Bad Bocklet
Interview

Josef Schuster im Interview zur Bildungskonferenz: "Rote Linien werden verschoben"

Dr. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, sprach bei der Bildungskonferenz des Landkreises über die Bedeutung der Bildung für die Demokratie und die Wahrnehmung des Judentums in der Gesellschaft.
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Dr. Josef Schuster bei seinem Vortrag in Bad Bocklet.Johannes Schlereth
Dr. Josef Schuster bei seinem Vortrag in Bad Bocklet.Johannes Schlereth

Die Vorfahren von Dr. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralsrats der Juden in Deutschland, führten bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Hotel in Brückenau. Deshalb war es dem Internisten aus Würzburg so wichtig, am Freitag bei der Bildungskonferenz des Landkreises. Am Rande haben wir mit Josef Schuster über Antisemitismus, Bildung und den Anschlag von Halle gesprochen.

Mit dem Bild "Bei Hitlers brennt noch Licht" beschreibt Comedian Simon Pearce die aktuelle politische Lage in Deutschland. Herr Schuster, wie sehen Sie das: Brannte das Licht "bei Hitlers" immer gleich, waren nur die Fensterläden zu und wir haben es nicht gesehen oder haben wir vielleicht einfach nur zu lange weggeschaut?

Josef Schuster: Ich denke, das Zitat zeigt sehr viel des Bildes, wie es tatsächlich ist. Ob die Fensterläden zu waren? Die waren nicht zu. Sie waren vielleicht nicht so weit offen, wie sie heute sind, aber offen waren sie, und das Licht hat man gesehen, wenn man's sehen wollte, aber man wollte nicht immer sehen. Man wollte insbesondere gar nicht sehen in dem Zeitraum unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Man hat in den letzten Jahren schon eher wieder das Licht bemerkt. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass ganz aktuell entweder das Licht heller wird oder der Fensterladen weiter aufgeht: Das, was man lange Zeit für nicht sagbar gehalten hat, hält man heute wieder für sagbar. Rote Linien wurden verschoben, werden verschoben. Und damit brennt dieses Licht heller, aus Worten werden Taten.

Um beim Bild von Simon Pearce zu bleiben: Halten Sie es für möglich, dass irgendwann das ganze Haus in Flammen steht? Sprich: Haben Sie Sorge, dass sich Geschichte wiederholt?

Ich kann es mir nicht vorstellen, dass in Deutschland, einem Land mit dieser tragischen Geschichte, die es erlebt hat - es gab sechs Millionen Juden als Opfer, aber die Bevölkerung in Deutschland hat ja letztendlich auch gelitten - das dürfen wir nicht vergessen und ich glaube, dass das auch noch bei vielen noch im Kopf ist und entsprechend weiter getragen wurde. Wer versucht, die Situation heute mit der Weimarer Republik zu vergleichen, der täuscht sich doch völlig. Denn wir müssen uns im Klaren sein, dass von staatlicher Seite wir heute eine Situation haben, wo doch alles dafür getan wird, um demokratische Werte zu erhalten, wo das Thema Antisemitismus ganz bewusst und aktiv bekämpft wird. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass es in einem Land wie Deutschland noch einmal zu einer solchen Katastrophe kommen kann.

Wie wichtig ist Bildung Ihrer Meinung nach für Demokratie und gegen politische Extreme?

Bildung ist das A und O, nur wer die Geschichte kennt, wer weiß, zu was es in Deutschland gekommen ist mit den Folgen, vielleicht auch den Folgen in der eigenen Familie, der sollte in der Lage sein, einzuordnen, was uns mitunter heute als demokratische Werte vorgegaukelt werden, der dann differenzieren kann, was sind echte demokratische Werte.

Gilt das Zitat des im KZ ermordeten Theologen Dietrich Bonhoeffer immer noch: "Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen"?

Ich denke, es ist ein gutes Zitat. Dass Dummheit nicht der einzige Grund ist, wenn's auf der anderen Seite zu Macht kommt, ich glaube, das ist klar. Dass es aber etwas ist, was Macht, falsche Macht fördern kann, wie es Bonhoeffer hier ausgedrückt hat, ist ein Satz, der heute genauso Gültigkeit hat.

Jenseits der Masse der Mitläufer gibt es aber auch die, die voran gehen: Ist es nicht gefährlich, Rechtsextreme zu unterschätzen? Macht Bildung wirklich immun gegen Faschismus, Antisemitismus und andere menschenverachtende Ideologien?

