Bad Kissingen
Gericht

Knapp am Gefängnis vorbei: Bewährungsstrafe für Reifenstecher

Zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten wurde vom Bad Kissinger Schöffengericht ein Senior verurteilt. Dem Gericht ist die Aussetzung der Strafe zur Bewährung gar nicht leicht gefallen.
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In den Jahren 2014 bis 2018 soll ein Rentner wiederholt die Reifen von acht Geschädigten zerstochen haben,  Symbolbild:  Irina/Adobe Stock
In den Jahren 2014 bis 2018 soll ein Rentner wiederholt die Reifen von acht Geschädigten zerstochen haben, Symbolbild: Irina/Adobe Stock

Zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten wurde ein 72-Jähriger aus dem Landkreis Bad Kissingen am dritten Verhandlungstag vom Bad Kissinger Schöffengericht verurteilt. Die Strafe wurde zwar "nur mit Bedenken", aber mit Rücksicht auf das Alter des Angeklagten und das Fehlen von Vorstrafen für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Die Staatsanwaltschaft hatte den Rentner wegen gefährlicher Eingriffe in den Straßenverkehr in 48 Fällen sowie in einem Fall wegen Störung der öffentlichen Ordnung angeklagt.

Nur ein Videobeweis

In den Jahren 2014 bis 2018 soll der Rentner wiederholt die Reifen von acht Geschädigten zerstochen haben, die an den beiden vorangegangenen Verhandlungstagen auch als Zeugen vor Gericht ausgesagt hatten. In einem anderen Fall soll der Angeklagte gedroht haben, er werde, falls man die Polizei holen werde, dem ersten den Schädel einschlagen. Da es bei der Vielzahl der Fälle von Reifenstecherei nur in einem einzigen Fall, den der Angeklagte gezwungenermaßen eingestanden hatte, einen Videobeweis gab, in allen anderen Fällen aber keine Tatzeugen auszumachen waren und selbst im Fall der Gewaltandrohung nur Aussage gegen Aussage stand, musste sich das Schöffengericht mit Indizien begnügen.

Schon der Staatsanwalt hatte deshalb zuvor in seinem 45-minütigem Plädoyer erkennbare Schwierigkeiten, seine Anklage mit Fakten zu untermauern, behauptete aber dennoch, "die Hauptverhandlung hat alle Vorwürfe bestätigt". Eine nachvollziehbare Motivlage aufgrund des gestörten Verhältnisses zu Nachbarn und anderen Personen seines Wohnumfeldes sei erwiesen. Auch die an den Fahrzeugreifen nachgewiesenen Schäden würden sich gleichen, und der Angeklagte sei häufig in der Nähe der Tatorte gesehen worden. Auch sei die im Auto des Angeklagten von der Polizei aufgefundene Stichahle "ein interessantes Beweismittel, das nicht jeder Autofahrer in seinem Handschuhfach hat". Nach Abwägung aller von den Zeugen geschilderten Sachverhalte war der Staatsanwalt überzeugt, "es passt alles zusammen", und beantragte eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten.

Verteidiger widerspricht Staatsanwalt

Der Verteidiger, dem der Angeklagte an allen drei Verhandlungstagen das Reden allein überlassen hatte, widersprach dagegen der Argumentation des Staatsanwalts. Er sah vor allem die Gefahr einer negativen Beeinflussung durch die "unbewiesene Aussage" einer Zeugin, wonach der Rentner im Ort unbeliebt sei, da er "schon viel gemacht" habe. Der Angeklagte habe eine Tat gestanden und diesen Schaden wieder gutgemacht. "Daraus für alle Vorkommnisse der Jahre 2014 bis 2018 eine Schuld bei ihm zu sehen, verbietet sich." Als Beispiel nannte der Verteidiger jenen Fall, in dem im Vierkanthof des Angeklagten einem Bus des Malteser-Hilfsdienstes die Reifen zerstochen wurden. "Es sind auch andere MHD-Busse in den Hof gefahren, denen die Reifen nicht zerstochen wurden." Im Widerspruch zum Staatsanwalt kam der Verteidiger zum Ergebnis, dass keine Motivlage erkennbar sei. "Es mangelt an Fakten und Sachbeweisen für alle anderen Fälle." Deshalb forderte er Freispruch, nur für den zugegebenen Fall eine geringe Geldstrafe. Geldstrafe sei auch dann angebracht, falls das Schöffengericht seinen Mandanten auch in anderen Fällen schuldig sprechen sollte.

Nach 90-minütiger Beratung verlas der Vorsitzende Richter das Urteil: Ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung sowie für die Gewaltandrohung gegen Polizisten eine Geldstrafe von 3000 Euro, zu zahlen an die Lebenshilfe in Schweinfurt.

In 35 Fällen für schuldig befunden

Nur in 34 der 48 Reifenstechereien sowie im Fall der Störung der öffentlichen Ordnung befand das Gericht den 72-Jährigen für schuldig. "In den anderen Fällen ist uns die Indizienlage zu dünn, das reicht uns einfach nicht aus", begann der Vorsitzende Richter seine dreiviertelstündige Urteilsbegründung. Das Geständnis des Angeklagten in einem Fall sei nicht von Reue oder Schuldgefühl getragen, hielt der Richter dem Rentner vor.

"Ich habe in keiner Sekunde das Gefühl gehabt, dass der Angeklagte es bedauert. Es ist ihm offensichtlich egal." An den Angeklagten gewandt, ergänzte er: "Ich kann es immer noch nicht fassen: Was geht in einem Menschen vor, der in die Reifen eines MHD-Busses einsticht, in dem Kinder transportiert werden." Deshalb sei dem Gericht die Aussetzung der Strafe zur Bewährung "gar nicht leicht gefallen und nur mit Bedenken" festgesetzt worden. Einen letzten Satz gab der Richter dem Rentner noch auf den Weg: "Wenn Sie in den nächsten drei Jahren wieder einen Reifen anstechen und dabei erwischt werden, sitzen Sie schneller im Gefängnis, als Sie denken können."

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