Bad Kissingen
Geschichte

Millionen vom Dachboden

Ein Fenster in die Vergangenheit hat Werner Müller aus Poppenroth durch einen Zufall geöffnet. Sein Fund gibt Einblick in Denkweisen und Mentalität vor hundert Jahren.
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Werner Müller aus Poppenroth vor dem Madonnen-Kunstdruck. Foto: Johannes Schlereth
Werner Müller aus Poppenroth vor dem Madonnen-Kunstdruck. Foto: Johannes Schlereth
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Zufällig einen Millionenbetrag finden? Was nach einem Sechser im Lotto klingt, ist Werner Müller aus Poppenroth widerfahren. Der 65-Jährige ist auf über zehn Millionen Mark gestoßen. Genießen kann er seinen Reichtum allerdings nicht. Bei den Scheinen handelt es sich um Notgeld aus den 1920er Jahren - es ist heute also fast nichts mehr wert. Dafür hat die Notwährung Kissingens einen historischen Wert: die Scheine bieten nicht nur einen Einblick in die Mentalität Kissingens, sondern wurden sogar in der Kurstadt gedruckt.

Entdeckt hat Müller den zeitgeschichtlichen Schatz durch Zufall. "Ich bin gerade bei einem Bekannten vorbeigekommen, der am Entrümpeln war", sagt der 65-Jährige. Dabei entdeckte er auf dem Dachboden ein altes gerahmtes Bild. Hinter dem staubigen Glas verbarg sich ein Kunstdruck von Raphaels "Madonna della Sedia". Soweit nichts ungewöhnliches, Heiligenbilder sind in der Rhön weit verbreitet gewesen. Allerdings war der Rahmen wurmstichig, weshalb sein Bekannter das Bild wegwerfen wollte. "Er hatte schon angefangen, das Bild zu zerlegen", sagt Müller.

Poppenroth: Fund beim Zerlegen eines Bildes

Als sein Bekannter gerade zwei Stabilisierungsleisten an der Rahmenrückseite ausbaute, fielen zusammengefaltete Papiere auf den Boden. "Die waren nicht nur zwischen der Rückwand und den Leisten eingeklemmt, die waren festgenagelt", sagt Müller. Das ist deutlich zu sehen, denn rund um die Nagellöcher ist das Papier braun vergilbt. Die Ursache dafür ist der Zahn der Zeit. Die Nägel am Rahmen waren unverzinkt und rosteten über die Jahre vor sich hin. Rostpartikel setzten sich auch auf dem Papier ab.

Um was es sich bei dem Fund handelte, wusste das Duo allerdings erst als sie die Papiere entfalteten. "Das waren Geldscheine, ein zehn Millionen Mark-Schein und ein 500 000 Mark-Schein", erzählt der Poppenrother. "Da habe ich dann gesagt, dass ich das Bild und die Scheine nehme, bevor er das alles wegwirft." Denn geschichtlich interessiert war Müller schon immer. Deshalb begann er die Scheine zu untersuchen.

Herkunft eingegrenzt

"Das Geld lässt sich auf einen relativ kleinen Zeitraum datieren", gibt er Einblick in seine Ergebnisse. "Es muss zwischen dem 10. September und 31. Dezember 1923 im Umlauf gewesen sein." Ersichtlich wird das durch die Aufschrift auf den Scheinen. Der ehemalige Bürgermeister Dr. Max Joseph Pollwein ordnete an, dass die Notwährung nur in diesem Zeitraum verwendet werden durfte. Brachte jemand Fälschungen in Umlauf, drohte demjenigen Zuchthaus.

Die Stadt Bad Kissingen hatte bereits im Jahr 1919 Erfahrungen mit der Notwährung gesammelt. Datieren lässt sich die damalige Notwährung auf den Zeitraum vom 1. Januar 1919 bis zur Unterzeichnung des Versailler Vertrags im Juni. Deutlich wird das an dem Spruch "Es stritt mit uns im Gliede kein Freund als Gott allein, so soll denn auch der Friede ein Deutscher Friede sein" (sic). Die Bürger hofften also noch auf einen Frieden zugunsten Deutschlands. Damals zierte die trauernde Germania gegenüber des Kapellenfriedhofs 50-Pfennig Gutscheine. Die Germania tauchte auch 1923 auf dem Kissinger zehn Millionen Mark-Schein wieder auf. Während dieser in Schweinfurt gedruckt wurde, haben die 500 000 Mark-Scheine ihren Ursprung in Bad Kissingen.

Kissinger Traditionsunternehmen druckte die Scheine

Verantwortlich für diese war die "Buch- u. Kunstdruckerei T. A. Schachenmayer Bad Kissingen". Dahinter verbirgt sich der Name von Tobias August Schachenmayer, dem einstigen Verleger der Saale-Zeitung. Im Auftrag der Stadt ließ er in seiner Druckerei das Notgeld anfertigen. Stets mit von der Partie war der Kissinger Wachtmeister Streng. Besonderes Augenmerk legte der Beamte auf Diebstahl und die sorgfältige Vernichtung der Fehldrucke.

"Nicht nur der zehn Millionen Mark-Schein, sondern auch der Fünfhunderttausender hat einen bildlichen Bezug zu Bad Kissingen", sagt Müller. Die Rückseite ziert eine Ansicht des Regentenbaus. "Das müsste auf einem Bild fußen, das von der Ludwigsbrücke aus aufgenommen wurde", vermutet er. Ähnlich wie schon 1919 gab es auch 1923 einen Text auf dem Schein. Die Liedzeile von Ernst Moritz Arndt aus dem Jahr 1812 ist im Zusammenhang mit dem verlorenen Weltkrieg, der Inflation und der Besetzung des Ruhrgebiets revanchistisch zu lesen: "Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte".

Warum der ursprüngliche Besitzer das Geld hinter ein Madonnenbild nagelte, lässt sich heute nicht nachvollziehen. Um ein Geldversteck kann es sich nicht gehandelt haben: Die Scheine hatten bereits damals keinen großen Wert. In der Zeit vom September bis Dezember 1923 stieg das Briefporto für einen Inlandsbrief von zwei Millionen auf 10 Milliarden Mark an.

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