Bad Kissingen

Käfer macht fette Beute

Förster und Waldbesitzer müssen neuerdings einem weiteren Winzling zusehen, wie er wütet und Ernte-Pläne durcheinanderwirbelt.
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Wo sich der Käfer durchgefressen hat, hatte die Buche mal ihre lebenswichtigen Nährstoffe gepumpt. Der neonfarbene Strich markiert das Schicksal des Baumes. Diese 60 Jahre alte Buche ist tot und muss raus aus dem Forst. Fotos: Carmen Schmitt
Wo sich der Käfer durchgefressen hat, hatte die Buche mal ihre lebenswichtigen Nährstoffe gepumpt. Der neonfarbene Strich markiert das Schicksal des Baumes. Diese 60 Jahre alte Buche ist tot und muss raus aus dem Forst. Fotos: Carmen Schmitt
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Während des Studiums hatten ihm die Professoren noch erklärt, dass ihm diese Art Käfer außerhalb seiner Bücher nie begegnen würde. Die Lehrer sollten sich irren. Mit seinem Messer schabt Fabian Menzel ein Stück der Rinde vom Baum. Er ist nicht der Erste, der sich bis auf diese Schicht vorarbeitet, wo der süße Saft des Baumes fließt. Ein Borkenkäfer hat bereits seine Gänge in den Bast dieser Buche gegraben und sich durch die lebenswichtigen Leitungsbahnen gefressen. Sein Todesurteil. Dass sich Borkenkäfer allerorten im Forst über schwächelnde Fichten hermachen, ist kein neues Phänomen - obgleich der währenden Last. So wie sich das Insekt aber hier bei Nüdlingen diesen Laubbaum und seine vielen Nachbarn vorgeknöpft hat, hat Fabian Menzel, Förster und Revierleiter, noch nicht erlebt.

"Das ärgert mich wahnsinnig", sagt Fabian Menzel. Hier oben im Dummental am Altenberg, wo er sich immer und immer wieder darum gesorgt hatte, dass die Buchen unter optimalen Bedingungen wachsen können, steht heute so etwas wie ein Friedhof. In Neonorange schreien die Striche stumm von den Baumstämmen: "Ich bin tot und muss weg!"

Dürre, hohe Temperaturen: Waldarbeiter haben aus dem Gemeindewald Nüdlingen innerhalb von zwei Jahren 8000 Festmeter Holz geholt - die durchschnittliche Erntemenge. Nur diesmal bestand die ausschließlich aus sogenanntem Schadholz.

"So krass habe ich das noch nie erlebt", sagt Fabian Menzel. Bei Kollegen in anderen Gebieten schaut es ganz ähnlich aus, berichtet der Förster. Besonders in der südlichen Hälfte des Landkreises, wo es trocken ist und das Wasser schnell versickert, hat es heuer die Laubbäume schwer getroffen. Bernhard Zürner vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Bad Neustadt hat den Überblick für den Kissinger Kreis und die Nachbarn in Rhön-Grabfeld.

Sorge um Buchen

Seine Schadholz-Rangliste für Bad Kissingen führt auch heuer wieder die Fichte (60 000 Festmeter fm). Gefolgt von der Kiefer (10 000 fm), der Buche (4000 fm) und der Eiche (2500 fm). Bei Lärche und Esche sind je 1000 Festmeter angefallen. Rund um Münnerstadt, Nüdlingen und Bad Bocklet, im Raum Hammelburg, Oberthulba und Wartmannsroth sowie im Riedenberger und Oberbacher Forst hat es Nadelhölzer besonders getroffen. Was mit den Buchen passiert, macht dem Abteilungsleiter aber besonders Sorgen.

"Das hätten wir nicht gedacht, das hat uns alle überrascht", sagt Bernhard Zürner. Gerade die Buche: Noch vor zwei, drei Jahren war sie der Baum, auf den die Förster gesetzt hatten. "Wir dachten, darauf können wir den Wald aufbauen." Die Trockenheit hat die Buche getroffen: "Das schmerzt uns am meisten", meint Zürner.

Der Borkenkäfer hat regional unterschiedlich stark zugeschlagen, heißt es auf Anfrage von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF). Die Fichten habe es überall erwischt. Generell sei die Lage vor allem bei Passau, im Bayerischen Wald und im Frankenwald sehr angespannt. Heuer sei der Schaden "auf einem ähnlich sehr hohen Niveau" wie im Vorjahr. 2018 war ein Ausnahmejahr: Während der letzten 30 Jahren hatte der Borkenkäfer nie so leichtes Spiel wie im vergangenen Jahr. Rekord - 4,5 Millionen Kubikmeter Schadholz meldete das LWF. Die Käfer-Population explodierte aufgrund von Stürmen und anhaltender Trockenheit. Wassermangel beobachtet auch der Nüdlinger Revierleiter Fabian Menzel.

