Warum machen sich 250 Wallfahrer aus den Landkreisen Bad Kissingen und Schweinfurt von Oerlenbach aus zu Fuß auf den Weg zur Wallfahrtskirche "Maria im grünen Tal" in Retzbach? Sich frei zu machen von all den Sorgen, sich selbst wieder zu spüren, nur zu laufen, gute Luft einzuatmen und echte Menschen zu treffen - so stellt sich der Durchschnittsdeutsche die Wanderung im religiösen Gewand vor. Intensive Begegnungen mit sehr tiefgehenden Unterhaltungen entstehen auf Pilgerschaften. Dabei waren bei fast allen Themen wie eigene Ängste und Wünsche, belastende Alltagsprobleme und schwerwiegende Lebensentscheidungen Kern dieser Gespräche. Unterhaltungen über das beste Blasenpflaster, den ergonomischen Rucksack oder das nächste Etappenziel verbinden dabei auf eine spezielle Art miteinander.
Bereits zum 150. Mal machten sie sich ab Oerlenbach auf den Weg um in zwei Tagen 100 Kilometer zurück zulegen. Nach dem Start, kurz nach Mitternacht, mit 100 Pilgern aus Oerlenbach, Rannungen und Reiterswiesen gesellten sich unterwegs weitere Wallfahrer aus Poppenhausen, Kützberg, Kronungen und Brebersdorf hinzu, sodass der Zug auf 254 Wallfahrer anwuchs.
"Das Emotionale, die Kameradschaft und das Gefühl, über sich selbst hinauszuwachsen, sowie die Hochstimmung nach seiner persönlichen Leistung. Man merkt, dass Jeder, der mitläuft, die gleichen physischen Probleme hat. Die Anstrengungen schweißen zusammen. Nicht vergessen darf man die Empfindung, wenn Menschen die Straßen des Zuges säumen, sozusagen Spalier stehen und einem zuwinken", so Wallfahrtsleiter Otmar Lutz. 254 Wallfahrer sind eine organisatorische Herausforderung für Lutz und seinen 20-köpfigen Helferstab. Man benötigt fünf Vorbeter, die Besatzung von drei Begleitfahrzeugen, einem Traktorgespann und zusätzliches Sicherungspersonal für die Verkehrsabsicherung.
Wichtiges Instrument der Wallfahrt ist die Musikkapelle. 27 Helfer, acht Vorbeter und 25 Musiker aus rund 16 Gemeinden der Region sorgen für die musikalische und geistliche Begleitung der Wallfahrer.


Eigens angereist

Besonders stolz waren Otmar Lutz und der Leiter der Kapelle, Tobias Lutz, dass drei Musiker von Tettnang im Bodenseekreis (Baden-Württemberg) angereist waren, um die Musiker zu verstärken. "Gemeinschaftliche Gebete, Meditationen und Rosenkranz befassten sich mit dem Leitthema: "Groß sein lässt meine Seele den Herrn in Kreuz und Leid". "Die Leute waren so dabei und hatten überaus begeistert mitgemacht. Die vielen wohlwollenden Äußerungen der Teilnehmer bezeugten, dass unser Wallfahrtskonzept die Herzen der Wallfahrer berührte und diese eine neue Glaubenserfahrung gemacht haben", sagt Lutz. Dafür hätten auch die solistischen Einlagen der Musikkapelle gesorgt, die Lieder interpretierten, die die Seele berühren.
"Die Musik hat bei mir Saiten zum Klingen gebracht, die ich längst vergessen hatte", bestätigt ein Wallfahrer.
Sehr erfreut, war der Wallfahrtsführer, dass viele junge Menschen von 12 bis 35 Jahren mitgegangen sind. Über 80 Jahre sei der älteste Teilnehmer gewesen. Dass auch die durchquerten Gemeinden an der Wallfahrt interessiert seien, zeigten die Beispiele von den Pfarrgemeinderäten aus Schwebenried und Brebersdorf sowie der Feuerwehr in Kronungen, die die Pilger versorgten. Ein spezielles Eintopf-Team der Oerlenbacher Wallfahrer, unter der Leitung von Marina Seidel, versorgte alle in Binsfeld aus der Feldküche.
Auch der Wettergott meinte es gut mit den Wallfahrern. Bis auf einen Gewitterregen nach der Lichterprozession lachte immer die Sonne. Nur zwei Wallfahrer musste das Team des erstmals involvierten BRK-Fahrzeugs versorgen. Dass Wallfahren süchtig macht, zeigten auch die Geehrten, die bei dem Wallfahrtsgottesdienst ausgezeichnet wurden. Für 40-malige Teilnahme wurden mit dem Ehrenkreuz belohnt: Konrad Brunner und Stefan Geiger (Oerlenbach); 25-Mal waren Margarete Dees, Gerlinde Kraus (Kützberg) und Georg Sittler (Ebenhausen) zu Fuß unterwegs. Den Rückweg "per Pedes" traten 173 Wallfahrer an, die sich nach einer Frühmesse um 8 Uhr auf den Rückweg machten, um am Abend den Ausgangpunkt Oerlenbach zu erreichen. Den Abschluss der Wallfahrt bildet am Samstag, 28. Oktober ein Dankgottesdienst in der Pfarrkirche St. Burkhard mit einem gemütlichen Beisammensein, bei dem man die erfolgreiche Wallfahrt nochmals Revue passieren lassen kann.