Bildung ist ein Punkt, der wichtig ist. Bildung alleine ist sicherlich nicht das, was Radikalismus, was Fremdenfeindlichkeit, was Antisemitismus ausmerzen kann. Es gibt, und das kennen wir aus einer ganz aktuelle Studie, die dieser Tage erschienen ist, in der so genannten Bildungselite, hier wurde Bildungselite definiert mit Menschen, die ein jährliches Einkommen von mehr als 100 000 Euro haben, sind es immerhin auch 18 Prozent der Menschen, die klassische antisemitische Vorurteile hegen. Also: Bildung ist ein Stein, mehr als ein Mosaikstein, aber einer unter vielen anderen.

Sie haben es in Ihrem Vortrag erwähnt, wie sorgenvoll blicken Sie darauf, dass ausgerechnet ein Geschichtslehrer in Thüringen bei einer rechtsextremen Partei Spitzenkandidat ist?

Es ist etwas, was mich schockiert, dass ein Gymnasiallehrer für Geschichte in einer Partei wie der AfD eine führende Position einnimmt und dabei auch sich nicht davor scheut, geschichtsvergessene Zitate von sich zu geben und zu relativieren. Da mache ich mir ein bisschen Sorgen. Er exponiert sich in einer Partei. Ich hoffe, ich hoffe sehr, dass er ein Einzelfall ist unter den Lehrern und dass es nicht noch mehr Lehrer gibt mit ähnlichem Gedankengut, die dann genau da Bildung vermitteln wollen. Dabei möchte ich nicht ahnen oder denken, was aus einer solchen Bildung dann werden kann.

Vor kurzem habe ich zufällig eine Klasse der David-Schuster-Realschule getroffen und nach dem Namensgeber ihrer Schule gefragt: Keiner wusste, dass ihr Vater 1910 in Brückenau geboren und was ihm angetan wurde. Sind wir heute zu geschichtsvergessen?

Also der Fakt, dass sie nicht unbedingt wussten, dass mein Vater in Brückenau, heute Bad Brückenau, geboren wurde, das sehe ich nicht so dramatisch. Ich bin im Röntgen-Gymnasium in Würzburg in die Schule gegangen, ich weiß, dass Röntgen die Strahlen in Würzburg entdeckt hat, aber wenn sie mich jetzt fargen, wo er geboren wurde: Das könnte ich Ihnen auch nicht sagen. Die Frage allerdings der persönlichen Lebensgeschichte ist schon irritierend, wenn die Schüler die nicht wussten. Vor allem deckt es sich nicht mit meinen Erfahrungen, die ich mit der Schulleitung und auch Schülern der David-Schuster-Realschule gemacht habe.

Humanistische Gymnasien gibt es selbst in Bayern so gut wie gar nicht mehr, Schulen sollen doch heute möglichst effektiv auf den Beruf vorbereiten: Gibt es Ihrer Meinung nach noch ein ausreichendes humanistisches Bildungsideal und haben vermeintliche Nebenfächer wie Geschichte und Ethik darin einen festen Platz?

Ich denke, dass es hier Lücken gibt, gerade das Thema Judentum. Judentum wird häufig nur in der Opferrole, in Zusammenhang mit der Shoah, im Zusammenhang mit 1933 bis 1945 erwähnt. Dass jüdische Menschen einen großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung in Deutschland genommen hatte, dass Albert Einstein Jude war zum Beispiel, das kommt viel zu kurz und hier bedarf es sicherlich Änderungen in den Lehrplänen - unabhängig, ob es sich um ein mathematisch-naturwissenschaftliches, ein neusprachliches oder eben ein humanistisches Gymnasium handelt.

Und noch ein Blick auf die aktuelle Lage: Wie tief hat die Tat von Halle die jüdische Gemeinschaft erschüttert und wie haben Sie die Solidaritätsbekundungen - etwa auch des aus Hammelburg stammenden Theologen Burkhard Hose und vieler anderer in Unterfranken - wahrgenommen?

Der Anschlag auf die Synagoge in Halle hat - gerade am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur - die jüdischen Menschen und die jüdische Gemeinschaft in erheblichem Maße verunsichert. Ich denke aber, dass es hier gelungen ist, mit einer ganz klaren Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen - in den Bundesländern, wo es noch nicht so war, wie es hätte sein sollen, da waren wir in Bayern sicher immer schon einen Schritt weiter voraus in der Hinsicht - die klaren Bekenntnisse haben dazu geführt, dass ich glaube, dass dieses keine Verunsicherung ist, die längerfristig anhält. Was die Solidaritätsbekundungen angeht - Sie haben Pfarrer Hose erwähnt, als einen - hat mich das im positiven Sinne sehr überrascht, wie viele Solidaritätsbekundungen auch ich persönlich bekommen habe, auch von Menschen, die ich überhaupt nicht kenne. In dieser Form, in dieser offenen und nach meinem Empfinden ehrlichen Form habe ich das bisher nicht erlebt, und das ist doch ein positives Signal.

Das Gespräch führte Redakteur Ralf Ruppert.

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