Natürlich war die Dramaturgie eines Gospelkonzerts schon vorher bekannt. Und trotzdem war man doch wieder überrascht über die Wucht, mit der die "Gospelnight" in der Erlöserkirche über die Besucher hereinbrach: Volle Dröhnung, heftiges rhythmisches Klatschen - aber das gehört ganz einfach dazu. Auch wenn die Gruppe "PraiSing", die kleine Schwester und Nachwuchsorganisation der "KisSingers", zu einem Konzert - oder ist das schon Gottesdienst - einlädt. Auf jeden Fall war die Kirche mal wieder gerammelt voll.
Was Freude machte zu beobachten, das war, wie sehr der Chor in den letzten Jahren an Qualität gewonnen hat. Die derzeit 25 Sängerinnen und Sänger haben sich diese Musik wirklich zu eigen gemacht. KMD Jörg Wöltche ist es ganz offenbar gelungen, seinen Leuten so etwas wie Zuversicht nicht nur über die Inhalte, sondern auch über die eigenen sanglichen Fähigkeiten zu vermitteln. Denn der Chor nimmt sein Tun durchaus sehr ernst, aber auch mit souveräner Lockerheit. Da wirkt nichts aufgesetzt oder routiniert freudvoll, was die Auftritte von Profichören nicht immer zu einem Problem der Glaubwürdigkeit macht. Da hat niemand das antrainierte Dauergrinsen, sondern schaut bei aller Begeisterung durchaus auch mal ernst. Man nimmt den Leuten das ab, was sie vermitteln wollen.
Zudem ist "PraiSing" intonatorisch erstaunlich gut. Da muss es immer auch mal so etwas wie Stimmbildung gegeben haben, die die Treffsicherheit, aber auch das Selbstbewusstsein fördert. Denn es versteckt sich niemand hinter dem anderen. Und es bekommt auch niemand das große Nervenflatter, wer sich vor den Chor stellt und das Solo singt. Selbstredend wurde alles auswendig gesungen. Es sähe auch zu komisch aus: ein Gospelchor mit Notenblättern vorm Gesicht. Zudem würde dann auch die Bewegungschoreographie nicht funktionieren - und das Klatschen schon gar nicht.
Natürlich kann man bedauern oder sich wundern, dass nur fünf junge Männer den Weg in diesen Chor gefunden haben, denn es wird ja niemand gequält oder kritisch beäugt, das Ego hätte nichts zu leiden. Aber das ist ein Phänomen, mit dem alle Chöre zu tun haben. Nur ist es bei den Gospelchören vom Ergebnis her nicht allzu schlimm, denn hier geht es nicht um Strukturierungen durch verschiedene Stimmhöhen. Beim Gemeindegesang wird ja auch nicht auf eine ausgewogene Verteilung geachtet. Trotzdem war es ganz schön, die fünf tieferen Stimmen auch mal alleine hören zu können - als Gruppe, aber auch solistisch.
Nein, das war eine wirklich gut vorbereitete und durchorganisierte Darbietung, die durch die traditionelle Begleitung der KisSingers-Band mit Ralf Werner (Klavier, Keyboard), Felix Geßner (E-Bass) und Martin Wenzel (Schlagzeug (sowie Michael Nöth am Ton) einen starken zusätzlichen Aspekt bekam (als Stütze hätte der Chor das Trio nicht dringend gebraucht). Jörg Wöltche war ein höchst engagierter Dirigent, der nicht nur ohne Rücksicht auf seine Knochen (Podeste können manchmal tückisch sein) Gesang und Gestik steuerte und immer wieder den Kontakt zum Publikum herstellte, es zum Mitklatschen animierte. Und der, was für das Verständnis wirklich gut war, die Inhalte der natürlich englischen Texte erläuterte.
Das Programm war gut dosiert und abwechslungsreich zusammengestellt mit einer Auswahl von 15 Songs aus dem Fundus des modernen europäischen und amerikanischen Gospel - zum Teil recht anspruchsvolle Kompositionen, mehr oder weniger bekannt: "Lean On Me" von Kirk Franklin (Solo: Alexandra Jany, Olivia Stichler, Emily Lauter), "Always Covering Me" (Katharina Wöltche), "Lift Him up" Von Byron Cage und Gerald P. Robinson (Julius Blassdörfer), "Name Above All Names" von Martha Munizzi (Beke Bohn) und einige andere. Im Mittelteil wiederholten die "PraiSinger" die fünf Songs, mit denen sie im November letzten Jahres den 2. Platz im Chorwettbewerb des Bayerischen Rundfunks in der Sparte "Gospel" erreicht hatten. Und man verstand, warum sie damit so weit nach vorne gekommen waren. Als Zugabe kam nur ein Song für den Chor und das Publikum in Frage: "O Happy Day", mit dem sich 2005 die Edwin Hawkins Singers einen Grammy holten.
Natürlich ging es auch kurz ums Geld. Denn auch wenn alle für Gotteslohn singen und musizieren, sind die Kosten für Hardware und Organisation doch nicht unerheblich. Und so machte der Ordre de Saint Fortunat, ein international tätiges Hilfswerk, das sich die Aufgabe gestellt hat, das Gute und Schöne zu fördern, noch einmal seinen Spendentopf auf. Marie-Luise Biedermann, die Präsidentin der Vereinigung, überreichte Jörg Wöltche zur Absicherung dieser besonderen musikalischen Arbeit einen Scheck über 2000 Euro. O Happy Day!