Münnerstadt
Ehrung

Der Hüter der Vergangenheit

Solange er die Treppen in den zweiten Stock der Zehntscheune bewältigen kann, wird Klaus Dieter Guhling das Stadtarchiv weiterführen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Klaus Dieter Guhling sucht ein Kartei in seinem Archiv. Fast 30 Jahre lang ist er als Stadtarchivar tätig.  Foto: Thomas Malz
Klaus Dieter Guhling sucht ein Kartei in seinem Archiv. Fast 30 Jahre lang ist er als Stadtarchivar tätig. Foto: Thomas Malz
Als Klaus Dieter Guhling am 1. Juni die Post aus dem Briefkasten holte, fand er einen Brief der Stadt Münnerstadt vor. Er vermutete darin eine Glückwunschkarte zu seinem 76. Geburtstag, den er an diesem Tag feierte. Doch es war etwas anderes: die Einladung zur Verleihung der Stadtmedaille in Gold am Sonntag, 30. Oktober. Damit hatte der Stadtarchivar, der nun schon im 30. Jahr unzählige Zeitdokumente zusammenträgt, nun wirklich nicht gerechnet. Bürgermeister Helmut Blank (CSU) wird seine Verdienste am Sonntag würdigen, so viel sagt er aber schon mal vorweg: "Einen Besseren als ihn werden wir nicht finden, eine Steigerung ist nicht mehr möglich."


Im Fichtelgebirge aufgewachsen

Klaus Dieter Guhling wurde am 1. Juni 1940 im Posener Land geboren. Nach der Vertreibung wuchs er in Marktredwitz im Fichtelgebirge auf. Dem Abitur im Jahr 1960 folgte das Studium der Latinistik und Germanistik in Tübingen und Erlangen. 1966 legte er das erste Staatsexamen ab und kam 1967 nach Münnerstadt. Damit er und seine Freundin Anna Johanna zusammenbleiben konnten, haben sie ohne große Feier geheiratet. Und der damalige Schulleiter am Schönborn-Gymnasium, Robert Hornung, hat es tatsächlich geschafft, dass beide nach Münnerstadt kamen.
14 Jahre blieb Klaus Dieter Guhling in Münnerstadt, wechselte dann wegen sinkender Schülerzahlen freiwillig nach Bad Neustadt, um in der Region bleiben zu können. 2002 ging er in den Vorruhestand.
Stolz ist der Archivar auf seine vier Kinder. Die Tochter ist Lehrerin für Latein und Deutsch in Aschaffenburg, ein Sohn ist Bibliothekar an der Staatsbibliothek München, der zweite ist in der Geschäftsleitung von Rewe in Dortmund, und der älteste Sohn ist Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe.
Mit dem Tod seiner Frau traf Klaus Dieter Guhling ein harter Schicksalsschlag. Inzwischen hat er aber eine neue Lebenspartnerin gefunden, die er seit frühester Jugendzeit kennt. "Das ist der süße Nachtisch meines Lebens", sagt er und fügt hinzu: "Nach einem wohl gelungenen Hauptgericht." Dass die Lebenspartnerin in den USA lebt, ist kein großes Problem. So fliegt der Archivar halt öfter mal über den "großen Teich" oder sie besucht ihn in Münnerstadt.


Legendäre Diskussionen

Politische Heimat fand Klaus Dieter Guhling bei der SPD, für die er 18 Jahre im Stadtrat und zwölf Jahre im Kreistag tätig war. Die damals von ihm und anderen Stadträten auf hohem Niveau geführten Diskussionen sind heute legendär.
Aber: "Meine Lebensaufgabe habe ich im Stadtarchiv gefunden." Im August 1987 übernahm er dieses Ehrenamt von Josef Willmann. Damals, so erinnert sich Klaus Dieter Guhling heute, bestand das Archiv hauptsächlich aus der Schrifttätigkeit der Stadtverwaltung. Die letzten Jahre hatte Josef Willmann mit dem Eingliedern der Archive aus den 1972 hinzugekommenen Stadtteilen verbracht. "Er war in erster Linie an der Erkundung und Veröffentlichung der Stadtgeschichte interessiert", beschreibt Klaus Dieter Guhling seinen Vorgänger mit Verweis auf dessen zahlreichen Veröffentlichungen. Der Unterschied: "Ich war am Profil des Stadtarchivs selber interessiert." Klaus Dieter Guhling fand, dass die Überlieferung des im Rathaus entstandenen Schriftgutes allein keine ausreichende Quelle zur Bewahrung der Stadtgeschichte darstellt, sondern dass es zusätzlicher Belege bedarf. So habe es beispielsweise 1987 kein einziges Foto im Stadtarchiv gegeben. "Es galt Sammlungen aufzubauen, das entspricht sehr meiner persönlichen Tendenz zum Sammeln."
Heute gibt es Zehntausende Fotos, unter anderem aus den Archiven Gerhard Fuhrmann, Anton Müller, Christian Winterstein und Josef Parsch. Er begann auch damit, systematisch das Material der beiden Lokalzeitungen zu sammeln. "Weil man in den Zeitungen eine so detaillierte Berichterstattung über das tägliche Geschehen findet, wie es sonst nirgends dokumentiert ist." Das Sammeln ist aber nur die eine Seite: "Ich habe die Aufgabe, die Dinge so aufzuarbeiten, dass man sie nach Jahren und Jahrzehnten auch wieder finden kann." Ihm ist es gelungen, fast durchgehend sämtliche Zeitungsartikel von 1884 bis heute wieder auffindbar zu machen.


Sein größter Coup

Und da sind wir auch schon beim größten Coup, der dem "Jäger des verlorenen Schatzes" in all den Jahren gelungen ist. Die Bände der "Münnerstädter Volkszeitung" von 1884 bis 1932 galten als verschollen: In keinem Archiv waren sie archiviert worden. Nur Klaus Dieter Guhling hatte den Verdacht, dass sich die Bände im Haus des Verlegers Josef Uhlein befinden könnten, was der aber immer verneinte. Nach seinem Tod wurden sie tatsächlich auf dem Dachboden entdeckt. Verhandlungen zwischen der Nachlassverwalterin und der Stadt verliefen erfolgreich. "Das war ein Glücksfall, weil es die Bände kein zweites Mal gibt." Inzwischen lagern sie im Stadtarchiv, das sich seit 1987 von einem einzigen Raum auf den gesamten zweiten Stock des Zehntscheunen-Westflügels plus zwei Depoträume im Keller vergrößert hat.


Lieblingskind: Personalia

"Die Personalia sind mein Lieblingskind", erklärt Klaus Dieter Guhling. Er selbst kommt aus der Familienforschung und hat für künftige Generationen eine lokale Quelle mit Tausenden und Abertausenden personenbezogenen Fakten aufgebaut. Periodika gehört heute ebenso zum Archiv wie rund 2500 Bücher. Dank ihm und seiner Mitarbeiterin Dorothea Hanshans, die er als weiteren Glücksfall bezeichnet, ist das Stadtarchiv an Wochentagen von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Rund 150 Anfragen gibt es pro Jahr.
Eine Last ist ihm die Arbeit nicht. Im Gegenteil: "Ich bin der Stadt sehr dankbar, dass sie die Einrichtung vorhalten muss und mir damit den Rahmen bietet, meiner Leidenschaft zu frönen", sagt er. Ans Aufhören denkt Klaus Dieter Guhling auch nicht. "Ich mache weiter, solange ich kann, solange ich die Treppen hier hochkomme."

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren