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Bad Kissingen
TTIP-Abkommen

Kommt die Rhön aus den USA?

Wenn mit "TTIP" die EU-Handelsgrenzen zu den Vereinigten Staaten aufweichen, könnte die Identität regionaler Produkte in Gefahr sein. Was passiert, wenn Rhön draufsteht, aber gar keine Rhön drin ist? Ist das überhaupt möglich?
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Silvia und Richard Kleinhenz aus Oberleichtersbach Foto: Carmen Schmitt
Silvia und Richard Kleinhenz aus Oberleichtersbach Foto: Carmen Schmitt
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Für die einen ist das geplante Freihandelsabkommen mit den USA ein Heilsbringer. Andere sehen darin ein "Monster" und eine Gefahr für heimische Waren. Beispielsweise für diejenigen, die unter dem Label der "Dachmarke Rhön" auf den Markt kommen.
Aus dem Landkreis vermarkten 66 Erzeuger ihre Produkte mit dem Siegel der Dachmarke Rhön. Bundesagrarminister Christian Schmidt kündigte in der Diskussion um das umstrittene Abkommen "TTIP" an, nicht jede regionale Spezialität unter Schutz stellen zu können, sollten die aktuellen Handelsgrenzen aufgeweicht werden. Sind Rhöner Produkte und deren Identität in Gefahr?

Klar der Herkunftsort definiert

Frank Vogler engagiert sich seit zehn Jahren bei der Dachmarke. "Damit klar erkennbar ist, woher das Produkt kommt", sagt der Unternehmer. Der Familienbetrieb in Neuwirtshaus vermarktet Eier und Nudeln. Jeden Tag legen seine Hennen 45 000 Eier. Die bleiben bei der Kundschaft aus der Region - in einem Umkreis bis Würzburg und Fulda. Vor Rhöner Plagiaten aus Übersee hat er keine Angst. Der Markt sei für diese Produkte zu klein und zu individuell. Vogler sorgt sich mehr um den Vorstoß eines Produkts, das auf dem Speiseplan seiner Tiere steht.

Keine Konkurrenz

Winzer Thomas Müller kann sich nicht vorstellen, dass ein Schoppen aus Kalifornien den Stempel "Rhön" aufgedrückt bekommt und für ihn zur Konkurrenz wird. "Wir haben eine enge geografische Eingrenzung, was die Bezeichnung angeht. Das ist gesetzlich festgelegt", sagt der Hammelburger Unternehmer. Er steckt viel Aufwand in die Dokumentation, die für Lebensmittelerzeuger verpflichtend ist. "Die ist im Moment sehr detailliert. Ich würde die Welt nicht mehr verstehen, wenn unsere Gesetzgeber das plötzlich aufheben." Dann könnten sich Rhöner Produkte auf den Markt schleichen, die gar keine sind - zumindest nicht nach Kriterien der Dachmarke.

Angst vor Fälschung?

"Eine Lockerung der Kennzeichnungspflicht könnte zum Problem werden", sagt Jürgen Metz, der Wirtschaftsförderer des Landkreises. Dann muss nicht mehr so viel auf der Verpackung stehen wie bisher. "Wir sind aber guter Dinge, dass sich das in Grenzen hält", stellt Metz fest. Der Kreistag habe sich dafür ausgesprochen, ein Positionspapier kommunaler Verbände, wie des Deutschen Städte- und Gemeindebundes und des Verbandes kommunaler Unternehmen, zu unterstützen. Die genannten Organisationen stehen dem Freihandelsabkommen in einigen Punkten durchaus sehr kritisch gegenüber.

Drin ist, was drauf steht ?

Was aber tun, wenn Rhön draufsteht, aber gar keine Rhön drin ist? Barbara Landgraf, die Geschäftsführerin der "Dachmarke Rhön", setzt auf das Auge der Kundschaft, die ein Plagiat erkennen und im Regal stehen lassen würde, wie sie meint. Reagieren würde die Geschäftsführerin allerdings, wenn die geschützten Siegel verwendet würden, um Produkte zu vermarkten, die nicht bei der "Dachmarke Rhön" gemeldet sind.

