Bad Kissingen
Umwelt

Kröten in Nöten: Amphibiensterben im Landkreis Bad Kissingen

Naturschützer alarmiert: Die Zahl der Amphibien im Landkreis ist dramatisch geschrumpft.
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Erdkröte  A_Bruno - stock.adobe.com
Erdkröte A_Bruno - stock.adobe.com

Als er die fertigen Zahlen in seiner Liste gesehen hat, griff Sepp May zum Telefon. "Ich hatte gehofft, es kommt noch ein Schwung." Die Situation bei seinen Kollegen: genauso. Kein Zweifel, nachdem er die Hammelburger an der Strippe hatte. Die seien immerhin fast zwei Wochen früher durch. "War's das jetzt?", fragte sich der 69-Jährige. Auf seinem Abschnitt bei Premich geschah dasselbe wie bei den anderen Krötensammlern: "Es ist nichts mehr gekommen."

Die Zahlen von Sepp May passen zum bayernweiten Trend. An den meisten Übergängen, an denen freiwillige Amphibienschützer den Tieren beim Überqueren helfen, sind die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr stark zurückgegangen, meldet der Bund Naturschutz (BN) in Bayern. 50 Prozent weniger meldeten fast alle Landkreise an einem oder mehreren Übergängen. Auch Einbrüche um 90 Prozent seien keine Seltenheit. Mehr als die Hälfte aller Arten, die in Bayern heimisch sind, stehen inzwischen auf der Roten Liste. Bei Uwe Friedel in Nürnberg laufen die Daten zusammen. Der Geoökologe hat die Landkreise im Blick. Im Raum Bad Kissingen waren dieses Jahr "deutlich weniger unterwegs", bestätigt auch Franz Zang, Chef der BN-Kreisgruppe.

Was Uwe Friedel besonders alarmiert: Es geht nicht nur um die ohnehin selten gewordenen Arten. "Uns macht eher Sorgen, dass auch die Arten betroffen sind, die relativ robust sind", sagt der Wissenschaftler - wie Erdkröte und Grasfrosch.

Letzte Überlebende

Freilich, meint Jürgen Thein, Schwankungen gebe es seit jeher. Der Biologe betreut auch ein Artenschutzprojekt für die Geburtshelferkröte. Die ist vom Aussterben bedroht. Sämtliche Tiere, die in ganz Bayern bis heute überlebt haben, leben im Biosphärenreservat Rhön. Er beobachtet: "Ist das Wetter nach der Winterruhe zu kühl und zu trocken, stagniert die Wanderung und die Tiere ,tröpfeln' nur an den Zäunen." Wichtig für die Vergleichbarkeit: Daten aus mehreren Jahren. Die hat Sepp May.

Lebensgefahr: Straße

Seit den 80ern geht er auf Kröten-Tour. Angefangen hatte er bei Frauenroth. "Man sieht einfach, dass was gemacht werden muss in der Natur." Seit sieben Jahren kümmert er sich um "Abschnitt 140". Gut 100 Meter an der Staatsstraße zwischen Premich und Steinach. Hier wollen die meisten der Kröten vom Wald "Schmalwasser Süd" zu den gegenüberliegenden Fischteichen. Dazwischen: die St2267. Hin und zurück: Zweimal wird der Verkehr auf der Straße zur Gefahr. Sepp May will wie einige andere Freiwillige vom BN-Bad Kissingen genau das verhindern. Sie sammeln die Tiere am Zaun ein, der sie am Überqueren der Straße hindert.

"Der eine geht mit dem Hund spazieren, ich geh zu den Kröten", sagt Sepp May und lacht. Manchmal sind Tochter und Enkel dabei. Vier Wochen dauert die Wanderung meist, sagt er. Und wann ist es soweit?

"Die Tier gehen nicht nach dem Datum, sondern nach der Witterung." Den richtigen Zeitpunkt hat er im Gefühl, sagt er. Der Boden muss warm genug sein und feucht. Regen und Gewitter, schwülwarm, zehn Grad: bestes Wetter für die große Reise bis zu ihren Laichplätzen. Die startet in der Dämmerung: "Tagsüber sieht man normalerweise keine."

In der Woche davor stellen die Helfer einen Zaun entlang ihres Abschnitts. Auf Abschnitt 140 ist die Folie gut 100 Meter lang. Einen halben Meter hoch, einmal umschlagen, damit keines der Tiere durchflutscht. Ob er sich Sorgen macht, dass immer weniger an seinem Abschnitt zu tun sein könnte? Sepp May schüttelt den Kopf: "Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber wenn der Sommer wird wie letztes Jahr, dann sieht es noch schlechter aus."

Für die Zukunft lernen

Die Trockenheit ist es, was den Tieren zusetzt. Ohne feuchte Biotope können sie nicht leben. Uwe Friedel vom Bund Naturschutz ist kein Schwarzmaler. Der 42-Jährige zieht Lehren aus der brenzligen Situation. "Wo die Auswirkungen schwach waren, sehen wir, was wir tun können." Gute Bedingungen können die kritische Entwicklung abfedern: feuchte Wiesen, weniger düngen und mähen - zum Schutz von Lebensräumen und der Nahrungsgrundlage. Ein neues Artenschutzgesetz mit der Förderung von Ökolandwirtschaft komme Amphibien zugute, sagt der Geoökologe. Derweil kann jeder für ein bisschen mehr Natur sorgen und in seinem Garten etwas mehr "Wildnis" zulassen. Oder selbst zum Artenschützer werden - wie Sepp May.

Kröten, Amphibien, Lurche

Per Definition Amphibien sind: Frösche, Kröten, Unken, Molche und Salamander. Sie heißen auch "Lurche". Die ersten drei Gattungen zählen zu den Froschlurchen; Molche und Salamander sind Schwanzlurche. Sämtliche Arten - mit Ausnahme des Alpensalamanders - sind auf Wasser angewiesen: Nur dort können sie sich fortpflanzen.

Wanderung Sie wollen dabei helfen, dass Kröten und Frösche sicher zu ihren Laichplätzen kommen und wieder zurück? Der Bund Naturschutz engagiert sich beim Amphibienschutz. Ehrenamtliche retten jedes Jahr Tausende Tiere. Kontakt zur Kreisgruppe Bad Kissingen unter

bn-badkissingen@gmx.de oder 09741/ 9383240.

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