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Münnerstadt
Geschichte

Das Wort des Bundespräsidenten

Vor 50 Jahren besuchte Heinrich Lübke erstmals das Münnerstädter Heimatspiel. Auf eine Anregung von ihm ließen die Verantwortlichen die zweite Marienerscheinung weg. Eine Kuh zollte dem Amtsträger wenig Respekt.
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"Mein Doktor ist dabei und wird sicher nichts dagegen haben", hat Heinrich Lübke beim Empfang im Rathaus gesagt. Gereicht wurde ihm der Frankenwein von Christel Ferdin. Rechts neben Lübke der damalige evangelische Pfarrer Hugo Haas, ganz rechts Pater Germanus Back.
"Mein Doktor ist dabei und wird sicher nichts dagegen haben", hat Heinrich Lübke beim Empfang im Rathaus gesagt. Gereicht wurde ihm der Frankenwein von Christel Ferdin. Rechts neben Lübke der damalige evangelische Pfarrer Hugo Haas, ganz rechts Pater Germanus Back.
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Das waren noch Zeiten. Vor genau 50 Jahren war die Aufregung bei den Münnerstädter Heimatspielern besonders groß. Hatte doch der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke seinen Besuch angesagt. Ein Großereignis. Dieser Besuch sollte Folgen haben.
Heinrich Lübke hatte seine Ankündigung vom Vorjahr wahr gemacht, als er das erste Mal zur Kur in Bad Kissingen weilte: "Wir werden uns wiedersehen", sagte er nach vierwöchigem Kuraufenthalt Mitte September 1963 zum damaligen Bad Kissinger Oberbürgermeister Dr. Hans Weiß. 1964 kam er wieder.

Zu Kur in Bad Kissingen

Bereits bei seinem ersten Besuch in Bad Kissingen hatte er sich die Kunstschätze Münnerstadts angesehen. Bei seinem zweiten Kuraufenthalt wollte er zusammen mit Ehefrau Wilhelmine auch das berühmte Münnerstädter Heimatspiel erleben. Diese Entscheidung scheint kurzfristig gefallen zu sein, oder der Besuch wurde bewusst verschwiegen, denn bei der Vorankündigung des Schutzengelfestes in der Münnerstädter Volkszeitung wenige Tage davor war davon nichts zu lesen.
Dafür berichtete die Zeitung bereits am Montag nach dem Spiel in wenigen Zeilen über den Besuch, dazu war ein erstes Foto abgedruckt. Bei den damaligen beschränkten Möglichkeiten der Technik muss das einen enormen Aufwand bedeutet haben.

Dank an die Heimatspieler

Am Dienstag füllte dann eine ganze Seite nebst Fotos die Zeitung. "In diesem Jahr wurde Münnerstadt und der Heimatspielgemeinde durch den Besuch des höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik eine große Ehre zuteil", war damals zu lesen. Heinrich Lübke zollte Münnerstadt seine Anerkennung und stellte humorvoll fest, dass der alte Rhöner-Kreis-Spruch, wonach Münnerstadt das Geld hat, noch immer gültig sei (damals). "Dank sagte er den Heimatspielern, die die Aufführung gestaltet haben."
Im Rathaus folgte der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. "Dort entstanden mit den Solisten des Heimatspieles sowie den Mitgliedern des Stadtrates und der Behördenvertreter persönliche Gespräche", hieß es.

Sein Wort hatte Gewicht

Und bei einem dieser Gespräche muss es passiert sein, wie sich der Vorsitzende der Heimatspielgemeinde, Bruno Eckert, erinnert. Heinrich Lübke, dem das Spiel sehr gut gefallen hatte, fand die zweite Marienerscheinung ein wenig zu viel und unglaubhaft. "Daraufhin wurde die Stelle weggelassen", sagt Bruno Eckert. Damals hatte das Wort eines Bundespräsidenten eben Gewicht. Bruno Eckert kann sich jedoch eine Bemerkung über "vorauseilenden Gehorsam" der Münnerstädter nicht verkneifen, denn schon während der Nazi-Herrschaft hatte man das Spiel vorsichtshalber eingestellt, obwohl es von den Machthabern als unbedenklich angesehen worden war.

Szene weggelassen

Im Spiel erscheint die Jungfrau zwei Mal über dem Torbogen. Zunächst fängt sie die Kugeln der Schweden auf, beim zweiten Mal streut sie Rosenblätter über den tödlich verwundeten Michel Stapf, der daraufhin wieder zum Leben erwacht. Weil das dem Bundespräsidenten nicht so recht gefiel, ließ man in den folgenden Jahren die zweite Szene weg, ebenso ein paar Zeilen aus dem Stück. Die Frauen beteten in den Jahren danach und plötzlich bewegte sich Michel Stapf wieder. Bruno Eckert weiß das ganz genau, denn schließlich hat er den Hüter des Jörgentores selbst gespielt. Mindestens zehn Jahre ist es so geblieben.
Mitte der 1970er Jahre, Ferdinand Betzer war inzwischen Bürgermeister und Spielleiter, holten sich die Heimatspieler einen Dramaturgen aus dem Fränkischen Theater Schloss Maßbach. Der schaute sich das Stück an und stellte fest, dass die Münnerstädter Heimatspieler auf Anregung Lübkes mal eben die Schlüsselszene gestrichen hatten. Denn: Im Stück ist immer wieder von weißen und roten Rosen die Rede. Die Rose ist ja die Blume der Jungfrau Maria. Und im Heimatspiel sagt die Oberbürgemeisterin, nachdem Michel Stapf wieder erwacht: "Die Rosen haben Rosen heut' besiegt." Gemeint ist: Die Rosen (die Blume Mariä) haben Rosen (den Offizier der Schweden mit Namen von Rosen) besiegt. Zehn Jahre lang dürften sich die Zuschauer gewundert haben, was damit gemeint ist, wenn keine Rosen vom Himmel auf Michel Stapf gefallen sind.

Die Sache mit der Kuh

Aber das ist nur eine Episode von so vielen. Da wäre ja auch noch die Geschichte mit der Kuh. Bruno Eckert weiß nicht mehr so genau, ob es beim ersten oder zweiten Besuch Lübkes war. Jedenfalls kam er samt Gefolge gehörig zu spät. Obwohl sie eine ganze Weile gewartet hatten, mussten die Heimatspieler dann ohne ihren Ehrengast anfangen. Die ersten Szenen waren vorüber, die Althäuser samt ihren Wägen und Vieh waren über den Hafenmarkt gezogen und warteten in der Salzgasse. Damals gehörten noch Kühe dazu, die vor dem Auftritt von Althausen nach Münnerstadt getrieben wurden.
"Manchmal waren sie sehr spät dran", erinnert sich Bruno Eckert. Zum ersten Mal richtig zur Ruhe kamen sie in der Salzgasse. Und dann hatten sie die dumme Angewohnheit, sich zu erleichtern. Eine tat das just in dem Moment, als der Ruf "Der Bundespräsident kommt" durch die Stadt hallte. Er war schon in der Salzgasse. Heimatspielerin Anna Scheublein schafft es, eine Schaufel zu besorgen und den Fladen zu entsorgen, bevor der Bundespräsident da war. "Ich weiß nicht, wo sie die Schaufel so schnell her hatte", sagt Bruno Eckert, der diese Szene nie vergessen wird.

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