Bad Kissingen
Gericht

In Bad Kissingen fällt Urteil im Pool-Schlitzer-Prozess

Der Angeklagte im Pool-Schlitzer-Prozess ist vor dem Kissinger Amtsgericht zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt worden.
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Der Angeklagte im Pool-Schlitzer-Prozess ist vor dem Kissinger Amtsgericht zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt worden.  Foto: Carmen Schmitt
Der Angeklagte im Pool-Schlitzer-Prozess ist vor dem Kissinger Amtsgericht zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt worden. Foto: Carmen Schmitt

Andreas T.* ist für die Vandalismus-Serie im sogenannten Pool-Schlitzer-Prozess zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt worden. Nach dem ausgehandelten Geständnis gehen alle 17 Fälle zwischen Juni 2015 und August 2016 sowie vier weitere aus diesem Sommer auf das Konto des 29-Jährigen. Swimming-Pools, Luftmatratzen, Schwimmflügel, Schwimmreifen und Plansch-Spielzeug hatte er zerstochen oder mitgehen lassen. Der Schaden: wenige bis ein paar Hundert Euro. Nur einmal wurde es wirklich teuer, als er einen Wasserschaden verursachte. Andreas T. kam nachts. Mit seinem Messer wütete er nicht nur im Kissinger Umkreis, sondern auch in den Nachbarlandkreisen Schweinfurt, Rhön-Grabfeld und Haßberge. Sein Verteidiger hofft, dass mit der Verurteilung jetzt Ruhe einkehrt. Aber eine Frage bleibt: Warum hat Andreas T. immer wieder zugestochen?

Fall für Fall: Ja? Nein? Vielleicht? Wer versucht hatte, Details von Andreas T.* (*Name geändert) zu erfahren, tat sich schwer. Was er "definitiv nicht" gewesen sein kann, wie er während der Verhandlung sagte, hatte der Angeklagte den Polizeibeamten und beim Psychiater längst gestanden - und umgekehrt. Sein Verteidiger spricht von "widersprüchlichen Angaben" und einem "überschaubaren Intellekt". "Da bin ich noch nie gewesen", meinte der 29-Jährige, als die Richterin die angeschuldigten Fälle abklappert. Später wird er der Staatsanwältin versichern, dass er bei seinen nächtlichen Streifzügen mit seinem Auto nicht darauf geachtet habe, wo es ihn gerade hingetrieben hatte und Ortsschilder nicht wahrgenommen hatte. Planlos sei er ausgeschwärmt - meistens. Vor zwei Jahren gab er bei der Polizei zu: Am Anfang war es der Spaß am Kaputtmachen. Dann konnte er nicht mehr aufhören. Gedankenlos habe er weitergemacht. Sein Muster war immer gleich. Auf frischer Tat hatte er sich nie erwischen lassen.

Er habe längst den Überblick verloren, soll er bei der Polizei einmal ausgesagt haben. Fast 50 Fälle brachten Betroffene zur Anzeige. "Es hat sich immer mehr angestaut, ich musste mir Luft machen", sagte er bei der Verhandlung auf die Frage nach dem Grund für seine Schlitz-Attacken. Sticheleien auf der Arbeit, Stress mit der Freundin - war der Frust-Pegel erreicht, griff er sich sein Messer und startete einen neuen Zerstörungs-Streifzug. Ein Psychiater wollte es genauer wissen - und scheiterte.

"Ich wünschte, ich könnte mehr sagen", sagte der Psychiater Reiferückstände, eine sexuelle Störungen, eine Perversion, Persönlichkeitsstörungen, Drogen - negativ, meint der Gutachter. Er sei sich aber sicher: Irgendetwas schwelt im Hintergrund. Das Problem nur: Es blieb im Hintergrund. "Ich stelle lieber keine Diagnose als eine falsche."

Der Polizist war für die Vernehmungen stets in Zivil zu ihm nach Hause gekommen - nicht noch mehr auffallen, geredet werde ohnehin schon reichlich in dem Örtchen, in dem der Angeklagte aufgewachsen war. Während der Verhandlung verschränkte er die meiste Zeit seine Arme vor sich. Verschämt drehte er sich zu Beginn von den Fernsehkameras weg. Der 29-Jährige vergrub sein Gesicht in den Händen, schirmte sich vom Blitz und den Strahlern ab.

