Bad Kissingen
Natur

Liebeskrankes Wild im Hexenkreis

Autofahrer müssen derzeit vorsichtig sein. Die Gefahr für Wildunfälle ist nämlich aktuell höher, als im restlichen Jahr. Das hat einen Grund.
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Wild sorgt häufig für gefährliche Situationen im Straßenverkehr. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild
Wild sorgt häufig für gefährliche Situationen im Straßenverkehr. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild

Was seit Juli und noch in den nächsten Monaten bei Jägern für Freude sorgt, erfordert von Verkehrsteilnehmern erhöhte Aufmerksamkeit. Der Grund dafür ist das Naturschauspiel der Brunft bei den Cerviden. "Darunter fällt beispielsweise das Reh oder der Rothirsch mit dem weit verzweigten Geweih", informiert Dr. Helmut Fischer, Veterinär und Vorsitzender des Kissinger Jägervereins.

Von Ende Juli bis in den Oktober und frühen November hat jede Cervidenart ihr eigenes Zeitfenster für die Paarung. "Dabei sind stets auch Alttiere unterwegs, die sich sonst eher selten blicken lassen", sagt der Fachmann. Was die männlichen Alt- und Jungtiere dabei eint ist vor allem eines. "Sie sind im wahrsten Sinn des Wortes testosterongesteuert", sagt Fischer.

Tiere sind völlig enthemmt

"Die Tiere verlieren durch das Hormon ihre Scheu vor dem Menschen, zeigen Aggressionen gegenüber ihren Artgenossen und werden leichtsinnig", teilt der Veterinär aus Bad Kissingen mit. Das wird vor allem dann deutlich, wenn das Weibchen paarungsbereit ist. "Dann gibt es Duftstoffe ab, woraufhin sich das männliche Tier an die Fersen des Weibchens heftet", erklärt Fischer.

Das ist wörtlich zu nehmen, denn die Verfolgungsjagd des Männchens kann sich über mehrere Kilometer erstrecken und einige Stunden dauern. Dabei machen die Tiere vor nichts halt. Sprichwörtlich blind vor Liebe überqueren sie selbst viel befahrene Straßen. Damit gefährden die Tiere nicht nur sich selbst, sondern auch die Verkehrsteilnehmer. Und das nicht nur zur Dämmerungszeit. "Die Brunft findet auch tagsüber statt", sagt Thomas Schreder, Pressesprecher beim Bayerischen Jagdverband. Während der Brunft sei ein Rehbock nahezu 24 Stunden auf den Läufen. Ziel der Böcke sei es, sich mit möglichst vielen Weibchen zu paaren, sagt Schreder.

Das Treiben des Rehbocks

"Beim Rehbock spricht man davon, dass er das Schmalreh oder die Geiß treibt", erläutert Fischer. Der Unterschied zwischen einem Schmalreh und der Geiß ist, dass ein Schmalreh noch keine Jungen gehabt hat. Allerdings neigt sich die Hauptzeit der Brunft beim Reh dem Ende zu. "Was danach noch ansteht, ist die Nachbrunft", sagt Schreder. Weibliche Tiere, die zur Hauptbrunft noch nicht reif waren, werden brunftig, und lösen bei den männlichen Böcken das typische Verhalten aus.

Das Treiben ist auch Ursprung einer alten Volkssage. "Dabei geht es um die sogenannten Hexenringe", sagt Fischer. Das sind Ringe, bei denen das Gras plattgetrampelt ist. Der Volksglaube sah einst Hexen als Ursache dafür. Tatsächlich entstehen die Ringe, wenn das Treiben allmählich zu Ende kommt. Das weibliche Tier läuft dann in Kreisen, während ihm der Rehbock folgt. Das Ergebnis ist ein kreisförmiger Trampelpfad mit mehreren Metern Durchmesser.

Aufmerksam unterwegs sein

"Es ist wichtig vorsichtig zu fahren - insbesondere an den Stellen, wo Warn-Schilder stehen", sagt Fischer. "Die sind nicht ohne Grund aufgestellt worden", fügt Stefan Haschke, Dienststellenleiter der Polizei in Bad Kissingen, an. Schon langsameres Fahren helfe dabei, einen Wildunfall zu vermeiden. Bei einer Geschwindigkeit von 100 Kilometer pro Stunde liegt der Anhalteweg bei einer Gefahrenbremsung bei etwa 80 Metern. Ist ein Verkehrsteilnehmer dagegen langsamer unterwegs, beispielsweise mit 80 Kilometer pro Stunde, sind es fast 30 Meter weniger.

Info:

Wildunfälle

Bei Wildunfällen folgt der Dienstbereich der Polizeiinspektion Bad Kissingen dem Landkreistrend. Die Wildunfälle machen etwa ein Drittel aller Unfälle aus dem Jahr 2018 aus - und das obwohl sie im Vergleich mit 2017 um 7,5 Prozent zurückgegangen sind. Im Dienstbereich der Polizeiinspektion Bad Kissingen waren es im vergangenen Jahr 577 Unfälle, bei denen Wild als Ursache zu sehen ist. Die Gesamtanzahl der Unfälle lag bei etwa 1800. Auf Landkreisebene waren von 3093 Unfällen 1066 Wildunfälle. Nach Auskunft von Stefan Haschke, dem Dienststellenleiter der Polizei Bad Kissingen, nehmen die Wildunfälle trotz des Rückgangs seit geraumer Zeit zu. Vor noch nicht mal zehn Jahren lagen die Wildunfälle im Dienstbereich der Kissinger Polizei unter 400.

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