auf der CD, die Klaus Bub abspielte, erinnert sich Inge Heidelberger in gut verständlichem Deutsch an den Abend des 9. November. Auch in Maßbach sei der Nazi-Mob Hetzreden grölend durch die Straßen gezogen, und SA-Schurken hätten zusammen mit spontanen Nachläufern Fenster und Haustüren eingeschlagen, in den Häusern Mobiliar zertrümmert und jüdische Mitbürger verprügelt, verhaftet und abgeschleppt, sagte Neugebauer.
Sie sehe heute noch einen ekligen, dunklen Haufen Menschen vor ihrem Vaterhaus. Nicht nur Steine, sondern auch Äxte seien geflogen. "Ihr seid dieselben Lumpen", habe der Mob gebrüllt. Von der Synagoge sei am nächsten Tag nur noch ein einziger Trümmerhaufen zu sehen gewesen, habe ihr Vater festgestellt. "Nur durch ein Wunder haben wir in letzter Minute überlebt", sagt sie. Ein Bekannter aus Stadtlauringen habe ihre Familie mit seinem Taxi gerettet.
"Hermann, ihr müsst fort!", sagte der Freund der Familie. Er kam, wir stiegen ein - und los ging die Fahrt. Keiner wusste, wohin. Schließlich landeten sie bei ihrem Onkel in Karlsruhe. Zurück in Maßbach, entfernten sie drei Pferdewagen voller Scherben und zerschlagenem Mobiliar aus ihrem Haus. Nur in großer Angst hätten sie zuhause auf die Straße gehen können. "Später durften wir nur noch eine Stunde auf der Straße sein." Nachts schliefen sie in ihrer Scheune hoch oben im Stroh. Schließlich sei ihre ganze Familie umgekommen. Danach habe sie Maßbach 40 Jahre nicht gesehen.
In ganz Deutschland seien Synagogen und Geschäftshäuser in Flammen aufgegangen. Polizei und Feuerwehren schauten tatenlos zu. Selbst die geschundenen Juden hätten damals noch an Recht und Gerechtigkeit geglaubt, sagt Neugebauer. Sie fragt: "Hat jemand in Maßbach an uns gedacht nach dem Massaker?", sagt sie und erzählt von ihrem Existenzkampf während der ersten Jahre in Israel. Sie erinnert sich an ihre Schulzeit mit den Lehrern Prell und Stahlschmidt. Schließlich ermahnt sie die Hörer ihrer CD: "Erzählt es weiter!"
Sichtlich bewegt reagierten die Zuhörer auf diesen authentischen Erlebnisbericht der Lea Neugebauer: "Gut, dass es diese Zeitzeugin noch gibt und dass sie ihre Erlebnisse auf diesem Weg weitergegeben hat", war zu hören. Auch Klaus Bub erhielt höchste Anerkennung für sein Interesse und seine zeitgeschichtlichen Nachforschungen. Mit einer Führung durch die Räume der Synagoge, der sich viele Leute interessiert anschlossen, gab er zum Schluss der Gedenkstunde seine Kenntnisse über das jüdische Leben in Maßbach weiter. "Gut, dass wir dich haben", meinte spontan eine Zuhörerin. Tief beeindruckt und verhalten diskutierend verließen die Gäste das Synagogen-Museum.

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