Bad Kissingen

Kurtheater Bad Kissingen: Wucht der Antike wirkt bis heute

Das Theater Hof hat Aischylos' Tragödie "Die Perser" ins Kurtheater gebracht.
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Atemlose Stille herrschte während der Aufführung von Aischylos' "Die Perser" im Kurtheater: Jörn Bregenzer (von links), Alrun Herbing, Steffen Weixler, Dominique Bals und Anja Stange vom Theater Hof stellten das antike Stück mit viel Wucht dar.  Foto: Gerhild Ahnert
Atemlose Stille herrschte während der Aufführung von Aischylos' "Die Perser" im Kurtheater: Jörn Bregenzer (von links), Alrun Herbing, Steffen Weixler, Dominique Bals und Anja Stange vom Theater Hof stellten das antike Stück mit viel Wucht dar. Foto: Gerhild Ahnert

"Und heute gehört uns Griechenland", schreit ein Perser, der in der Heimat auf die siegreiche Rückkehr des riesigen Heeres seines Königs Xerxes von der Seeschlacht bei Salamis, der größten Schlacht der Antike, wartet. Und alle Deutschen werden erinnert an den ähnlichen Satz in der Geschichte, der Land Land zerstört zurückließ und 50 Millionen Menschen das Leben kostete. In der Übersetzung von Büchner-Preisträger Durs Grünbein und in der Aufführung des Theaters Hof kam Aischylos' Tragödie "Die Perser" dem Publikum des Theaterrings sehr nahe. Grünbein hatte das strenge Versmaß in ein leicht fließendes rhythmisiertes, verständliches, gleichermaßen modernes wie dichterisches Deutsch übertragen. Entstanden ist eine ebenso wuchtige wie tief beeindruckende Bühnenversion.

Das Publikum im Kurtheater ließ sich ein auf das genaue Zuhören, das aufmerksame Zuschauen, den plausibel dargestellten Sprung in unsere Gegenwart. Die Darstellung der Macht des Gebetsteppichs, der Maschinengewehre, aber auch des Mikrophons und der menschenverachtenden Rhetorik führten zu den Xerxes-Gestalten unserer Zeit, die absolut resistent gegenüber allen Lehren sind, die man nicht erst seit 2500 Jahren aus der Geschichte ziehen könnte. Am Ende gab es viel Beifall für die einzelnen Spieler und die gesamte Truppe.

Dramaturg Thomas Schindler sorgte für Prägnanz und Kürze. Ausstatter Frank Albert ließ sich auf keinerlei Anspielungen auf Masken oder lang wallende Gewänder ein, sondern zeigte die Schauspieler als das, was uns heute noch an ihnen interessiert: Menschen, in ihrer zwischen Hilflosigkeit gegenüber dem Schicksal und ihren großkotzigen Ambitionen der Selbstüberhöhung auf einer schrägen, niemals Sicherheit gebenden Ebene herumtaumelnd.

Grobe schwarze Stiefel für alle fünf in geschlechtsneutrale, halbdurchsichtige, helle, fast fleischfarbene Gaze- und Stoffgewänder gehüllte Menschen, die vier Vertreter des antiken Chors mit ihrer Chorführerin. Sie schwingen sich von der ersten Szene an in eine genau getaktete Choreographie, sind immer in Bewegung, schlüpfen nahtlos in die vier individualisierten Rollen der Königin Atossa, des Xerxes, des Geistes des verstorbenen Vaters von Xerxes und Ehemannes der Atossa, Dareios. Kräftige Paukenschläge begleiten den Fluss des Sprachrhythmus am Anfang, kehren immer wieder als verstärkte Herzschläge oder bedrohliche Paukenschläge, begleiten das exakte gemeinsame Sprechen der Truppe vor einem Nebelschleier aus der Tiefe im Hintergrund.

Passgenau Beleuchtung

Ihre Accessoires holen sie sich auf die Plattform, Atossa wird in ihr goldenes Gewand eingekleidet, Xerxes stülpt sich das Bühnenblut über und schleppt seine Herrschaftsinsignien, drei Kronen, einen Gebetsteppich, ein Mikrophon auf die Bühne, Dareios wühlt sich, seine Asche und seine Totenkrone selbst heraus aus seinem Grab.

Beim Auftritt von Xerxes wechselt die Beleuchtung in Hellrot für sein Lamento, um dann in gleißendes Weiß überzugehen für seine Selbstglorifizierung am Ende. Da passte alles, hatte Bedeutung, wurde aber nicht ausgestellt in seiner Symbolträchtigkeit, sondern fügte sich ein in den alles mitreißenden Strom zu einer Choreographie des Wesentlichen, der Sprache. Und die war keineswegs mechanistisch rhythmisiertes Chorsprechen.

Umwerfend präzise ist die Personenregie von Frank Behnke. Da wird etwa im ersten Chorlied in der eindrucksvoll koordinierten Mimik der Schauspieler deutlich, dass die vorgetäuschte Siegesgewissheit plötzlich in Angst umschlägt, da wird im großen Schlussauftritt dem Publikum schon früh im Klage-Getön des Xerxes deutlich, dass er ja gar nicht meint, was er da in Aischylos' Text sagt. Während alle anderen ihn als Schuldigen an der Vernichtung der persischen Flotte sehen, auch sein Vater Dareios und seine Mutter Atossa ihn wegen seiner Überheblichkeit, seiner egozentrischen Abenteuerlust, mit harschen Worten verurteilt haben, keimt im Zuschauer plötzlich der Verdacht, dass er nur um sich selbst jammert, nicht um die Tausende, die er in den Tod geführt hat, das Perserreich, das er zerstört hat.

Der Taufelskreis schließt sich

Aus dem Zur-Schau-Stellen seiner zerrissenen Kleider und Wunden schlägt er Kapital für seine Zukunft. Es ist bestürzend zu sehen, wie seine Rhetorik beim Chor, dem Rat der Ältesten der Perser siegt, dass aus den abweisenden Blicken seiner Landsleute Bewunderung wird, von dem der selbstverliebte Heißsporn schon wieder profitiert. So endet folgerichtig die Aufführung mit seinem Ausruf: "Und heute gehört uns ...!" Der Teufelskreis schließt sich.

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