Bad Kissingen
Kabarettherbst

Kompromisslose Kleinkunst in Bad Kissingen

Das Duo "Schwarze Grütze" überraschte mit einer kompromisslosen Kleinkunst-Qualität.
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Stefan Klucke (links) und Dirk Pursche, zwei Meister des furiosen Wortspiels. Foto: Thomas Ahnert
Stefan Klucke (links) und Dirk Pursche, zwei Meister des furiosen Wortspiels. Foto: Thomas Ahnert
So mancher war ja noch ein gebranntes Kind vom letzten Samstag, und so waren manche Erwartungen skeptisch, zumal das Duo "Schwarze Grütze" in der Vorrhön vielleicht noch nicht den Namen hat wie in den Metropolen des gehässigen Frohsinns. Und die Skepsis floh nicht durch die Seitentür, als Stefan Klucke und Dirk Pursche die Bühne des Rossini-Saals betraten und in etwas überstürztem, leicht vernuscheltem Brandenburgerisch ihren Titelsong anstimmten, den man auch erst mal inhaltlich verstehen musste: "Tabula rasa trotz Tohuwabohu". Der Name war (ihr) Programm. Und dann ein paar gegenseitige Vorwürfe, Treffen der beleidigten Laberwürschte - ein paar Kommentare über das Publikum - das konnte heiter werden.

Wurde es auch, aber ganz anders als erwartet.
Denn man musste erst einmal mitbekommen, was da auf der Bühne wirklich passierte, wie Klucke und Pursche das geistig-satirische Tempo ziemlich schnell anzogen, wie sie ihr Publikum hinter sich herzogen. Plötzlich merkte man, welche Konzentration die beiden lieferten und vom Publikum auch forderten. Wer auch nur einen kurzen Augenblick nicht bei der Sache war, merkte, dass er etwas verpasst hatte. Bei so viel Dichte ist zum Lachen keine Zeit. Das kann man auch hinterher noch machen, denn so schnell gehen einem die Texte des Duos ohnehin nicht aus dem Kopf.

Dass Stefan Klucke und Dirk Pursche ausgezeichnete Instrumentalisten und Sänger sind (Gitarren, Klavier, ein bisschen Perkussion) erklärt sich zum Teil aus ihrer DDR-Biographie. Aber wie sie mit Sprache und Texten umgehen, ist ebenso souverän wie ungewöhnlich. Da ist nichts auf die schnelle Pointe gerichtet, sondern das Ergebnis harter Denkarbeit, da relativiert sich der Begriff der Kleinkunst: Wenn die beiden in ihrem Tourneetag-Rap nur Wörter verwenden, die mit "t" beginnen und trotzdem Sinn produzieren, wenn sie genial mit Schüttelreimen oder, besonders raffiniert, mit ihren phonetischen Kurzformen spielen, dann kommt zur mitgerissenen Begeisterung auch eine gute Portion Bewunderung. Wenn die beiden in ihre DDR-Vergangenheit eintauchen und ihre Systemeinschwörung schon in der Kita mit Liedern wie "Die Partei hat immer recht", dann beweisen sie dabei trotz aller Empörung eine wohltuende Distanz wie auch beim Stasi-Mitarbeiter, der nach der Wende zum GEMA-Spion umschult ("Die GEMA ist die Stasi der Musik") oder beim Ab sackerblues eines immer be-trunkeneren Ossis (genialer Schluss!).

Das ist einfach große Kleinkunst, wenn Dirk Pursche unter dem Fenster von Ramona weinend singt, sie möge doch wieder mit ihm reden - bis er merkt, dass da Maria wohnt: Der Text bleibt natürlich gleich. "Schwarze Grütze" tritt sehend in jedes Fettnäpfchen, ohne sich fettig zu machen. Intelligenter kann Kabarett eigentlich nicht sein - höchstens anders.

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