Bad Kissingen
Comedy

Kissinger Lachnacht machte ihrem Namen alle Ehre

Wer im Kurtheater einen Abend mit Spaßfaktor erwartet hatte, der lag bei Helene Mierscheid, Robert Capitoni, Roger Stein und Vera Deckers genau richtig.
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Roberto Capitoni, der seinen Bühnenauftritt als Trauma-Therapie für seine Identitätskrise als deutsch-italienischer Schwabe verstand. Klaus Werner
Roberto Capitoni, der seinen Bühnenauftritt als Trauma-Therapie für seine Identitätskrise als deutsch-italienischer Schwabe verstand. Klaus Werner
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wenn man sich die Welt anschaut", so Ole Lehmann in seiner Begrüßung zur 4. Bad Kissinger Lachnacht im Kurtheater. Und die 220 Gäste erfreuten sich an dem, was die vier Comedians Lächerliches, Absurdes oder Nachdenkliches in dieser Welt gefunden hatten.

Was im Fernsehen geht, geht auch auf der Bühne - so denken wohl die Macher der Comedy-Show "Lachnacht". Man nehme einen eloquenten Moderator sowie drei bis vier Comedians, die mit einer Mischung aus Slapstick, Musikkabarett und Dampfgeplauder im 30-Minuten-Takt für zwei Stunden Unterhaltung sorgen.

Was manchmal in die Hose gehen kann, hat an diesem Abend bestens funktioniert - nicht nur dank Ole Lehmann, der die Überleitungen als Frontmann geschickt mit zwischenmenschlichen Anspielungen auf die eigene Homosexualität, mit Nachdenklichem zu "Oh Gott, ich werde 50" oder Geschichten aus dem Bio-Supermarkt spickte. Wer die feine Gesellschaftskritik anspruchsvollen Kabaretts an diesem Abend suchte, der hatte sich die falsche Veranstaltung ausgesucht und wäre wohl enttäuscht gewesen über die Oberflächlichkeit des Programms. Wer jedoch einen Abend mit Spaßfaktor wollte, der lag bei Helene Mierscheid, Robert Capitoni, Roger Stein und Vera Deckers genau richtig.

Mit der als "politische Kabarettistin" angekündigten Helene Mierscheid begann der Abend, und als "Eisbrecherin" musste sie erst einmal das Publikum auftauen. Im Leoparden-Look und mit Anspielungen auf die Ausrüstungsprobleme der Bundeswehr, mit Querverweis auf die Saudis und deren Umgang mit dem Fall Kashoggi tat sich die Berlinerin anfangs etwas schwer - auch weil sie die Tiefen der Themen mied. Weitere Stichwörter waren unter anderem der Brexit und natürlich Trump - mit ihren unterhaltsamen Anmerkungen hierzu stieg sie auf der Applausskala nach oben und punktete abschließend mit einer Sequenz aus "Merkels Tagebuch" und der Erkenntnis: Mundwinkel nach unten = Wählerdaumen nach oben.

Weniger Probleme hatte Roberto Capitoni, der seinen Bühnenauftritt als Trauma-Therapie für seine Identitätskrise als deutsch-italienischer Schwabe verstand und damit das Publikum schnell auf seiner Seite hatte. Jeder Satz ein Lacher, garniert mit skurriler Mimik - so wirbelte Capitoni über die Bühne und ließ das Publikum an seiner Geburtsszene ebenso teilhaben wie an den Weisheiten von Onkel Luigi: "Du musst klug sein! Dann kannst du dich dumm stellen, aber andersherum ...." Dann lästerte das schwäbische Energiebündel über die plastische Chirurgie und sorgte mit deftigen Anmerkungen zu Wolfgang Joop als "Entsprungener aus Körperwelten" für Lacher.

Seine persönlichen Stationen Berner Oberland - Wien - Berlin vereinte Liedermacher Roger Stein in seinem Auftritt zum Thema. Die Zeit stand im Mittelpunkt seiner musikalischen Betrachtungen, und einleitend diktierte ihm ein Metronom den Takt zu einem nachdenklichen Stück über den unerbittlichen Zeitablauf, dem man ausgesetzt ist oder man sich aussetzt. Es folgten ein klassisches Ständchen, um die die Holde zu bezirzen und das Bekenntnis, "das Lied gibt es noch, aber ...", sowie humorvoll-sarkastische Betrachtung zum Klassentreffen und zur Verwandlung der "Wahnsinns-Braut" von einst zum "Reihenhaus-Modell".

Den Schlusspunkt setzte die Kölnerin Vera Deckers, die wie das bekannte "HB-Männchen" über die Bühne wieselte und sich wortreich über alles aufregen konnte. Heidi Klum bekam ebenso ihr Fett ab wie die Youtube-Influencer, der Granny-Style der Teenies oder der "Hippster-Vollbart für die Bürschchen" von heute. Zynisch fabulierte sie sich durch den Trend der fürsorglichen, anregungsarmen Elternliebe, die nach dem Motto "Fördern auf Verdacht anstelle von Begabung" oder "Unser Kevin ist hochbegabt, wir wissen aber noch nicht für was" handelt. Abgewatscht wurden auch die "Schrittzähler-Asketen", deren Zähler bei Minuswerten dafür sorgt, dass der Kühlschrank seine Köstlichkeiten nicht preisgibt, oder die "Best-Ager" mit eigenem Beauty-Kanal und dem Risiko, bei der Wassergymnastik mit Gewichten nicht mehr auftauchen zu können.



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