Bad Kissingen
Kultur

Kissinger Sommer: Musik kennt keine Sprachbarrieren

Das Ensemble 2012 Russland-Deutschland gastierte mit zwei Kammerkonzerten
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Christina Brabetz (Violine), Elizaveta Zolotova (Viola), Jakob Stepp (Violoncello) und Sergei Redkin (Klavier, verdeckt) spielten Klavierquartette von Mikhail Glinka und Johannes Brahms. Gerhild Ahnert
Christina Brabetz (Violine), Elizaveta Zolotova (Viola), Jakob Stepp (Violoncello) und Sergei Redkin (Klavier, verdeckt) spielten Klavierquartette von Mikhail Glinka und Johannes Brahms. Gerhild Ahnert
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Es ist eine interessante Truppe, die in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal beim Kissinger sommer gastiert hat - und das gerne auch fortsetzen kann: das "Ensemble 2012 Russland-Deutschland". Das ist eine Initiative, in der sich 2012, im Kulturjahr Russland/Deutschland, Studenten des Moskauer Konservatoriums und der beiden Berliner Musikhochschulen zusammengefunden haben, um grenzüberschreitend und kulturverbindend gemeinsam zu musizieren - ein Projekt, das von Valeri Gergiev protegiert wird. In Bad Kissingen war eine neunköpfige Gruppe in zwei Konzerten zu erleben.

Dass erste Konzert war zwei Klavierquartetten gewidmet, zunächst dem Quartett B-dur für Klavier, Klarinette, Fagott und Horn von Mikhail Glinka, eine Rarität des Repertoires, ausgesprochen zupackend von Fagott und Horn musiziert, von der Flöte virtuos koloriert und vom Klavier pausen- und geradezu gnadenlos permanent angetrieben. Und gerade weil die drei so toll spielten und so locker mit den technischen Raffinessen umgingen, fiel auf, dass Glinka vor allem im ersten Satz nicht allzuviel eingefallen ist.

Der jugendliche Zugriff tat auch dem Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello ausgesprochen gut. Obwohl die vier Musiker auch den balladesken Ton des Einstiegs wunderbar trafen. Aber sie spielten stark auf kreative Konfrontation, vermieden jede Art von Behäbigkeit. Auf der anderen Seite war aber auch das Andante ganz ruhig und mit einem Schuss Geheimnis musiziert. Den Pfiff des Rondos alla Ongarese ließen sie sich natürlich nicht entgehen.

Das Zweite Konzert im Rossini-Saal begann mit Igor Strawinsky und seiner Suite aus "Die Geschichte vom Soldaten" für Violine, Klarinette und Klavier. Wer noch die Originalversion der Inszenierung von Daniel Hope im vergangenen Jahr in Erinnerung hatte, konnte sichauf diese Musik freuen. Denn Kolja Blacher, der Geiger und diesjährige Mentor der Gruppe, der Klarinettist Nikita Vaganov und Sergei Redkin am Klavier gaben dieser Musik mit einem mitunter ins Brutale gehenden harten, unbeugsamen Zugriff nicht nur ihre beklemmende Kraft, sondern auch ihre Ironie. Der "Marche du soldat" oder der "Valse" hatten in ihren kratzigen, gehackten Akkorden weder etwas Militärisches noch eleganten Charme.

Erstaunlich war, dass die Mezzosopranistin Yulia Matochkina aus Moskau mitgekommen war und "Lieder und Tänze des Todes" - das klingt nicht ganz so drastisch wie "Vier Totentanzlieder" - von Modest Mussorgsky sang. Nicht, weil sie sie sang, sondern weil sie überhaupt mitgekommen war. Denn Yulia Matochkina ist keine Studentin mehr. Sie ist Ensemblemitglied des St. Petersburger Mariinskij-Theaters, wo sie auch viel mit Gergiev zusammenarbeitet, und sie ist häufig international unterwegs.

Das soll natürlich keine Klage sein, denn eine Stimme wie die Ihre hört man nicht alle Tage: ungemein substanziell und beweglich, durchsetzungsfähig, farbenreich im dunklen Timbre und hochdramatisch, wenn es sein muss. Und das musste sein. Denn in den Liedern geht es um den Tod und seine Tricks, die Menschen auf seine Seite zu ziehen: den Säugling, die kranke Frau, den betrunkenen Bauern und die Soldaten auf dem Schlachtfeld. Yulia Matochkina sang das alles höchst ausdrucksstark und ergreifend, aber es war auch ein bisschen Denkmalpflege der Ästhetik des 19. Jahrhunderts, nicht nur in den Liedern, sondern auch in ihrer Gestik - wie man das bei Mariiskijs wohl so macht. Besonders auffällig war das natürlich deshalb, weil das letzte Lied "Der Feldherr" mit seinem ganzen Heldenpathos genau die Welt war, die Igor Strawinsky gerade noch in seiner "Geschichte vom Soldaten" ironisiert hatte.

Zum Abschluss gab es ein selten aufgeführtes Werk, mit dem man die meisten Leute auf die Bühne bringen kann: das Oktett für fünf Streicher und drei Bläser von Franz Schubert. Das war schon sehr schön musiziert, aber es gab einen Schwachpunkt: ausgerechnet den Primarius Kolja Blacher, internationaler Solist, sechs Jahre Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, Geigenprofessor in Berlin. Ausgerechnet von ihm kamen zu wenig Impulse, wodurch er die neben ihm streichenden jungen Leute ausbremste und die Klangbalance immer wieder aus dem Lot brachte. Die weiter weg sitzenden Bläser ließen sich davon nicht beeindrucken, und der Kontrabass setzt sich schon aus physikalischen Gründen leichter durch. So hatte die Musik nicht nur gewisse Probleme, in einen präzisen Schwung zu kommen, sondern auch, ihn zu halten. Aber vielleicht war auch ein Grund, dass man einfach ein bisschen mehr Erfahrung braucht, um sich in diesem nicht ganz unkomplizierten Werk zu behaupten.

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