Dass er am Ende Taten zugeben würde, hinter denen er nicht steckt, glaubt die Richterin nicht: "So ein Typ sind Sie nicht", meinte sie. Seinen Verteidiger kennt der Angeklagte seit einigen Jahren. Er spricht von einer Art Vertrauensverhältnis. Seiner Mutter hat der Anwalt geraten, zu notieren, wann Andreas T. kommt und geht, und am besten wohin, "damit wir ein Alibi vorweisen können", wenn "mal wieder der übliche Verdächtige" zuerst kontaktiert werde.

Bei den Taten auf der langen Liste der Staatsanwaltschaft war Andreas T. nicht nur der Verdächtige, sondern der Verantwortliche. Nach einer kurzen Unterbrechung lässt er sich über seinen Verteidiger auf ein Geständnis ein. Ausgeklammert wird der Fall mit dem Wasserschaden. Den habe er nicht kommen sehen können. Nur zwei der gut ein Dutzend Zeugen werden danach noch vom Gericht befragt.

Was die Richterin - trotz Geständnis - umtreibt: Lechzt der Angeklagte unterbewusst nach der Aufmerksamkeit, die er erfährt, indem er die Medien und die Öffentlichkeit mit seinen Attacken aufscheucht? "Diese Frage muss man stellen, kann sie aber nicht mit Sicherheit beantworten. Was sonst in Ihnen vorgeht? Dahinter können wir nur ein großes Fragezeichen machen", sagte die Richterin. Weder dem Verteidiger, noch der Bewährungshelferin und auch nicht dem Psychiater war es gelungen, zum wahren Motiv von Andreas T. vorzudringen. Was ihm neben der Strafe in Höhe von zwölf Monaten zur Auflage gemacht wird, ist, die ambulante Therapie weiterzuführen.

Die Therapeuten der Caritas-Beratungsstelle attestierten ihm, dass er seine "Abgrenzungsfähigkeit innerhalb der Familie" verbessert habe. Er selbst sagte, dass er jetzt besser mit Stress umgehen kann. Wut lässt er jetzt beim Holz hacken raus, oder beim Joggen. Gut so, meinte die Richterin, die den 29-Jährigen am Ende ihres Urteils eindringlich warnte: "Es darf jetzt nicht mehr passieren. Gar nichts. Wenn es weitere Straftaten gibt, lassen Sie mir keine andere Wahl." Andreas T. droht Gefängnis, wenn er sich mit seinem Taschenmesser wieder loszieht. "Denken Sie an meine Worte", sagte die Richterin.

Dem Pool-Schlitzer auf der Spur

Verzögert Bis der Verhandlungstermin festlegt wurde, dauerte es: Die Zuständigkeiten am Gericht hatten gewechselt und ein Gutachten zur Frage der Schuldfähigkeit klappte erst nach mehreren Anläufen.

Verjährt Was zwischen Sommer 2009 und Sommer 2011 vorgefallen war, ist bereits verjährt. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt. Von der Verfolgung der übrigen Attacken hat die Staatsanwaltschaft abgesehen - die Begründung: Sie fallen "nicht erheblich" ins Gewicht.

Verdächtigt Im Herbst 2016 nahm die Polizei einen Tatverdächtigen fest. Der damals 27-Jährige gab einige der Straftaten zu und gestand: "Ich bin der Pool-Schlitzer." Als die Beamten zur Hausdurchsuchung anrückten, fanden sie mehrere Luftmatratzen, die damals von den Tatorten verschwanden.

Verurteilt Der Beschuldigte hat bereits zwei Strafen kassiert: Vom Schweinfurter Landgericht hatte er 2014 eine Gefängnisstrafe kassiert, weil er gezündelt hatte. Bei Rannungen, Stadtlauringen und Elfershausen hatte der Ex-Feuerwehrmann Heuballen in Brand gesteckt. Zweieinhalb Jahre später saß er vor dem Kissinger Gericht, das gegen ihn eine Geldstrafe aussprach, weil er seine Ex-Freundin gewürgt und beschimpft hatte.

Verraten Erwischt wurde der Angeklagte nie. Dann wurden die Ermittler stuzig: Kurz nachdem sich ein Mann auf private Anzeigen für Plansch-Utensilien bei einer Familie meldete, war der Pool im Garten aufgeschlitzt, der versteckt auf der Wiese stand.bcs

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