Bad Kissingen
Zukunftslabor

Kissinger Sommer: Der alte Dorfwahrsager und die Handys

Das Zukunftslabor des Kissinger Sommer machte es möglich: "Der Dorfwahrsager", die barocke Oper von Jean-Jacques Rousseau wurde zum Protestzug gegen das Handy.
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Colette (Flore van Meersche) liebt Colin (Magnus Dietrich), aber sie gibt sich spröde. Werner Vogel
Colette (Flore van Meersche) liebt Colin (Magnus Dietrich), aber sie gibt sich spröde. Werner Vogel
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Die Botschaft des musikalischen Philosophen, den Neuerungen der Zivilisation kritisch gegenüber zu stehen, beantworten Regisseur Till Kleine-Möller, die Lehrer und Schüler Kissinger Schulen mit einem der großen Zeithemen von heute. Ein ganzes Jahr lang schafft man gemeinsam eine zweite Ebene zur Handlung der Oper. Die aber spielt im Jetzt. Die ausgeschmückte Liebesgeschichte zwischen dem Schäfer Colin und seiner geliebten Colette, kapriziös gespielt, luftig klar gesungen hier und die lauten, grob direkten Halbsätze der Twitter Generation da. Schroffe Gegensätze! Schmeichelnde Musik, phantasievolle Kostüme, barock-heitere Lebenslust, trifft auf Geschäft, Manipulation und Vereinsamung trotz teurer Handys. Gewagt das Experiment, schockierend die Botschaft! Immerhin, unbewegt ging keiner nach Hause!

Musik zum Träumen

Dabei fängt alles so schön an. Zu Herzen gehende Klänge zaubern die Musiker der Academia di Monaco auf ihren historischen Instrumenten. Hochbegabte Solisten des Mastergangs "Musiktheater" der Akademie August Everding am Start ihrer Karriere. Behutsam geleitet von Joachim Tschiedel.Die elegante Sopranistin Flore van Meerssche ist eine bezaubernden Colette, Tenor Magnus Dietrich nimmt man den reuigen Schäfer Colin ab und Benedikt Eder gibt dem durchtriebenen Titelhelden Dorfwahrsager eine Prise Gewitztheit mit. Schlanke, unangestrengte Stimmen. Wie gerne hätte man ihnen ohne Unterbrechung durch eine Parallelhandlung zugeschaut und zugehört, hätte sich verzaubern lassen von den eingängigen Melodien, der Klangmalerei französische Sprache, hätte sich hineingeträumt in die Liebesgeschichte der jungen schönen Menschen in den phantasievollen, unschuldig weißen Kostümen... Es sollte ganz anders kommen.

Hoffnungsvoller Ansatz

"Education Projekt" und "Kissinger Zukunftslabor"! Nach Musik klingt das nicht, eher nach Erziehung, ausprobieren und der Suche nach Neuem. Dabei ist es hoffnungsvoller Ansatz, junge Leute für klassische Musik und so für den Kissinger Sommer zu gewinnen. Da ist Tilman Schlömp auf gutem Weg. Nach "Sommernachtstraum" und "Parade" durften sich die über 130 Schülerinnen und Schüler in diesem Jahr auch beim "Dorfwahrsager" einbringen und mitgestalten, durften darstellen, tanzen und singen. Kinder, Eltern und Besucher der bisherigen Aufführungen zusammen sind weit über 2000 potentielle Kunden für den "Sommer". Hieße ein zwei Mal ein ausverkaufter Max-Littmann-Saal. Gut, wenn man da ein Netzwerk mit engagierten Pädagogen aufgebaut hat, mit Michaela Weißenberger, Christel Gimmler, Stefan Ammersbach, Julia Waldner, Dr. Dagmar Fischer und weiteren Förderern der Jugend. Und da ist vor allen auch noch Erna Buscham zu nennen, die Assistentin des Intendanten. Sie führt alle zusammen und ist der leidenschaftliche gute Geist des Zukunftslabors.

Gegensatz

Jetzt also eine Oper. Der Dorfwahrsager. Ein Akt - Intermède genannt - Text und Musik aus der Feder des Philosophen Jean-Jacques Rousseau aus dem 18. Jahrhundert, der sich auch als Komponist sieht. Kein Monumentalwerk, aber ein Riesenerfolg, der heute noch auf dem Spielplan großer Häuser steht. Ein französisches Dorf: Die Schäferin Colette wurde von ihrem Geliebten Colin verlassen, der sich einer adligen Dame in der Stadt zugewandt hat. Dann kommt der Dorfwahrsager ins Spiel. Illusionist, gerissener Geschäftemacher, Manipulator, Medium für das Liebespaar.

Mit Handy bleibst Du allein!

Was Sinnberg-Grundschule, Mittelschule, Realschule, Jack-Steinberger-Gymnasium und Berufsschule als Parallelwelt von heute aus Rousseaus Ansätzen machen, beeindruckt. Ein Menuett mit blinkenden Handys. Videobotschaften übergroß als Hintergrund. Die Story: Daisy wird ausgegrenzt, ist nicht in der angesagten Clique, weil sie kein Handy hat. "Cool bist du nur, wenn du ein Handy hast". Wie soll sie da mit dem geheimnisvollen Tommy zusammenkommen, der ist nämlich in der Handy-Gang. Handyverkäuferin Zelda überredet Daisy, ein Handy zu kaufen, ein sehr teures. Zelda ist der Dorfwahrsager, Daisy ist Colette, Tommy ist Colin. Handy, soziale Medien und die daraus resultierende soziale Anpassung werden am Ende in einer gespenstischen Massendemonstration ausgedrückt, die in ihrer überdeutlichen Aktualität den Besuchern Gänsehaut über den Rücken laufen lässt: Vergiss nicht das reale Leben!

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