Verband ist sehr skeptisch

Mit einigen Ausnahmen, in denen das Abkommen sinnvoll wirken könne, sieht Barbara Landgraf es als Bedrohung. "Wir als Verband heißen das generell nicht gut. Dieser Weg ist vor allem für den sensiblen Bereich der Landwirtschaft eine Katastrophe", sagt die Geschäftsführerin. "Es bringt uns nicht weiter, was eine vernünftige Lebensmittelproduktion angeht. Wir laufen Gefahr, viel von unserem Kulturgut zu verlieren." Den meisten Leuten sei das nicht einmal bewusst. Schuld trage die Politik, die die Diskussion abstrakt hält und nur bruchstückhaft Informationen durchsickern lässt.

Am besten genau hinschauen

"Wer bewusst einkauft und sich darüber Gedanken macht, der fällt nicht auf Plagiate rein, das kann ich mir nicht vorstellen", sagt Silvia Kleinhenz. Die 36-Jährige leitet mit ihren Eltern die Landmetzgerei Kleinhenz in Oberleichtersbach. "Wenn jemand ungenaue Angaben macht, kann er zwar etwas verschleiern, aber falsch dürfen sie nicht sein." Die promovierte Lebensmittelchemikerin vertraut auf die Kontrollsysteme in Deutschland und der EU. "Ich glaube nicht, dass sich amerikanische Firmen so einfach über europäisches Recht hinwegsetzen können", sagt Frank Vogler. "Da hat sicherlich der Einzelhandel auch noch ein Wörtchen mitzureden." Und der lege spürbar mehr Wert auf regionale Produkte, sagt der Familienvater aus Neuwirtshaus.
Ihm macht ein anderer Trend aus den USA besonders große Sorgen: "Mir machen die Gentechnikfirmen Angst, die ihre Saat verkaufen wollen und abhängig machen. Wir brauchen keine Genpflanzen." Den Futtermittelzusatz für seine Hühner lässt er sich von seinem Händler zertifizieren - kein Gensoja.
"Unsere Kunden wollen das Gesicht hinter dem Produkt sehen", sagt Silvia Kleinhenz von der Oberleichtersbacher Metzgerei. Sie spürt ein Umdenken beim jüngeren Publikum: "Die wollen wissen, was drinsteckt und geben für Transparenz gerne mehr aus." Nachvollziehen, woher das Produkt kommt und was dahinter steht - ein Grundgedanke der Dachmarke Rhön. "Wir lassen nicht zu, dass Rhön draufsteht, nur weil der Betrieb in der Rhön ansässig ist", sagt Barbara Landgraf. Es geht schon um mehr als das.

Stempel für Regionalität

Der Kriterienkatalog für die "Dachmarke Rhön" ist lang. Vom Holundergelee über die Rhönsalami bis zum Quittenbrand - jedes Produkt muss verschiedene Vorgaben erfüllen, bevor es den Stempel der Dachmarke zur Vermarktung nutzen darf. Der Aufwand lohnt sich: "Das ist ein Garant für Regionalität", sagt Barbara Landgraf. Und eben diese Regionalität sollte pfleglich behandelt werden, fordert Winzer Thomas Müller. Er hofft auf eine "gewisse Vernunft bei den Politikern". "Regionale Besonderheiten müssen geschützt werden, vor allem die kleinbäuerliche Landwirtschaft."

Jeder hat die Wahl

Barbara Landgraf sieht in der Dachmarke Rhön einen großen Vorteil, für Verbraucher und Produzenten: "Je mehr regionale Initiativen es dezentral gibt, desto stärker machen wir uns gegenüber den nicht aufzuhaltenden Entwicklungen. Jeder hat die Wahl - durch seine Kaufentscheidung."

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