Bad Kissingen
Kultur

Genialität, die man hören kann

Man muss mit Superlativen sparsam umgehen, um sie durch inflationären Gebrauch nicht zu entwerten und um sich Luft nach oben zu bewahren. Aber hier?
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Die Sopranistin Julia Lezhneva überrollte das Publikum einfach mit ihrer unglaublichen Virtuosität und Präsenz. Noch zweimal ist sie beim Kissinger Sommer 2019 zu hören.Gerhild Ahnert
Die Sopranistin Julia Lezhneva überrollte das Publikum einfach mit ihrer unglaublichen Virtuosität und Präsenz. Noch zweimal ist sie beim Kissinger Sommer 2019 zu hören.Gerhild Ahnert
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Der Titel "Artist in residence" bedeutet zunächst einmal eigentlich nur so viel wie "Kommerzienrat" in Österreich oder benennt jemanden, der mindestens zwei Konzerte gibt. Aber Julia Lezhneva?! Man hatte ja schon viel über sie und einiges auch von ihr, wenn auch nur in den Medien, gehört; da konnte man gespannt sein auf ihren ersten Auftritt im Regentenbau.

Er war - und da sind wir jetzt wieder bei den Superlativen - eine echte Sensation. Die Sopranistin überrollte das Publikum ganz einfach mit ihrer unglaublichen Virtuosität und Präsenz. Natürlich drängte sich da ein Vergleich mit Cecilia Bartoli auf, auch wenn man da zwei Sängerinnen aus zwei verschiedenen Stimmfächern miteinander misst. Und dann darf man auch nicht übersehen, dass Julia Lezhneva nicht ganz unwichtige 24 Jahre jünger ist als ihr erklärtes großes Vorbild.

Aber wenn man sich erinnert, wie Cecilia Bartoli vor 24 Jahren gesungen hat, dann fällt auf, dass diese beiden Primadonnen des Canto fiorito sehr viele Gemeinsamkeiten haben: eine unglaubliche Beweglichkeit in der Stimme, mit der sie Dinge machen können, die ihre Kolleginnen nicht machen können, eine gnadenlose Genauigkeit in der Intonation und Artikulation, eine enorme Leichtigkeit, aber auch Intensität in der Behandlung von langen Tönen und der Gestaltung von Emotionen - und ein Vergnügen an den Schwierigkeiten.

Natürlich gibt es Unterschiede: Cecilia Bartoli ging und geht in ihrer Mimik und Gestik stärker mit ihrem Gesang mit als Julia Lezhneva, die etwas länger braucht, bis sie ins Tanzen gerät. Dafür hat sie eine stärkere Stimme, die den Dosierungsspielraum vergrößert. Offenbar spielt da die Herkunft eine Rolle: Die Luft auf der Insel Sachalin im russischen Polarmeer scheint die Stimme stärker zu fordern und zu fördern als die milden "zeffiretti" in Rom. Auf jeden Fall scheint die Barockmusik exklusiv nur für die Beiden geschrieben worden zu sein.

Julia Lezhneva hatte ein Programm zusammengestellt, mit dem sie ihre Stimme bestens zeigen konnte: mit Werken der drei Barockheroen Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi und Georg Friedrich Händel - und damit auch drei Stilrichtungen. Bei Bachs "Laudamut te" aus der h-moll-Messe oder der Arie "Gott versorget alles Leben" aus der Kantate BWV 187 ging es um ein ruhiges, intensives Gestalten, wobei sich zeigte, dass ihr etwas dunklere Timbre als dass von Cecilia Bartoli bestens nicht nur zu dem Ensemble, sondern auch zu den musikalischen Inhalten passte. Auch bei Vivaldis "Domine Deus" betonte sie den wiegenden Charakter der Musik, die Innerlichkeit des Textes. Ein echter Kracher war natürlich Vivaldis Motette "In furore iustissimae irae", dessen Titel schon Krawall signalisiert. Da schleuderte sie Blitze in den Saal, da sang sich das Schluss-Alleluja so rasend, dass man nicht sicher sagen konnte, dass sie zwischendurch einmal geatmet hat. Hinterher war ja Zeit, da war Pause.

