Bad Kissingen
Grenzerfahrung

"Man darf gar nicht daran denken"

Zwei Weltkriege hat Anneliese Hoppmann erlebt und viele schwierige Zeiten durchgemacht. Dennoch hat sie auch viele schöne Erinnerungen, vor allem an ihre Jugendzeit im brandenburgischen Guben.
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Anneliese Hoppmann beim Betrachten alter Familienfotos.  Foto: Thomas Ahnert
Anneliese Hoppmann beim Betrachten alter Familienfotos. Foto: Thomas Ahnert

"Ich bin noch ein Kriegskind", sagt Anneliese Hoppmann. "Als ich geboren wurde, waren die Kämpfe noch in vollem Gange." Dabei meint sie allerdings nicht den Zweiten Weltkrieg, sondern den Ersten. Als am 8. November 1918 endlich die Waffen schwiegen, war sie bereits neun Monate alt. "Ja, ich werde im nächsten Februar 102." Da ist viel Zeit, um viel zu erleben, auch Schwieriges. Für sie waren das die Jahre des Zweiten Weltkrieges und die Nachkriegszeit.

Geboren wurde Anneliese Hoppmann im brandenburgischen Guben. "Kennen Sie Guben? Das ist eine wunderschöne grüne Stadt, die durch die Neiße in einen deutschen und einen polnischen Teil (Gubin) geteilt wird, genauso wie Frankfurt durch die Oder." Dort hat sie ihre Schulzeit verbracht, und dort ging sie in der örtlichen Sparkasse in die Lehre. Sie hat noch viele alte Schwarzweißfotos und Postkarten aus dieser Zeit, die sie immer wieder gerne anschaut, weil sich so viele schöne Erinnerungen damit verbinden, insbesondere "unser wunderschönes Theater auf der Neiße-Insel."

1937, als sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatte, wechselte sie an die Sparkasse in Jüterbog südlich von Potsdam, wo sie eine Stelle angeboten bekommen hatte. Da hatte sie das erste Mal mit Soldaten zu tun: "Jüterbog war eine Garnisonsstadt mit 30 000 Soldaten und Militärflugplatz." Da hat sie auch 1940 geheiratet, aber "ein paar Tage nach der Hochzeit ist mein Mann - der war Rheinländer - eingezogen worden." Der musste nach Potsdam, und sie kehrte zurück in ihr Elternhaus nach Guben. 1941 kam ihr erster Sohn Rainer zur Welt. Der Krieg war damals noch relativ weit weg, weil sich die Bomber der Alliierten vor allem auf Berlin konzentrierten.

"Aber 1944 kam der Befehl, dass Frauen und Kinder die Stadt verlassen sollten, weil die Russen im Anmarsch waren. Da kamen schon die ersten Flüchtlinge in die Stadt." Anneliese Hoppmann blieb bei ihrer Mutter, weil ihr Vater zur Marine eingezogen war. Im Januar 1945 gingen die beiden Frauen mit dem Kind dann aber doch nach Jüterbog, nachdem die Wertsachen der Familie im Garten vergraben waren. Über ihre Bankkontakte kamen sie sogar an eine Wohnung. "Kurz vor Hitlers Geburtstag tauchte der erste russische Jeep an der Stadtgrenze auf", und deutsche Offiziere gingen ihm entgegen: "Da hat sich die Stadt wohl ergeben, damit die Frauen nicht vergewaltigt werden."

Die Rechnung ging nicht auf. Aber die beiden Frauen konnten wenigstens zehn deutsche Soldaten retten, indem sie ihnen zivile Kleidung beschafften und die Uniformen samt Orden verbrannten. "An Hitlers Geburtstag kamen dann die Panzer. Die Frauen sind alle in die Keller gegangen, um sich zu verstecken, aber ich bin oben im ersten Stock geblieben, weil ich sehen wollte, was passiert."

Erst hat Anneliese Hoppmann die Soldaten für Amerikaner gehalten, wegen der großen Panzer. Aber als sie dann die Gesichter sah, muss sie erschrocken sein: "Da sind ja Mongolen dabei!" Der Vortrupp war noch zurückhaltend - ein Soldat brachte sogar Essen vorbei. Aber als der Haupttross kam, brachen die Dämme. Auch Anneliese Hoppmann wurde mehrfach vergewaltigt. Da half es ihr auch nichts, dass sie fließend russisch sprechen konnte. Heute kann sie das - fast - mit der nüchternen Distanz der Chronistin erzählen, damals muss es für sie eine Katastrophe gewesen sein.

"Auf jeden Fall saßen wir jetzt fest zwischen 20 000 Russen." Anneliese Hoppmann war einem Trupp zugeteilt, der Schienen abmontieren sollte. Aber sie konnte sich verdrücken. Später kochte sie im Offizierscasino.

