Ein idyllischer Ort im Ganstal an einem warmen Sommernachmittag. An der Weinbergshütte Vicina des Hotels Kaiser lässt es sich gut aushalten. Die Umstände, die die Menschen hier zusammengebracht haben, sind allerdings weniger schön. Es ist die Selbsthilfegruppe für Aphasie und Schlaganfall Hammelburg, die eines ihrer monatlichen Treffen ins Freie verlegt hat.
"Die Selbsthilfegruppen sind sehr wichtig, um Erfahrungen auszutauschen und auch wieder Lebensmut zu schöpfen. Dafür ist im medizinischen Behandlungsprogramm durch Ärzte, Physiotherapeuten und Logopäden zu wenig Zeit", weiß Elfriede Hartmann, Leiterin der Selbsthilfegruppe Hammelburg.
Vor etwa sieben Jahren erlitt sie mit 60 Jahren selbst einen Schlaganfall. "Jeder Schlaganfall verläuft anders. Ich hatte Glück, war innerhalb von drei Stunden in der Klinik. Da konnte noch die sogenannte Lysetherapie durchgeführt werden", erzählt sie. Sofort danach versuchte sie, Kreuzworträtsel auszufüllen. Nach drei Wochen schaute sie sich das Heft noch einmal an und merkte selbst, dass alle Worte falsch geschrieben waren.
"Ich wollte mich unbedingt wieder richtig ausdrücken können. Deswegen habe ich nach Gleichgesinnten gesucht und bin über eine Anzeige in der Zeitung auf die Selbsthilfegruppe in Hammelburg gestoßen." Wer sie heute kennen lernt und mir ihr redet, merkt nichts von ihrer Erkrankung. "Doch wer mich von früher kennt, weiß den Unterschied", erklärt sie. Manchmal muss sie auch noch nach den richtigen Begriffen suchen. Das Vorlesen für ihren jetzt siebenjährigen Enkel hat sie dazu angespornt, weiter zu üben.

"Vieles gemeinsam erleben"


Die Selbsthilfegruppe trifft sich nicht nur zum Kaffeetrinken. "Auch wenn wir sehr gut bewirtet werden im Dr. Maria-Probst-Heim," betont Hartmann, "wir wollen vieles Verschiedenes gemeinsam erleben." Dieses Jahr haben sie die Umweltstation in Sennfeld besucht und einen Vortrag zur Ernährung gehört. Ferner standen ein Märchenerzähler, Lachyoga sowie Pantomime auf dem Programm. Auch Ausflüge in die nähere Umgebung oder Spielenachmittage wurden angeboten.
Diplom-Sozialpädagogin Corinna Köth betreut hauptamtlich die Selbsthilfegruppen in Unterfranken und ist mit der Neurologischen Reha-Klinik in Neustadt in Kontakt, um Betroffene nach der Klinikphase zu unterstützen. "Wir brauchen die Selbsthilfegruppen. Was die Ehrenamtlichen leisten, könnten wir wenigen Hauptberuflichen nicht abdecken," sagt sie.

"Gott wollte mich noch nicht"


Auch Bekannte aus benachbarten Selbsthilfegruppen sind angereist. Susanna Müller aus Mömbris erzählt, sie engagiere sich gerade dafür, Behindertenparkplätze näher an die Einkaufsläden zu legen als Eltern-Kind-Plätze. Hildegunde Gäb aus Schweinfurt informiert, dass ihre Selbsthilfegruppe sich jetzt um ehrenamtliche Fahrer bemüht: "Denn wenn die Angehörigen arbeiten, können die Betroffenen nicht zu den Treffen kommen." Ein hilfreicher Tipp könnte der Hinweis auf den Hammelburger Bürgerbus sein. Der Informationsaustausch macht den Nutzen sozialer Netzwerken deutlich.
Hinter jedem Einzelnen in der Gruppe steht ein bewegendes Schicksal. "Gott wollte mich noch nicht haben. Jetzt habe ich ein zweites Leben und versuche es, so wie ich kann, zu genießen", erklärt Anton Eilingsfeld. Er lag mit seinem Schlaganfall vier Tage allein in der Wohnung, weil alle dachten, er sei beim Karneval in Köln.
Das ist nun siebeneinhalb Jahre her. Der 51-jährige Ingenieur sprüht nur so vor Lebensmut. Trotz halbseitiger Lähmung arbeitet er wieder Teilzeit bei seinem früheren Arbeitgeber. Für die Selbsthilfegruppe engagiert er sich sehr, besucht Seminare und ist öfter im Zentrum für Schlaganfall und Aphasie in Würzburg. Eilingsfeld bekennt schelmisch: "Also ich komme schon wegen der Kuchen von Elfriede zu den Treffen, denn die sind die Besten."
Andererseits kann nicht jeder das so positiv sehen wie Eilingsfeld. "Mit 35 Jahren sein Fleisch auf dem Teller nicht schneiden zu können, ist schlimm," kommentiert Vater Holzinger. Seinen Sohn Andreas ereilte das Schicksal mit 32 Jahren. Mit Sprachstörungen und halbseitiger Lähmung muss der junge Ingenieur nun zurecht kommen. Eines verbindet aber alle in der Gruppe: Sie möchten ihr Leben wieder möglichst eigenständig in die Hand nehmen.