Bad Neustadt an der Saale
Kissinger Sommer

Kissinger Sommer: Auftritt von Rajaton in Bad Neustadt

Rajaton, das Weltklasse A-Capella Ensemble aus Finnland entdeckt die Stadthalle in Bad Neustadt als beeindruckenden Klangraum.
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Rajaton trat beim Kissinger Sommer in Bad Neustadt auf.Werner Vogel
Rajaton trat beim Kissinger Sommer in Bad Neustadt auf.Werner Vogel
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Queen, Sting und Beatles statt Mozart, Bach oder Wagner. Kein würdevoller Saal aus der Kaiserzeit, dafür stilvolle Sachlichkeit der neuen Stadthalle in Bad Neustadt. Immerhin 2018 mit dem "German Design Award" ausgezeichnet. Kein Orpheus mit Harfe im Deckengemälde, dafür geht ein großzügiges Foyer über in eine einladende Bar. Plaudern beim Sekt an eleganten Stehtischen. Im Saal edle Materialien und keilförmig angeordnete Stuhlreihen, wohltuend luftig aufgestellt, die ganze Reihe muss nicht aufstehen, wenn jemand etwas später kommt. Und dann der Klang! Hell, klar, hörbar anders und willkommener Gewinn für den Kissinger Sommer, der zum zweiten Mal als Gast in dieser Halle weilt. "Varietas delectat, Abwechslung erfreut", bringt es der Lateiner auf den Punkt.

Angebot für jüngere Generation

Das Ambiente der Stadthalle lädt geradezu ein, dem Festival einen der hochwillkommenen Farbtupfer zu schenken, den die Besucher schätzen, die "Klasse-Musik" hören wollen, aber keine ausgesprochenen Klassikfans sind. Wie eben "Rajaton". Gute Musik auf besondere Art umsetzt. Sechs hochbegabte Sängerinnen und Sänger aus Finnland, deren einzigartige A-Cappella-Kultur seit Jahren Weltklasse Niveau bestätigt wird. Das ist ein hochprofessionelles Ensemble mit beeindruckenden Stimmen. Das ist nicht einfach nur Gesang, sie senden Klänge wie ein großes Orchester spielerisch leicht durch den Saal. Perfekt ausgesteuert von einem Könner am Mischpult, dazu eine ausgefeilt stimmige Choreographie, die sich nicht ein einziges Mal wiederholt. Großes Kino!

Die Entdeckung des Nachhalls

Spielt da im Hintergrund eine Begleitband? Nein, alles wird mit der Stimme formuliert, da wird der Brustkorb zum Resonanzboden kubanischer Bongos, der Sopran zupft Pizzicati der Violine und der Tenor rundet Klang und Rhythmus als Kontrabass. Die Klänge sind geschichtet, getürmt, schweben und verlieren sich, kommen wieder. Du hörst Klarinette und Oboe, siehst Saxophon und Posaune vor dir. Wann hat man je "We can work it out" von den Beatles so raffiniert verfremdet gehört? Rajaton macht auch Stings "I was brougth to my Senses" zu einem Kunstwerk.

Und wie melodiös die finnische Sprache sein kann, wird mit Texten aus den "Kanteletar", der Sammlung finnischer Volkspoesie deutlich. Besonders da jubelt das Publikum nach jeder Nummer, wenn die drei temperamentvollen Damen Aili Ikonen, Essi Wuorela und Soila Sariola ihre Muttersprache zum Klingen bringen, Tenor Hannu Lepola und Ahti Paunu als Bariton antworten und Jussi Chydenius mit klangmächtigem Bass das letzte Wort hat. Es wird moderiert. Die Damen und Herren machen das abwechselnd. Frisch und unaufgeregt in Englisch und da muss man gar nicht jedes Wort verstehen, um von der Fröhlichkeit angesteckt zu werden.

Ob sie jetzt Eigenkomposition ansagen oder eine musikalische Reise in nordische Gefilde, nach Irland oder Island antreten. Dass diese schier unbegrenzten Klangräume so nachhaltig wirken, liegt an den großartigen Stimmen, aber auch einem raffinierten Trick des Mischpults, das besonders bei getragenen Stücken wie "Butterfly" von Mia Makaroff, dem Welthit von Rajaton, einen gehauchten Nachhall anfügt, den die Akustik des Saales wirkungsvoll auf das Publikum herabfallen lässt.

Die Überflieger aus Finnland nehmen die Besucher mit auf eine Expedition durch unbegrenzte Klangräume, lassen mit grenzenloser Virtuosität den typischen Rajaton-Sound entstehen, der nachhaltig beeindruckt. Nach einer letzten Verbeugung an die finnische Heimat steht der ganze Saal. Umjubelte Zugabe. Rajaton heißt auf Finnisch grenzenlos. Das sind sie: Grenzenlos gut!

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