Bäume müssen raus

Der Leiter der Forstbetriebsgemeinschaft Rhön-Saale schätzt, dass der Grundwasserspiegel drei bis vier Meter unter dem normalen Niveau liegt - Stress für die Wurzeln. Abgesehen vom ökologischen auch ein ökonomisches Problem: Der Preis für Fichtenholz ist um zwei Drittel niedriger als sonst. Das Schlimmste für Fabian Menzel als Förster sind aber die Löcher.

Von den befallenen Bäumen muss er sich aber unbedingt trennen, meint er. Bevor sie andere "anstecken" und so lange sie noch etwas am Markt einbringen. Nur, wenn so eine Buche bloß noch Brennholzwert hätte, darf sie bei Fabian Menzel stehen bleiben. "Saubere Waldwirtschaft" heißt die Devise. Die Bäume müssen weg. So schnell wie möglich. Da liegt das nächste Problem: "Wir kommen jetzt schon kaum nach, betroffene Bäume rauszuholen", sagt der 39-Jährige.

"Waldbesitzer haben die Verantwortung", sagt Bernhard Zürner - es ist mehr als ein Appell. Jetzt gelte es, die Zeit zum Aufräumen zu nutzen. Im Nüdlinger Forst sind sechs der zehn betroffenen Hektar schon geschafft. Doch damit ist es nicht getan, meint Menzel. Wichtig sei vor allem die Pflege in den nächsten Jahren. Das kostet. "Gemeinden und Privatwäldler brauchen finanzielle Unterstützung beim Aufforsten." Schließlich profitiere die ganze Bevölkerung vom Wald. Wie wird der wohl in 20, 30 Jahren aussehen, wenn die nächste Generation durch den Forst spaziert?

Je bunter die Palette, desto besser könnte der Forst gewappnet sein für klimatische Veränderungen, meint Fabian Menzel. Nach dem Prinzip "Risiken minimieren, Chancen erhöhen" - aber: "Es weiß keiner, ob nicht auch die Eiche in zehn Jahren ein Schädling erwischt." Also setzt der Förster wie viele andere seiner Kollegen auf einen Mix. Neulinge und Altbekannte ziehen in den Wald: Douglasie, Küstentanne, Baumhasel, Elsbeere, Speierling, Spitzahorn. "Der Laubholz-Anteil wird in jedem Fall steigen", sagt Bernhard Zürner. Und was wird aus den Buchen?

Bernhard Zürner vertraut auf den nassen April und Mai in diesem Jahr. Hatten die Bäume ausreichend Gelegenheit, genug Energie zu sammeln, um zu überleben? "Die Hoffnung besteht, dass die Reaktionen nächstes Jahr nicht so krass ausfallen." Die Entwicklung im Wald hängt jetzt besonders von den Niederschlägen ab, die der Winter bringt. Und davon, wie fit die Bäume noch sind, meint Dr. Hannes Lemme vom LWF: "Die entscheidende Größe ist die Vitalität der Buchen."

Fabian Menzel hat derweil die Harvester angefordert, die anrücken werden, um die toten Buchen zu bergen - damit es auf diesem Friedhof am Altenberg wieder Platz für neues Leben geben kann.

Typen Borkenkäfer werden in Rindenbrüter und Holzbrüter unterteilt. Die bekanntesten Vertreter der ersten Gattung sind die "Buchdrucker" (Fichte), die "Kupferstecher" (Fichte) und die "Waldgärtner" (Kiefer). Sie bohren sich in die Rinde des Baumes, legen ihre Eier ab und leben vom Bast - das Todesurteil für den Baum, der ihr Wirt geworden ist. Wo ein Käfer zugeschlagen hat, werden seine Fraßgänge auf der Rinde sichtbar. Andere Zeichen sind verfärbte Nadeln und braunes Bohrmehl rund um den Stamm. Der Kleine Buchenborkenkäfer macht sich wie sein Name verrät vornehmlich über Buchen her. In unseren Breiten kann er auch an Eichen, Aspen, Birken und Walnussbäumen vorkommen. Wenn er sich in den Baum eingebohrt hat, zeigt sich eine Art Schleimfluss verteilt über den Stamm. Holzbrüter wie der "Gestreifte Nutzholzborkenkäfer" (Fichte, Tanne) haben eine etwas andere Taktik: Sie bohren sich in das Holz und legen dort ihre Eier ab. In ihren Gängen züchten sie Pilze, von denen sich die Borkenkäfer ernähren.

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