Bad Kissingen
Kissinger Sommer

Liederwerkstatt I: Mit neuen Tönen nach der Natur gemalt

Es erscheint alle Jahre wieder wie ein großes Wunder, was das kleine Festival im großen Festival Kissinger Sommer in die Kurstadt bringt.
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Freude nach begeisterndem Tun und groß Applaus für die Mitwirkenden des ersten Liederwerkstattkonzerts: (v. l.): Steffen Schleiermacher, Jan Philip Schulze, Axel Bauni, Andrei Baleiro, Julian Habermann, Kimberley Boettger-Soller, Sheva Tehoval, Gerhard Rühm und Zeynep Gedzilioglu.Gerhild Ahnert
Freude nach begeisterndem Tun und groß Applaus für die Mitwirkenden des ersten Liederwerkstattkonzerts: (v. l.): Steffen Schleiermacher, Jan Philip Schulze, Axel Bauni, Andrei Baleiro, Julian Habermann, Kimberley Boettger-Soller, Sheva Tehoval, Gerhard Rühm und Zeynep Gedzilioglu.Gerhild Ahnert
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Die "Liederwerkstatt" versammelt in der Kurstadt auf dem Lande drei ausgezeichnete Pianisten, unter ihnen der Leiter der zwei Veranstaltungen, Axel Bauni, vier großartige Sänger und in der Auflage 2019 sechs namhafte Komponisten zu einem Festival des Liedgesangs im Rossini-Saal des Regentenbaus.

Seit Beginn der neuen Intendanz von Tilman Schlömp werden nicht bekannte und neu komponierte Lieder eines einzigen Dichters vorgestellt, sondern Lieder, deren Texte einem Thema zugeordnet werden können, wie in den vorangegangenen beiden Jahren "Revolution" und "Tanz". In diesem Jahr ist das das Gesamtmotto des Kissinger Sommers 2019 "Nach der Natur gemalt".

Damit hat der Intendant den Komponisten und Interpreten nach Worten von Axel Bauni eine "Steilvorlage" geliefert, denn natürlich basiert Liedgesang auf Lyrik und vor allem die Gedichte der Klassik und Romantik handeln sehr häufig von der Natur in ihren unterschiedlichsten Aspekten. Sie steht für das, was nicht vom Menschen gemacht ist, war bis zur Aufklärung ein Teil von Gottes Schöpfung, ist aber seitdem zu fast religiöser Bedeutung aufgestiegen. Für die Dichter ist sie ein Spiegel menschlicher Befindlichkeiten. Im Programm der diesjährigen LiederWerkstatt taucht sie in verschiedenerlei Gestalt auf, als natürlicher Wald in der Romantik, aber auch als künstliche Natur im Park. In den Liedern der zwei Teile erscheint sie auch in einzelnen Aspekten wie den Jahreszeiten, dem Wasser, den Pflanzen, den Vögeln und dem alles überspannenden Himmel und war ein geistiger Rückzugsort von Generationen. Seit dem 20. Jahrhundert haben sich in den Lobpreis der Natur Sorge und Skepsis angesichts ihrer Gefährdung gemischt, was bei den Komponisten der Uraufführungen ebenfalls seinen Niederschlag fand.

Auf Beethovens "Mailied" und "Adelaide", Schumanns "Erstes Grün", Hugo Wolfs "Im Frühling" und Franz Schrekers "Wurzeln und Halme", in denen die Natur und die Jahreszeiten vom Frühling bis zum todbringenden Winter beschrieben und im Gesang gefeiert werden, folgte die Uraufführung von Gerhard Rühms "Naturbeschreibung. Sechs Lieder nach eigenen Gedichten", die er selbst als "nicht gerade heiter" bezeichnet aufgrund unseres "katastrophalen Umgangs" mit unserer Umwelt. Er kontrastiert einen fast expressionistischen, oberflächlich witzigen Text wie "die wolken ziehen sich in falten" mit düsteren Akkordfolgen und kommt zum Fazit: "die erde taumelt in die nacht". Auf Mendelssohns "Schilflied" folgte Weberns "Wiese im Park", in dem eine sehr dramatische Klavierbegleitung und eine sich mächtig aufbäumende Stimme im Text von Karl Kraus konstatieren: "Ein toter Tag schlägt seine Augen auf, und alles bleibt so alt."

Henri Duparcs "Phidylé" besingt wieder die Schönheit der Naturphänomene. Manfred Trojahns Uraufführungs-Beitrag, "Drei Trakl-Lieder" ist ein nachdenklicher, sehr delikat mit "Im Frühling" beginnender Lobpreis auf die Natur, in "Im Park" wechselt die Melodie über einem ostinato wiederholten Ton im Klavier ständig die Tonhöhe in der Singstimme, auch in "Geistliche Dämmerung" verwendet Trojahn dieses Mittel zur Beschreibung der Natur am Abend.

Dieses Mittel fand sich überraschenderweise auch in Robert Schumanns "Sehnsucht nach der Waldgegend", eine unangenehm zu singende und wenig romantisch anmutende Komposition. Franz Schuberts "Waldesnacht" ist dagegen eine fast durchkomponierte große Konzertarie, in der Klavier und Singstimme in dramatischer Aufgipfelung keineswegs nur die Ruhe des Waldes genießen, sondern die Zügellosigkeit von "des Gedankens Macht" feiern. Konventionell dann wieder Gabriel Faurés "Dans la foret de septembre", bevor die große Überraschung mit Zeynep Gedizlioglus "Kein Baum" zu einem Prosatext von Thomas Bernhard, kam. Ein stark repetitiver Text der absoluten Verneinung wird in dieser Auftragskomposition des Kissinger Sommers aufgebrochen durch verschiedenste Gestaltungsmittel wie Singen in extremen Höhen, Flüstern, Schreien, Sprechen, bis er immer wieder bei dem einzig nicht verneinten "Du" landet. Eine ebenso beklemmende wie faszinierende Arbeit der jungen Komponistin.

Zum Schluss gab es dann eine Collage mit allen Sängern und allen drei Pianisten aus "An die Natur" von Johann Abraham Peter Schulz, Edward Elgars "False Love", Hanns Eislers "Kirschdieb", Schuberts "Das Lied im Grünen" und den Schlussversen von Eislers "Rückkehr zur Natur", "Wir kehren langsam zur Natur zurück!" Sheva Tehoval (mit ihrem klaren, treffsicheren Sopran), Kimberley Boettger-Soller (mit ihrem opernhaft vollen Mezzosopran), Julian Habermann (mit seinem fast stählern reinen Tenor) und André Baleiro (mit seinem schmiegsamen Bariton) hatten mit den Pianisten Axel Bauni, Jan Philip Schulze und Steffen Schleiermacher das Mammutprogramm erarbeitet und überzeugten mit wunderbar geführten Stimmen, auch bei Extremschwierigkeiten, und großer Geschlossenheit der in dreitägiger Vorbereitung erarbeiteten Interpretationen. Eine witzige Zugabe war Gerhard Rühms "Jeni - Traum und Alptraum", ein Sprechduett, das er zusammen mit Monika Lichtenfeld selbst vortrug. Ein gut durchdachter erster Teil des Liedfestivals im Rahmen des Kissinger Sommers!

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