Bad Kissingen
Kriminalität

Unterfranken: 16-Jähriger vor Club niedergestochen - jetzt spricht der Täter

Einst war er ein beliebter Schüler, wollte einen sozialen Beruf erlernen. Ein Abend warf sein Leben über den Haufen. Nach einer Messerstecherei äußert sich der junge Mann und mutmaßliche Täter: "Es tut mir sehr leid, was ich getan habe. Aber ich bin mehr als die Vorurteile, die so viele gegen Flüchtlinge haben."
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In Bad Kissingen hat ein junger Mann einen Schüler vor einem Club mit einem Messer niedergestochen. Wir haben mit dem mutmaßlichen Täter gesprochen.  Foto: Andreas Krug
In Bad Kissingen hat ein junger Mann einen Schüler vor einem Club mit einem Messer niedergestochen. Wir haben mit dem mutmaßlichen Täter gesprochen. Foto: Andreas Krug

Es hätte eine Happy End geben können. Vatan*, 15 Jahre alt, wird vom Vater in Syrien auf die Flucht geschickt, weg vom Krieg, hin nach Deutschland, in der Hoffnung auf eine Zukunft, wie er sie in der Heimat wohl nie mehr haben wird. Vatan schafft es, er macht seinen Weg. Steht fünf Jahre später kurz vor dem Fach-Abi, er ist beliebt, behütet, er will "ein guter Deutscher" werden. Und dann sticht er in einer Disco im Streit auf einen 16-Jährigen ein. Warum? Eine Rekonstruktion. Zusammengestellt aus den Aussagen von Vatan und Anneliese Zimmer* (68), die sich seit fünf Jahren um ihn kümmert.

Bürokratie trennte die Brüder

Die Bad Kissingerin Anneliese Zimmer war eine der ersten, die vor fünf Jahren im Flüchtlingsheim in Euerdorf half. So traf sie dort auf Vatan, an der Seite seines Bruders (damals 18), den dritten Bruder hat die Bürokratie in eine andere Stadt gespült. Anneliese Zimmer schaffte es, das Trio zusammenzuführen, mit ihrer Hilfe kam Vatan aufs Gymnasium nach Bad Kissingen, später auf die Fachoberschule nach Schweinfurt.

Ein Junge aus gutem Haus: Warum stach er zu?

Sie sehen sich noch immer täglich. Anneliese Zimmer ist für Vatan "eine Mutter", eine Mutter, die er weiterhin siezt. So wurde Vatan erzogen: Respekt vor Erwachsenen. Sein Vater ist Ingenieur, die Mutter Zahnärztin. Der gehobene Lebensstandard ermöglichte es den beiden, drei ihrer fünf Kinder außer Landes zu bringen, als in Syrien Bomben fielen und die Angst, dass die Kinder umkommen, Vater und Mutter bald zersetzten.

"Es war schlimm", sagt Vatan. Die letzten Worte seiner Eltern waren: Pass auf dich auf. Erreiche deine Ziele. Bleib bei deinem Bruder. "Ich habe mein Alles verloren", sagt Vatan, der jedes Wort versteht, aber noch nicht alle deutschen Begriffe beherrscht. "Diese Schicksale werden mittlerweile vergessen", sagt Anneliese Zimmer. Sie weiß, dass Vatan sehr streng erzogen wurde. Dass es nicht nur durch die Erziehung strenge Regeln gab, auch die syrische Kultur hielt Vatan in engen Grenzen. "Trotzdem fehlen ihm aber ein paar Jahre Erziehung", sagt die 68-Jährige. "Ich konnte Wäsche waschen, kochen, ihm bei Behördengängen helfen - aber die Führung, die weitere Erziehung konnte ich ihm nicht geben."

Vatan* ging seinen Weg in Deutschland

Dennoch wurde Vatan ein guter Schüler. Er ist fest integriert bei seinen deutschen Schulfreunden, bei den "Richys", den Reichen, wie er selbst sagt. Zu denen gehörte er in Syrien, zu denen will er auch in Deutschland gehören. "Das sind junge Menschen mit Zielen, wie ich sie habe - die wollen auch später studieren." Dass er sich auch äußerlich nicht von den Gymnasiasten in Bad Kissingen unterscheidet, dafür sorgt Anneliese Zimmer. Vatan ist sehr gepflegt, trägt modische Kleidung. In nichts unterscheidet er sich von den Deutschen - außer seinem dunkleren Teint und dem vollen, dunklen Haar.

