Bad Kissingen
Winterzauber

Modern weihnachtlich mit Überraschungseffekt

Götz Schubert und Manuel Munzlinger servierten mit ihrem Ensemble "oboe in jazz" den Zuhörern virtuoses - auch wenn nicht alle Fragen beantwortet wurden.
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(Von links) HD Lorenz, Stanley Schätzke,  Manuel Munzlinger und Götz Schubert bei ihrem Konzert im Rahmen des Winterzaubers.Thomas Ahnert
(Von links) HD Lorenz, Stanley Schätzke, Manuel Munzlinger und Götz Schubert bei ihrem Konzert im Rahmen des Winterzaubers.Thomas Ahnert

Friede, Freude, - nein, nicht Eierkuchen, sondern Weihnachtskekse servierten Götz Schubert und Manuel Munzlinger mit ihrem Ensemble "oboe in jazz" den Besuchern des Winterzaubers im Rossini-Saal. Und sie machten ihnen sofort klar, dass ihnen im Falle der späteren Erinnerung an diesen Abend mit Sicherheit der Begriff der "Sinnlichkeit" nicht als erster einfallen würde. Eine "Alpenländische Weihnacht" war nicht zu erwarten. Denn als sich das Quartett zu Beginn vor der Bühne aufstellte und zu singen begann, überraschte nicht, dass, sondern was es sang: "O Tannenbaum", aber in einer seltsam gedehnten und verschobenen Rhythmik, und plötzlich passten die Silben nicht mehr zu den traditionell dazu gehörenden Tönen. Am Ende blieb "...wie grün sind deine Blä..." übrig. Aber die vier waren selbstkritisch: "Das war jetzt nix. Das lassen wir morgen weg." Klar, dass sie das am Abend vorher auch schon gesagt hatten.

Der Obdachlose und die Pubertät

Aber dann wurde es wirklich modern weihnachtlich mit einer wunderbar verjazzten Improvisation über den Eingangschor "Jauchzet, frohlocket" aus Bachs Weihnachtsoratorium für Oboe - ein Instrument, das man nicht alle Tage in Jazzformationen erlebt - Kontrabass und Klavier. Und dann war Götz Schubert an der Reihe, der bekannte Fachmann für alles, was mit "Wort" zu tun hat: Theater- und Filmschauspieler, Hörbuchproduzent, Synchronsprecher und vieles mehr. Er beleuchtete Weihnachten von den verschiedensten, abseitigsten Seiten, freilich unter völligem Verzicht auf das Lukasevangelium.

Er berichtete von der kindlichen Angst vor dem - gemieteten - Weihnachtsmann und davon, wie beim Baumanzünden sein Bademantel Feuer fing. Er war dabei, als seine Eltern, einem karitativen Aufruf folgend, einen Obdachlosen zum Weihnachtsessen eingeladen hatten und ihn fast nicht wieder losgeworden wären. Er berichtete - da machte Weihnachten dann freilich mal Pause - von den Problemen des Pubertierenden nicht mit dem Weihnachtsmann, sondern mit den Mädchen - wobei eine Geschichte allerdings auch auf dem Weihnachtsmarkt spielte - alles andere als Erfolgsgeschichten. Er zählte, was für fatale Folgen es haben kann, wenn man beschließt, sich nur noch kleine Geschenke zu machen.

"Staubi" saugt

Zwei Episoden fielen aus dem Rahmen dieser Kurzgeschichten. Zum einen der Untergang des familiären Lebens im digitalen Strudel, den ein Weihnachtsgeschenk auslöst: ein chinesischer Staubsaugroboter, am Anfang noch liebevoll "Staubi" genannt, der, seziert in monatlichen Etappen, die Zertrümmerung des Analogen verursacht. Und die Geschichte von dem einsamen Mann, der am Weihnachtsnachmittag in einem trostlosen Café seinem Freund, einem depressiven italienischen Pianisten, der nur noch fünf Finger hat, weil er nach einem Konzert in Sizilien zum Kampf gegen die Mafia aufgerufen hatte - also weil er dem erzählen wollte, wie es zu kam, dass er in jungen Jahren unbedingt lernen wollte, wie Chet Baker zu küssen, dessen Scheibe "Almost blue" er gleichsam in Endlosschleife auf seinem Plattenspieler liegen hatte. Die Story war schon sehr sentimental und deshalb gefühlt auch ein bisschen lang. Aber wer kürzt schon gerne Geschichten, die er liebt. Zumal sie, wenn sie auch überzeichnet klangen, doch alle einen hohen Wiedererkennungswert hatten. Ohne zu Spaßbremsen zu werden.

Köstliche Improvisationen

Wobei die eigentliche Sensation die Musik war, das Vergnügen, das eine jazzende Oboe mit kongenialer Begleitung bereiten kann. Manuel Munzlinger und seine beiden Kollegen hatten sich nicht nur, aber reichlich beim Weihnachtsoratorium bedient, spielten köstliche, lustvolle Improvisationen, bei denen man keine Überraschung verpassen wollte, wenn sich etwa Dave Brubecks "Take Five" oder Chet Bakers "Almost blue" in die Bachsche Musik mischen, wenn sich am Ende der Arie "Schlafe, mein Liebster" das Sandmännchen aus dem DDR-Fernsehen noch zu Wort meldet. Aber es gab ja nicht nur Bach zu entdecken, sondern auch Aram Khatschturians "Säbeltanz" oder "Eine kleine Frühlingsweise" aus Antonin Dvoráks "Humoresken". Das war ganz einfach eine Musik, die wirklich allen großen Spaß macht - Weihnachten hin oder her.

Einige Fragen blieben offen

In zweierlei Hinsicht hätte die Combo ein bisschen gesprächiger sein können. Wir hätten schon gerne gewusst, von wem die Texte stammten, die Götz Schubert vorgetragen hat. Möglicherweise von ihm selbst, denn es ließen, wenn man es denn wollte, ein paar biographische Bezüge zum Leben des Pirnaers herstellen - auch wenn die Elbe mit keinem Wort erwähnt wurde. Es wäre ja wirklich keine Schande gewesen, sich als Autor zu outen. Aber vielleicht waren sie ja auch von Harald Martenstein, einem der zurzeit bekanntesten Weihnachtsmann-Leugner.

Und außerdem hätten wir gerne gewusst, wer neben Manuel Munzlinger die beiden anderen Musiker des Trios waren. Ganz unwesentlich waren sie ja nun nicht, auch wenn sie beleuchtungstechnisch ziemlich im Dunkeln standen und zum Schluss auch keine Bocksbeutel abbekamen. Unterstellen wir mal, dass es der Pianist Stanley Schätzke war, ein junger Mann, von dem man sicher noch viel hören wird, ein fabelhafter Techniker mit einer sehr freien, kreativen Phantasie, die er auf den Tasten auslebt. Und dass es der Bassist HD Lorenz war, ein souveräner Routinier, der in seinem Leben jeden Ton schon mehrmals gespielt hat, der trotz seines erheblichen virtuosen Feuers nie aus der Ruhe zu bringen war. Vielleicht erfahren wir's beim nächsten Mal.

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