Im Wald versteckt

Und es wuchs in ihr der Wunsch, in den Westen zu gehen. Sie fuhr mit ihrem Kind heimlich nach Stapelburg - dort war die Grenze. "Es waren noch viele Leute im Zug, und als wir dort ankamen, wussten wir nicht, wo jetzt Westen ist. Wir sahen nur, dass alle in eine Richtung rannten, und alle Polizei hinterher." Sie hat sich erst einmal im Wald versteckt. "Die Polizei hat uns nicht entdeckt." Trotzdem was es schwierig und gefährlich, dann in der Dunkelheit voranzukommen. "Um 8 Uhr waren wir schließlich in Osterode im Harz." Dann ging es weiter zu Verwandten in Oberhausen. Da waren sie erst einmal in Sicherheit, aber sie hatten nichts mitnehmen können. Deshalb fasste sie den Entschluss, im Januar 1948 nach Jüterbog zurückzufahren, um Sachen zu holen: "Ich hatte ja jetzt einen gültigen westdeutschen Pass." Es wäre beinahe ihre letzte Reise geworden.

Denn als es in Jüterbog Probleme mit den Einreisestempeln gab, wurde sie von einer früheren Kollegin bei der Polizei angeschwärzt. "Die wussten jetzt, dass ich geflohen war." Noch am Nachmittag wurde sie zu einem ersten Verhör abgeholt. "Jetzt bekam ich langsam Angst." Dank ihrer Russischkenntnisse bekam sie ihre Papiere zurück und konnte gehen. Aber am nächsten Morgen sollte sie um sechs Uhr morgens in der russischen Kommandantur in Luckenwalde erscheinen. Ausgerechnet eine Kartenlegerin warnte sie davor, in der Stadt zu bleiben. "Nachts um vier habe ich meinen Jungen geweckt, ein paar Sachen gepackt, mich verkleidet und eine Sonnenbrille aufgesetzt und bin mit dem ersten Zug zu Verwandten nach Berlin gefahren."

In Spandau bei einem Onkel fühlte sie sich wieder in Sicherheit. Noch am Mittag standen Polizisten in Jüterbog vor dem Haus und warteten auf die Geflohene. Am nächsten Abend stieg sie in den Zug Richtung Oberhausen. Und auch jetzt hatte sie Glück, dass sie dank ihrer Kaltschnäuzigkeit nicht genauer überprüft wurde. Obwohl: "Ich habe gezittert am ganzen Körper." Wäre es anders gelaufen, wäre sie spurlos in einem Lager verschwunden. "Das war für mich eine schlimme Zeit. Ich bin noch am Zittern, wenn ich daran denke."

"Das war unsere Flucht. Nur wenige haben uns geholfen. Und im Rheinland habe ich nichts bekommen, weil ich nicht durchs Lager gekommen bin. Für uns gab es keine Entschädigung." Anneliese Hoppmann konnte weder nach Jüterbog noch in ihr Elternhaus nach Guben zurückkehren: "Man darf gar nicht daran denken."

Das Haus gibt es noch

Aber natürlich denkt sie daran, gerät ein bisschen ins Schwärmen, wenn sie von ihrer Heimatstadt und der schönen Umgebung erzählt, von der Himmelsleiter, die die Unter- und die Oberstadt miteinander verband: "Sie glauben es nicht, was wir für Bäume hatten in den Straßen." Ihre Mutter hat später noch einmal versucht, zu Fuß von Jüterbog nach Guben zu kommen, um nach dem Haus zu sehen. In die Stadt ist sie noch gekommen, aber die letzten Meter waren ihr verwehrt. Das Haus gibt es noch, aber es muss ziemlich verwahrlost sein.

Allmählich normalisierte sich ihr Leben. Mit ihrem zweiten Mann zog sie nach 20 Jahren von Oberhausen nach Bad Wildungen, wo sie - die erste Ehe war auseinandergegangen - eine Pension betrieben. 1980 - ihr Mann war 1972 an einem Herzinfarkt gestorben - lud eine Freundin sie nach Bad Kissingen ein. "Da habe ich gesehen, wie schön das hier war unter dem Oberbürgermeister Dr. Hans Weiß." Und sie entschied sich zu bleiben, suchte sich eine Wohnung. Und sie fand einen Lebensgefährten, einen Wanderfreund. Inzwischen würde sie übrigens nicht mehr hierher ziehen.

Worüber Anneliese Hoppmann nie hinweggekommen ist, ist der Tod ihres ersten Sohnes 2008. Aber es ist immer eine schwierige Situation, wenn vor den Eltern die Kinder sterben. Zu ihrem zweiten Sohn und den Enkeln hält sie engen Kontakt.

Anneliese Hoppmann ist noch ganz erstaunlich fit. Sie lebt nach zwei Umzügen seit 30 Jahren in ihrer eigenen Wohnung, ist aber auch gut in die Hausgemeinschaft integriert: "Ich suche immer Gemeinschaft. Wenn etwas ist, helfen wir uns gegenseitig." Sie versorgt sich noch selbst, kommt mit ihrem Rollator überall hin, wo es eben ist. "Bis vor einiger Zeit war ich jeden Tag im Konzert", sagt sie und schwärmt ein bisschen von Mario Weber, dem früheren Leiter des Kurorchesters. "Aber das kann ich nicht mehr, weil ich nicht mehr so lange sitzen oder stehen kann." Wenn sie dabei liegen könnte, würde sich auch wieder kommen. Aber sie hat die Umbenennung des Orchesters in "Staatsbadphilharmonie" noch nicht wirklich verwunden. Dann holt sie der Alltag ein: "So", sagt sie, "jetzt muss ich meinen Blumenkohl kochen."

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