"Ich werde oft von Wildfremden gefragt, woher ich mir die Kleider leisten kann"

Doch trotz Jeans und Styling bleibt er natürlich Syrer. Und erfährt zu oft, dass er deshalb angefeindet wird. Er erzählt: "Ich werde oft von Wildfremden gefragt, woher ich mir die Kleider leisten kann, da ich ja nur Hartz4 beziehe und dem Staat auf der Tasche liege." Anneliese Zimmer wirft trocken ein: "Von meiner Rente. Ich habe keine Kinder, ich kann Vatan das ermöglichen."

Die Anfeindungen, die rassistischen Übergriffe gehen weiter. "Ich sitze im Bus mit freien Plätzen. Ein Mann kommt und befiehlt mir aufzustehen - er will meinen Platz." Diese demütigende Situation entschärfte eine unbeteiligte Frau, die sich einmischte. Der Gipfel des Rassismus habe sich im Juli letzten Jahres in der Theresienstraße ereignet. "Eine Gruppe junger Männer verprügelte mich, weil sie Ausländer hassen." Und dabei hatte Anneliese Zimmer Vatan immer gepredigt: Geh solchen Situationen aus dem Weg; wehre dich nicht; du musst noch anständiger sein als anständige Deutsche, denn dich beobachten sie; du darfst keine Angriffsfläche zeigen; du darfst nicht auffallen; du darfst keinen Fehler machen - nicht nur wegen dir, weil sonst dein Aufenthalt in Gefahr ist: "Natürlich wollte ich auch, dass Vatan sich vorbildlich verhält, weil er und alle anderen das Ergebnis unserer ehrenamtlichen Bemühungen repräsentieren."

"Zuhause in Syrien hätte mich mein Vater hart dafür bestraft"

Vatan wehrte sich nicht. Er zeigte es nicht an, er schüttete Anneliese Zimmer sein Herz aus, die ihn tröstete. Und dann ging er Tage später an den Berliner Platz, zu "deutschen Jugendlichen, die dort immer sind", sagt Vatan. Von ihnen kaufte er sich ein Butterfly-Messer für 15 Euro. Eins mit einer zu langen Klinge, um noch erlaubt zu sein. "Ich dachte, wenn ich das nächste Mal in einer solchen Situation bin, dann zeige ich das Messer und dann verprügelt mich keiner."

Vom Messer erzählt er Anneliese Zimmer nichts. Nicht nur, dass er weiß, dass es verboten ist - es ist ihm dazu noch "peinlich", so drückt er es aus. "Zuhause in Syrien hätte mich mein Vater hart dafür bestraft, wenn er mich mit einem Messer erwischt hätte." Doch fortan trägt er es bei sich, "wenn ich nachts lange unterwegs bin".

Der Tatabend in Bad Kissingen

Wie am Freitag vergangener Woche. Mit zwei deutschen Freunden ist er im Look, der Disco in Bad Kissingen. Vatan, der von sich sagt, nichts zu vertragen, trinkt Wodka-Mischungen, später werden bei ihm 0,6 Promille gemessen. Anneliese Zimmer: "Auch das macht mich so sauer. Seine Freunde hatten eine Verantwortung für ihn, sie müssen doch wissen, dass er sich nichts zu Schulden kommen lassen darf - und dass Alkohol enthemmt." Anneliese Zimmer weiß selbst, dass sie bei Vatan andere Maßstäbe als bei einem deutschen Jugendlichen anlegt; dass sie viel zu streng ist; ihr Vatan darf eben nicht wie andere mal über die Stränge schlagen.

Nur eine Zigarette rauchen: Plötzlich geht alles ganz schnell

Vatan will raus zum Rauchen, im schmalen Gang stellt sich ihm einer entgegen. Der weicht keinen Millimeter. Vatan: "Ich hab zu ihm gesagt: Hey, mach mal Platz, ich will nur vorbei." Es kommt zum Schulterrempler. "Ich will keinen Stress", habe er gesagt, erzählt Vatan. Im Raucherbereich beobachtet er, wie der Rempler mit zwei oder drei anderen zusammensteht, wie über ihn geredet wird.

