Bad Kissingen
Autobahn

Meinungen noch immer geteilt

Während Staatsekretär a.D. Eduard Lintner die A 71 nach zehn Jahren als Erfolg sieht, gibt es bis heute Kritiker. Die "Bürgeraktion" befürwortete den Ausbau der B 19 und erreichte immerhin Verbesserungen.
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Helmut Schultheiß vom Bund Naturschutz bei einer Demo 1996. Foto: Archiv Saale-Zeitung
Helmut Schultheiß vom Bund Naturschutz bei einer Demo 1996. Foto: Archiv Saale-Zeitung
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An den 17. Dezember 2005 kann sich Siegfried Erhard noch genau erinnern. Nicht nur weil es der Tag vor seinem 54. Geburtstag war, sondern weil damals die A 71 offiziell eingeweiht wurde. "Eigentlich war sie an dem Tag noch gesperrt und wurde erst am 18. frei gegeben, aber ich bin nach der Feier trotzdem auf der Autobahn heim gefahren - und da war ich nicht der einzige", erzählt der ehemalige Oerlenbacher Bürgermeister. 15 Jahre lang hatte er bis dahin regelmäßig mit dem Autobahnbau zu tun, in der heißen Phase mehrmals pro Woche. Sein Fazit: "Die A 71 hat zwar nicht die prognostizierten Verkehrszahlen erreicht, aber sie hat eine Entlastung gebracht."


Lintner: Gute Entscheidung

Positiv sieht auch Erhards CSU-Parteifreund Eduard Lintner die Autobahn: "Das war eine zukunftsorientierte und gute Entscheidung", erklärt der frühere Staatssekretär. Allerdings gibt es auch nach zehn Jahren nicht nur Befürworter: "Die A 71 wäre nicht nötig gewesen, das zeigen ja auch die Verkehrszahlen", sagt etwa der Oerlenbacher Peter Bergmann, der damals die Bürgeraktion gegen die A 71 mitgründete. Der gleichen Meinung ist Helmut Schultheiß, der als Regionalreferent beim Bund Naturschutz für Unterfranken zuständig ist: "Die Natur musste aus unserer Sicht einen viel zu hohen Preis zahlen."
Selbst die Gegner nutzen heute ab und an die A 71: "Ich fahre mal drauf, aber meistens nehme ich die B 19, deshalb sehe ich auch, dass dort ja trotz Autobahn Umgehungsstraßen notwendig wären", berichtet Peter Bergmann. Und Schultheiß fährt mit einem mulmigen Gefühl auf der A 71: "Es tut immer noch weh, weil ich an vielen Punkten sehe, was verloren gegangen ist."
Ganz anders bei den ehemaligen Politikern: "Ich fahre mindestens einmal in der Woche auf der Autobahn - mit einer gewissen Befriedigung, dass das realisiert wurde", berichtet Lintner. Für Siegfried Erhard ist die A 71 eine besondere Strecke: "Das ist schon irgendwo meine Autobahn, schließlich bin ich jeden Meter vor der Einweihung schon mal abgelaufen oder mit dem Fahrrad abgefahren."
Ab seiner Wahl zum Oerlenbacher Bürgermeister 1990 beschäftigte sich Erhard regelmäßig mit der späteren A 71. Schon damals sei die B 286 neu ein Thema gewesen: "Ich war mir sicher, dass die spätestens in meiner zweiten Amtszeit kommt, jetzt war ich 24 Jahre lang Bürgermeister und es hat trotzdem nicht geklappt." Der fehlende Zubringer nach Bad Kissingen ist aus Erhards Sicht der größte Haken am Bau der A 71: "Alle Straßen sind gebaut worden, nur nicht die Zufahrt nach Bad Kissingen, die eigentlich eh' geplant war." Schließlich seien schon damals alle Argumente dafür bekannt gewesen, allen voran die hohe Verkehrsbelastung und der Wasserschutz bei Arnshausen. "Wir hatten damals die Zusage, aber leider hat ja der Bundesrechnungshof nicht mitgemacht."


Schätzung war zu hoch

Zu Fall gebracht wurde die B 286 neu vor allem, weil die Verkehrsprognose angezweifelt wurde. Bei der A 71 dagegen wurde nicht so genau hingeschaut: "Der Verkehrsstrom ist eher zu hoch geschätzt worden", gibt auch Lintner heute zu. Allerdings rechnet er durch die aktuelle Verlängerung der A 71 über Erfurt hinaus mit einer Zunahme. Als deutschlandpolitischer Sprecher der Unionsfraktion sei ihm damals die Verbindung zwischen Thüringen und Bayern wichtig gewesen: "Das ging von der kleinen Ortsverbindungsstraße bis zur Eisenbahnstrecke." Für die A 71 sei lange nach einer Lösung gesucht worden: "Die jetzige Trasse schont die Ortschaften optimal", betont Lintner, und: "Deshalb habe ich in Bonn auch sehr dafür gekämpft." Sogar eine Demonstration mit Befürwortern organisierte er. "Und ich habe in meinem Leben nicht viele Demos organisiert!"
Menschen auf die Straße zu bringen, war auch die Strategie der Gegner: "Das Autobahnprojekt ist bei der Bevölkerung vor Ort auf breiten Widerstand gestoßen", berichtet Helmut Schultheiß. Das sei an zahlreichen Demonstrationen und an den fast 20 000 Einwendungen zu den Planfeststellungsverfahren ablesbar. "Das war bis dahin ein bayernweiter Rekord." Zum Anhörungstermin in Bad Kissingen wurde sogar der Regentenbau gemietet. Und die Einwände hatten Erfolg: "Es musste überall substanziell nachgebessert werden."


Erfolge der Bürgeraktion

"Man hat damals versucht, die Bürgeraktion zu kriminalisieren", verweist Peter Bergmann darauf, dass eine angemeldete Demonstration von der Polizei aufgelöst wurde. 1500 Mitglieder hatte die Bürgeraktion, viele begleiteten die Planung sehr intensiv. Peter Bergmann etwa leitete den Arbeitskreis Wasser und verbucht unter anderem den umfassenden Grundwasserschutz bei Münnerstadt als großen Erfolg. Helmut Schultheiß vom Bund Naturschutz nahm aus dem Protest rund um die A 71 sogar jede Menge Anregungen für den Ausbau der A 6 in der Oberpfalz mit.


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