Laden...
Bad Kissingen
Themenwoche

Mottowoche Wahrheit: Falsches in der Kissinger Stadtgeschichte

Im 19. Jahrhundert kurte Jenny von Gustedt an der Saale. Fake-Memoiren nehmen darauf Bezug und führen Heimatkundler bis heute in die Irre. Aber auch bei Kurhaus und Neumann-Flügel kursieren Fehlinformationen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Birgit Schmalz zeigt die  gefälschten Memoiren (links) von Diana von Pappenheim und Jenny von Gustedt. Rechts die authentischen Erinnerungen an die Baronin von Gustedt, geschrieben von Enkelin Lily Braun. Foto: Benedikt Borst
Birgit Schmalz zeigt die gefälschten Memoiren (links) von Diana von Pappenheim und Jenny von Gustedt. Rechts die authentischen Erinnerungen an die Baronin von Gustedt, geschrieben von Enkelin Lily Braun. Foto: Benedikt Borst
+2 Bilder

Rund 240 Namen umfasst eine Liste auf Wikipedia über prominente Kurgäste. In mehr als 99 Prozent der Fälle ist historisch belegt, dass sich diese Promis - darunter Kaiser, Könige, Diplomaten und Künstler - tatsächlich in dem Kurort aufgehalten haben. Zwei Personen, die in der "Liste bekannter Kurgäste in Bad Kissingen" genannt sind, waren aber nie hier: Caroline Bonaparte (1782 - 1839), die jüngste Schwester von Kaiser Napoléon I. sowie Hortense de Beauharnais (1783 - 1837), Mutter des Kaisers Napoléon III. und frühere Königin von Holland.

Um zu erklären, warum es sich bei dem Kissingen Aufenthalt der beiden Adeligen um ein Fake handelt, muss Birgit Schmalz, Historikerin im Stadtarchiv, weiter ausholen. Sie nimmt ein unscheinbares, graues Büchlein in die Hand. "Memoiren um die Titanen. Erlebtes mit Goethe und den Bonapartes im Kreise der Hohenzollern", lautet der Titel. "Ursprünglich ist das Buch 1932 erschienen und wurde 1962 neu aufgelegt", sagt sie. "Es ist schon damals von Historikern heftigst attackiert worden, aber die Kritik ist untergegangen."

Memoiren frei erfunden

Über den Herausgeber ist außer dem Namen Richard Kühn nicht viel bekannt. Das Buch enthält angeblich die Memoiren von Diana von Pappenheim (1788-1844) und ihrer Tochter Baronin Jenny von Gustedt (1811 - 1890). "Diana von Pappenheim war am Kasseler Hof die Geliebte von Jérôme Bonaparte, dem jüngeren Bruder des Kaisers", sagt Schmalz. Jenny von Gustedt wiederum war die uneheliche Tochter der beiden und kurte tatsächlich in Bad Kissingen.

Und was hat das jetzt damit zu tun, das Caroline Bonaparte und Hortense de Beauharnais ein Kuraufenthalt in Bad Kissingen angedichtet wird? Es wird in dem Buch so behauptet, lässt sich laut Schmalz anhand anderer Quellen widerlegen, etwa mit den amtlichen Kur-Listen. Die Memoiren von Diana von Pappenheim und Jenny von Gustedt sind frei erfunden. "Das Buch enthält angebliche Tagebuchaufzeichnungen und persönliche Schriftstücke von Jenny und Diana", sagt die Expertin. "Die Berichte sind sehr bildhaft und detailliert und lesen sich sehr gut." Das Buch sieht sie eher als eine Art Briefroman, als ein historisch korrektes Schriftstück. Dennoch nutzen Heimatkundler und Journalisten es oft als Quelle.

Detailreich aber fehlerhaft

Woran machen Historiker fest, dass die Memoiren gefälscht sind? Zum einen wimmle es von Fehlern. "Es wird vom schwefeligen Geruch der Bäder berichtet. Es gibt aber keine schwefelhaltige Heilquelle in Bad Kissingen", sagt Schmalz. Außerdem behaupten die Memoiren dass Jenny von Gustedt und ihre Mutter im Mai 1837 in Kissingen kurten, tatsächlich kamen sie aber erst im August in der Stadt an.

Lily Braun, die Enkelin von Jenny von Gustedt, hat unter dem Titel "Im Schatten der Titanen" (1908) die Erinnerungen an das Leben ihrer Großmutter festgehalten. Sie muss sich dabei auch auf mündliche Erzählungen stützen, Briefwechsel oder Tagebucheinträge liegen keine vor. "Lily Braun geht davon aus, dass die Schriftstücke alle vernichtet wurden, die Nachkommen von Diana von Pappenheim die Liaison mit Jérôme Bonaparte als anrüchig ansahen", erklärt die Historikerin.

Kurhaus war zunächst kein Hotel

Krasse Fehlinformationen kursieren aus Sicht des Stadtarchivs auch in Bezug auf Bau und Nutzung des königlichen Kurhauses und des Kurhaushotels. Schmalz: "Da kämpfe ich gegen Windmühlen." Es werde zum Beispiel immer wieder behauptet, dass das königliche Kurhaus als Übernachtungshaus genutzt wurde. Das stimme nicht. Im Kurhaus traf sich die vornehme Kurgesellschaft, spielte, tanzte, pflegte Konversation. 1738 hat Balthasar Neumann das Kurhaus erbaut, 1880 wurde es abgerissen und durch das königliche Kurhaushotel (späteres Steigenberger) ersetzt. Bis 1823 "war es ein reines Versammlungshaus, dann wurde eine Badeabteilung eingerichtet." Aus Sicht von Schmalz ist der Fehler auf ein Standardwerk zur Bäderarchitektur von Rolf Bothe zurückzuführen, das das Thema zwar wissenschaftlich aufgearbeitet, beim Kurhaus und Kurhaushotel aber fehlerhaft recherchiert hat.

Der Fehler beim Neumann-Flügel

Und dann ist da noch die Sache mit dem Neumann-Flügel, also dem Rückgebäude des Kurhaushotels. Der Neumann-Flügel wurde 1828 an das Kurhaus angebaut, ab 1831 konnten dort hochrangige Kurgäste übernachten (während sie sich im Kurhaus trafen, siehe Text links). Der Begriff "Neumann-Flügel" hat sich zwar im Sprachgebrauch etabliert, ist aber eigentlich nicht korrekt. "Uns ist Königliches Logierhaus lieber", kommentiert Birgit Schmalz. Warum? Als die Bauarbeiten begannen war der große Würzburger Baumeister Balthasar Neumann bereits seit 75 Jahren tot.

Der Name kursiert jedoch seit beinahe 100 Jahren. Das Königliche Logierhaus wurde 1928/29 durch Max Littmann umgebaut und modernisiert. "In den Plänen Littmanns findet sich bereits die Bezeichnung Neumann-Flügel", sagt Schmalz. Da hat sich der Name allmählich durchgesetzt. "Nach dem Ersten Weltkrieg ist die Vorstellung aufgekommen, dass das Logierhaus auf Balthasar Neumann zurückgeht, obwohl er zur Zeit dessen Erbauung bereits nicht mehr lebte. Das hat sich dann verselbstständigt", sagt Schmalz. Wie sehr , dass im Sitzungssaal des Alten Rathauses ein Gemälde aus den 1920er Jahren hängt, das den großen Würzburger Baumeister Neumann zusammen vor dem Neumann-Flügel zeigt

Verwandte Artikel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren