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Lebende Legende

Herbert Blomstedt dirigierte "seine" Bamberger bei einem historischen Programm. Wer es nicht bemerkt hat: Am 11. Juli feiert er Geburtstag: Dann ist er 92.
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Herbert Blomstedt wurde vom Publikum und vom Orchester stürmisch gefeiert. Foto: Gerhild Ahnert
Herbert Blomstedt wurde vom Publikum und vom Orchester stürmisch gefeiert. Foto: Gerhild Ahnert

Auch wenn man jetzt selbst schon in die Jahre gekommen ist: Herbert Blomstedt, den Amerikaner schwedischer Herkunft, hat man immer irgendwie schon als älteren Dirigenten wahrgenommen, weil er halt schon wesentlich früher mit dem Dirigieren begonnen hat als man selbst mit dem Hören. Aber er hat sich verdammt gut gehalten. Heute ist er der mit Abstand Jüngste unter den 91-jährigen Dirigenten - und ab 11. Juli unter den 92-jährigen.

Herbert Blomstedt hat nicht immer den einfacheren Weg gesucht. In Deutschland muss man ihm dankbar sein, dass er 1975, als der Eiserne Vorhang noch keine Rostflecken hatte, nach Dresden ging, um die Leitung der Staatskapelle zu übernehmen - und es dort sogar zehn Jahre ausgehalten hat. Für ihn war das damals ein Signal, dass der kulturelle Kontakt zwischen Ost und West nicht abreißen sollte. Er übernahm 1998 den Chefposten beim Leipziger Gewandhausorchester (bis 2005), als nach dem Weggang von Kurt Masur ein Vakuum drohte. Ud er leitete das NDR- Sinfonieorchester von 1996 bis 1998.

Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn über die Jahre mit den Bamberger Symphonikern, die ihn 2006 zu ihrem Ehrendirigenten ernannten. Man merkt diese Sympathie. Da hat sich über die Jahre ein Einverständnis entwickelt, das keine großen Gesten mehr braucht. Was Herbert Blomstedt entgegen kommt. Natürlich ist er in einem Alter, in dem die Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist. Obwohl es absolut bewundernswert ist, wie er das Dirigieren durchhält - und zwar im Stehen und ohne Ermüdungserscheinungen. Allerdings hat er in seinen Fingern mehr Informationen als manche seiner Kollegen in ihrer Ganzkörpergymnastik. Wobei er allerdings auch seine ganze Erfahrung in die Wagschale werfen kann, denn er ist einer, der vorausdirigiert, der so zum einen wirklich der Herr des Verfahrens ist, der nicht auf das reagieren muss, was er hört, und der zu m anderen dadurch seine Musiker entspannt.

Herbert Blomstedt wäre nicht er, wenn er sich nicht ein besonderes Programm gewünscht hatte. In diesem Fall war es das Konzert, das das Leipziger Gewandhausorchester unter Leitung seines damaligen Kapellmeisters und Blomstedt-Vorgängers Arthur Nikisch bei seiner allerersten Konzertreise ins Ausland, in die neutrale Schweiz gespielt hat. das hatte damals, 1916, also mitten im Ersten Weltkrieg durchaus eine humanistische Signalwirkung mit Ludwig van Beethovens Eroica, Richard Strauss' "Tod und Verklärung" und Richard Wagners "Tannhäuser-Ouvertüre" - in der ungewohnten Reihenfolge.

Was machte jetzt das Konzert über den persönlichen Aspekt hinaus so interessant und auch ein bisschen bewegend? Denn wenn man es genau betrachtet, bot Blomstedt bei der Eroica keine neuen Aspekte, keine überraschenden Strukturen. Was faszinierte und so gesehen auch überraschte, war die absolute Klarheit, mit der die Sinfonie musiziert war, waren das Engagement, die Plastizität. So genau und präzise, so dynamisch differenziert nach plausibeln Konzepten hatte man die Eroica schon lange nicht mehr gehört. Und spätestens als der Türkische Marsch- Unterhaltung und Bedrohung gleichermaßen für die Wiener - vorbei war und das Leben wieder Einzug gehalten hatte, konnte man feststellen, dass Blomstedt mit seiner Unparteilichkeit eigentlich eine ziemlich politische Musik rund um die napoleonische Zeit geliefert hatte.

Richard Strauss' Sinfonische Dichtung "Tod und Verklärung" ist zugegebenermaßen Geschmackssache. Man kann sie in ihrer mystischen Pracht genießen, man kann aber auch etwas daran leiden, dass der junge Strauss sich mit dem Thema ziemlich unter Druck setzte und alles hineinpacken wollte, was seiner Meinung nach dazugehört. Das Ergebnis ist ein ziemlicher Brocken. Aber auch hier war es wieder die Blomstedt-Bambergische Genauigkeit, die diese Klanggebirge durchhörbar hielt und ihnen damit da Interesse sicherte.

Bei der Tannhäuser-Ouvertüre tat es überraschend gut, dieses wuchtige Werk einmal nicht aus dem dämpfenden Orchestergraben, sondern in aller Klarheit vom Podium aus zu hören. Denn plötzlich erschloss sich die normalerweise gedämpfte Vielschichtigkeit dieser Musik zwischen der Innigkeit des Glaubens und der erotischen Kraft, die bis ins Zerstörerische geht.

Vor allem für die Bläser war die Aufführung ein Fest Herbert Blomstedt hatte hatte ein minutiöses Wirkungskonzept entwickelt, das der Musik und ihren Themen zwar sehr viel Geheimnis ließ. Aber es wurden auch die Konflikte ausgetragen - mit wachsender Kraft und Lautstärke. Auch wenn - oder gerade weil Blomstedt den Deckel nur langsam lüftete, hatte die Musik am Ende eine überwältigende Kraft. Und trotzdem konnte das Orchester auf en letzten Metern noch einmal zulegen. Was sollte da noch kommen?

Die Oper.

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