Bad Kissingen
Winterreise

Kissinger Sommer: Die Spannung entsteht aus dem Augenblick

Natürlich waren die Erwartungen an die beiden hoch nach der "Schönen Müllerin" vom vergangenen Jahr, sehr hoch sogar. Und trotzdem war es wieder überraschend, mit welcher Intensität und Übereinstimmung die beiden zu Werke gingen.
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Die "Winterreise" ist an ihrem Ziel angekommen: Simon Bode (rechts) und Igor Levit. Gerhild Ahnert
Die "Winterreise" ist an ihrem Ziel angekommen: Simon Bode (rechts) und Igor Levit. Gerhild Ahnert

Erstaunlicherweise war es eine Premiere für den Kissinger Sommer: Franz Schuberts "Winterreise" ist noch nie bei dem Festival gesungen worden. Jetzt waren der Tenor Simon Bode und Igor Levit als Begleiter am Flügel mit diesem Zyklus im restlos ausverkauften Rossini-Saal. Und das wirklich Erstaunliche war: Auch für sie war es eine Premiere: Sie hatten den berühmten Zyklus vorher noch nie gemeinsam aufgeführt.

Simon Bode ist ein Sänger, der geradezu skrupulös an die Lieder herangeht, der sie genau analysiert und der in der Lage ist, die Vielschichtigkeit der Texte zu gestalten, emotionale Schwankungen zu erspüren und umzusetzen. Jede Nuance bekommt bei ihm eine Bedeutung, eine eigene Färbung. Wer ihm bei der "Winterreise" mit ihren psychischen Abgründen zuhören will, muss seelisch gut gerüstet sein. Denn ein Entziehen ist bei ihm nur schwer möglich - nicht zuletzt auch deshalb, weil er so natürlich singt, als würde er sein Gegenüber direkt ansprechen. Die Spannung entsteht aus dem Augenblick.

Für Simon Bode ist Igor Levit schon deshalb der ideale Partner, weil er, gleichsam als dritte Systemzeile, den Text immer mitspielt, weil er es immer wieder schafft, die emotionalen Situationen, die der Tenor singt, nicht nur in völliger Übereinstimmung zu grundieren, sondern auch vorzubereiten. Und das erleichtert dem Sänger den Einstieg enorm. Das erreicht er mit einem ungemein differenzierten hochkonzentrierten Anschlag und einer absoluten Genauigkeit im Timing. Besser als bei den beiden können Stimme und Klavier eigentlich nicht zusammenwachsen.

Als am Ende "Der Leiermann" erklingt, ist der "Winterreisende" nicht tot, aber psychisch am Boden. Und auchder letzte Zuhörer sitzt auf der Stuhlkante. Und dann auch noch Johann Sebastian Bachs "Bist du bei mir" als Zugabe - da war die emotionale Ziellinie erreicht, da durfte nichts mehr kommen.

Übrigens ein interessanter Aspekt an diesem Tag: Daniil Trifonov (28) und Igor Levit (32), zwei Pianisten der jüngeren Generation aus der allerersten Reihe - und das innerhalb von drei Stunden. Ein Vergleich, den nicht jedes Festival bietet: Während Daniil Trifonov von außen nach innen spielt, spielt Igor Levit von innen nach außen -immer auf seine Partner oder das Publikum zu. Und plötzlich kann man sich Daniil Trifonov nicht mehr so gut als Liedbegleiter vorstellen.

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