Münnerstadt
Geschichte

90 Jahre - und kein bisschen älter

Das Heimatspiel "Die Schutzfrau vom Münnerstadt" feiert in diesem Jahr Jubiläum. Viele Darsteller sind dem Spiel über Jahrzehnte treu geblieben.
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Klara Kaidel spielte ab 1928 die Ottilia. Ein Jahr zuvor bei der Uraufführung war sie als Schnitterin dabei.  Foto: Archiv/Heimatspielgemeinde
Klara Kaidel spielte ab 1928 die Ottilia. Ein Jahr zuvor bei der Uraufführung war sie als Schnitterin dabei. Foto: Archiv/Heimatspielgemeinde
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In den 1920er Jahren waren sie hochmodern. "Damals sind deutschlandweit etwa 200 Schauspiele entstanden", weiß Bruno Eckert, der Vorsitzende der Heimatspielgemeinde Münnerstadt. Wenige Jahre später gab es die meisten nicht mehr. "Die Schutzfrau von Münnerstadt" gehört zu den ganz, ganz wenigen Stücken, die überlebt haben. In diesem wird das Heimatspiel 90 Jahre alt.

Bruno Eckert und seine Mitstreiter haben ein kleines Problem: Das erste Heimatspiel wurde am 4. September 1927 uraufgeführt. Der 4. September 2017 fällt auf einen Montag, und ein Tag zuvor ist Aufführung und Schutzengelmarkt. Da sind die Kräfte weitgehend gebunden. Und noch einen Tag früher findet traditionell die Lichterprozession statt.


Kleiner Festakt am 3. September

Noch steht es zwar nicht endgültig fest, aber es läuft auf einen kleinen Festakt am 3. September heraus. Bestandteil soll unter anderem ein Vortrag über den 30-jährigen Krieg sein, in dessen Zeit das Heimatspiel ja fällt. Außerdem planen die Heimatspieler, zumindest am Jubiläums-Wochenende das Lagerleben wieder aufleben zu lassen. Am Samstag, 2. September, wird das Lager aufgebaut, eine Gruppe bleibt sogar über Nacht, und am Sonntag geht es weiter. Es sind noch weitere Überraschungen geplant.

Interessant ist ein Blick auf die Anfänge vor 90 Jahren. Die ursprüngliche Idee kam nämlich gar nicht aus der Stadt selbst, sondern vom Bezirksoberamtsrat von Bad Kissingen, Alexander Freiherr von Moreau. "Man könnte sagen, dass er einen Narren an Münnerstadt gefressen hatte", sagt Bruno Eckert. Freiherr von Moreau, dessen Funktion mit der eines heutigen Landrats vergleichbar war, weilte gerne und oft in Münnerstadt.

Nur wenige Tage nach Moreaus Versetzung in den Ruhestand teilte Münnerstadts Bürgermeister Dionys Hanshans ihm am 3. November 1926 mit, dass der Stadtrat ihn zum Ehrenbürger ernannt hat.


Festspiele aufführen

Vier Tage später kam der Freiherr in seine "Bezirks-Hauptstadt", wie er Münnerstadt zu nennen pflegte, und unterbreitete den Vorschlag, zur Belebung des Fremdenverkehrs historische Festspiele aufzuführen. Die Honoratioren der Stadt waren begeistert. Hatte Moreau zunächst einen anderen Verfasser ins Auge gefasst, so fiel die zweite Wahl auf Ludwig Nüdling, den Pfarrer von Kleinsassen, der durch das Verfassen von Kommunionbüchlein und eines Stücks zu Ehren des Heiligen Kilian bekannt geworden war. "Ich vermute, dass der Münnerstädter Stadtpfarrer Joseph Eckstein den Kontakt hergestellt hat", sagt Bruno Eckert. "Nüdling war sofort angetan."


Ludwig Nüdling übernimmt

Und jetzt kommt das eigentliche Wunder: Am 15. März 1927 besuchte Ludwig Nüdling Münnerstadt, ließ sich die Plätze zeigen und die Geschichte erzählen, besonders die von der Errettung der Stadt im 30-jährigen Krieg. Nüdling legte den Anger als Spielort fest, übernachtete im Kloster und stellte bereits am nächsten Tag das Spiel in groben Zügen vor.

Nur einen Monat später, am 19. April 1927 las Ludwig Nüdling das Stück vor geladenen Gästen vor. Die Münnerstädter Volkszeitung schrieb daraufhin von einem "gottbegnadeten Dichter".

Im vollbesetzten Wernerkeller trug der Autor das Stück dann am 30. Mai für die Gesamtbevölkerung noch einmal vor. Es war ein grandioser Erfolg. "Ich habe mit Leuten gesprochen, die dabei gewesen waren", sagt Bruno Eckert. "Es sind Tränen der Rührung geflossen."

Ludwig Nüdling hatte eine Bedingung gestellt. Er schrieb zwar das Stück, die Spielleitung sollte aber ein Profi übernehmen. Das tat Alois Sator, der auch Nüdlings "Kiliani Frankenfahrt" in Würzburg geleitet hatte.


Eine Nacht im Kloster

Dann ging es Schlag auf Schlag. Anfang Juli wurden die Münnerstädter Vereine zur Mitwirkung aufgerufen. Mitte August gab es die ersten Solistenproben, bei dem der Text eigentlich sitzen sollte. Dann machten sich die Münnerstädter daran, die notwendigen Kostüme zu leihen und selbst zu nähen. Parallel liefen die Proben auf Hochtouren. "Hut ab vor der Leistung", meint Bruno Eckert. Denn am 4. September ging die Uraufführung bei herrlichem Wetter über die Bühne. "Sie haben richtig gut gespielt." Weit über 1000 Personen sahen das Stück. Am 8. und am 11. September gab es weitere Aufführungen.


Bis zu elf Aufführungen

Ein Jahr später wurde das Heimatspiel bereits acht Mal aufgeführt, es waren in den Folgejahren bis zu elf Vorstellungen. 1935 entschieden sich die Münnerstädter ein anderes Stück anlässlich der 600-Jahrfeier der Stadterhebung aufzuführen. Danach nahmen sie das Heimatspiel nicht mehr auf. Erst 1949 kam das Stück wieder auf die Bühne. Mit großem Erfolg.
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