"Ich hatte Angst, dass etwas in der Disco passiert und ich wollte kein Hausverbot kassieren." Lasst es uns draußen klären, habe er zu den Gegnern gesagt. Mit seinen Freunden ging er raus auf den Parkplatz. "Ich habe gedacht, wir können das mit Worten klären."

Vatan: "Dann hatte ich das Messer in der Hand"

Plötzlich wurden aus den drei mindestens zehn, "und alle sind auf einmal auf mich losgegangen". Es soll gut auf dem Überwachungsvideo der Disco zu erkennen sein. Enrico Ball, Sprecher des Polizeipräsidiums in Würzburg: "Eine größere Gruppe geht auf eine kleinere Gruppe los." Wer allerdings im Einzelnen wann wen geschlagen hat, müsse noch ermittelt werden - und dazu werden dringend unabhängige Zeugen gesucht.

Vatan sagt, er sei verprügelt und getreten worden. "Meine Brille flog weg, der Pullover war zerrissen, ich habe noch Schürfwunden und blaue Flecken an Armen, Beinen, Schultern. Dann hatte ich das Messer in der Hand. Ich bin nicht auf sie losgegangen, ich wollte, dass sie Angst haben und aufhören. Aber die sind weiter auf mich losgegangen." Als die Security kommt, hat ein 16-Jähriger, der zu der Gruppe des Remplers gehörte, mehrere Stiche im Oberkörper. Zunächst galt er als schwer verletzt, er konnte aber am nächsten Tag bereits das Krankenhaus verlassen.

Auch Vatan hat Stichwunden an der Hand, woher die kommen, ist noch nicht geklärt. Am Montag nach der Tag ging er mit Anneliese Zimmer zur Polizei und machte eine umfängliche Aussage. Das Opfer, der 16-Jährige, hat von seinem Recht Gebrauch gemacht, sich nicht zu äußern.

Vatan: "Das Messer ist nicht zu entschuldigen. Ich hätte das nicht tun dürfen. Der 16-Jährige wollte einfach nur seinen Freund unterstützen. Es tut mir sehr leid, was passiert ist." Anneliese Zimmer hat versucht, Kontakt zur Familie aufzunehmen, doch bislang keine Reaktion erhalten. Dass gegen ihren Vorzeigeschützling jetzt die Kripo ermittelt, erschüttert sie.

"Alle, aber nicht Vatan, habe ich mir immer gedacht." Vatan hat seinem Vater noch nichts erzählt. "Ich kann es ihm erst sagen, wenn ich weiß, was mich erwartet. Es wird furchtbar für ihn. Zuhause hätte er mich für so etwas erschlagen."

Vorurteile wegen seiner Herkunft

In sozialen Netzwerken wie Facebook wird Vatan beschimpft, verurteilt. "Es steht überall, dass es ja klar war, dass ich so etwas getan habe, nur, weil ich Syrer bin. Ich habe einen großen Fehler gemacht, aber ich bin kein Gangster. Und nicht alle Syrer sind Messerstecher. Das war ich, Vatan, der Gymnasiast, der FOS-Schüler, der, der später einen sozialen Beruf lernen möchte, ich, Vatan, der von meinen Eltern dazu erzogen wurde, für andere da zu sein. Ich will nichts beschönigen. Aber ich bin mehr als die Vorurteile, die so viel gegen Flüchtlinge haben."

Vatan sagt, er habe in der vergangenen Woche kaum geschlafen. Vernehmungen bei der Kripo, das schlechte Gewissen, die Angst vor seiner Zukunft und ob er die überhaupt noch in Deutschland hat, lassen ihn nicht zur Ruhe kommen.

Während Vatan wartet, was jetzt passiert, hat sich ein paar Tage nach der Tat folgendes vor der Disco zugetragen: Eine Gruppe junger Männer hat sich auf dem Parkplatz, dem Tatort, getroffen. Sie standen zusammen, redeten, schauten in die Überwachungskamera, wechselten ihre Plätze, begutachteten wieder die Überwachungskamera. Was die Jungs nicht wussten: Ein Mitarbeiter der Disco beobachtete sie. Es war die Gang rund um den Rempler. "Es sah so aus, als würden sie die Prügelei zu Absprachezwecken nachstellen wollen", sagt Christian Metz, Geschäftsführer der Disco. Durch einen Zufall kam eine Zivilstreife vorbei, die ebenfalls auf die Gruppe aufmerksam geworden war. Die Polizei nahm alle Personalien auf. *Namen geändert

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