Händel stand im Vordergrund des zweiten Teils. Dass Arien wie "Un pensiero nemico di pace" oder "Brilla nell"alma" aus der Oper "Alessandro" großartig gesungen waren, überraschte zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr. Aber bei "Alla sua gabbia d'oro" begeisterte sie als verschmitzte Gestalterin. Denn da erklärt ein Vogel, warum er freiwillig in den offenen Käfig zurückkehrt: weil ihn sein Herr dann besonders schätzt, und das kann man ausnützen.

Es war natürlich nicht Julia Lezhnevas Erfolg allein; sie hatte Partner, die ihr Niveau tragen konnten. Da war das elfköpfige Ensemble "La voce strumentale", das sich, was in Russland noch einen gewissen Seltenheitswert hat, auf die Alte Musik spezialisiert hat und auf historischem Instrumentarium oder Kopien spielt. Es fremdelte zu Beginn noch kurz mit der Situation - aus welchen Gründen auch immer; aber eben nur kurz. Dann spielte es eine wunderbar artikulierte Barockmusik mit einem trockenen, aber höchst substanzreichen Klang in wechselnden Besetzungen und mit viel Freude an der virtuosen Herausforderung. Julia Lezhneva schaffte es nicht, die elf Musiker an ihre Grenzen zu treiben - umgekehrt allerdings auch nicht.

Kein Wunder bei dem Leiter: Dmitry Sinkovsky ist ein "Faktotum", also ein "Allesmacher" auf allen Podien. Er dirigiert seine Leute, und er ist gelernter Geiger. Das zeigte er als Solist bei Antonio Vivaldis Violinkonzert D-dur RV 208 mit dem wunderbar-rätselhaften Beinamen "Grosso mogul". Das ist keine schöne Musik, die auf Wohlklang zielt, sondern ein Werk, das auf technische und perkussive Effekte, auf Metastrukturen, auf virtuose Grenzgängereien setzt. Dass sie trotzdem eine raue Schönheit vermittelte, war Sinkovskys persönliches Verdienst.

Flexibel und genau

Dazu ist Dmitry allerdings auch gelernter Countertenor, ein bisschen leiser, vielleicht auch vorsichtiger als Julia Lezhneva, aber flexibel und genau. Er sang souverän unter anderem die Bach-Kantate "Widerstehe doch der Sünde", eine der wirklich virtuosen Kantaten des Thomaskantors mit komplizierten harmonischen Verdrehungen, die die Sünde nun mal mit sich bringt. In Antonio Vivaldis Duett "Laudamus te" aus dem "Gloria" zeigte sich, wie perfekt bis zur Verschmelzung die beiden Stimmen zusammenpassen. Und in Vivaldis "Zeffiretti che sussurrate" sang er aus dem Off der Garderobe die Echos mit absolut bruchlosen Anschlüssen. Er hat halt das selbst gewählte Problem, dass er den Beifall auf drei Sinkovskys verteilen muss: den Dirigenten und "Bandleader", den Geiger und den Countertenor.

Das Kissinger Publikum verhielt sich wie immer, wenn es von Qualität überrollt wird: Es hüllte sich in sichernde Skepsis und schaute erst einmal, ob der Nachbar klatscht. Aber im zweiten Teil setzte sich die Erkenntnis durch, dass da Außergewöhnliches geboten wurde, und die Begeisterung kochte so stark hoch, dass es am Ende ohne fünf Zugaben nicht abging. Für die Opern- und Arienfreunde: Carl Heinrich Graun: "Mi paventi" (aus "Britannico")/Händel: "Vivo in te" (Duett aus "Tamerlano"/Nicola Antonio Porpora: "Alleluia" (aus der Motette "In caelo stelle clare")/Händel; "Caro, cara" (Duett aus "Giulio Cesare")/Händel: "Lascia la spina" (aus "Il Trionfo del Tempo e del Disinganno").

Die, die an dem Abend den Frauenfußball im Fernsehen vorgezogen hatten, können sich jetzt ins Sitzfleisch beißen. Aber es gibt noch zwei Gelegenheiten, Julia Lezhneva beim Kissinger Sommer zu hören.

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