Bad Kissingen
Gerichtsverhandlung

Bad Kissingen: 25-Jährige vergewaltigt? Richter: "Dieses Urteil ist uns nicht leicht gefallen"

Er stand wegen Vergewaltigung vor Gericht, doch am Ende erhielt der 25-jährige Angeklagte eine Geldstrafe wegen Körperverletzung. Am Ende blieben Zweifel.
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Sechs Stunden befasste sich das Kissinger Schöffengericht mit dem Vorwurf der Vergewaltigung auf dem Stadtfest in Bad Brückenau. Am Ende standen Widersprüche und Zweifel. Das Gericht entschied auf Körperverletzung. Symbolbild: Matthias Balk/dpa
Sechs Stunden befasste sich das Kissinger Schöffengericht mit dem Vorwurf der Vergewaltigung auf dem Stadtfest in Bad Brückenau. Am Ende standen Widersprüche und Zweifel. Das Gericht entschied auf Körperverletzung. Symbolbild: Matthias Balk/dpa

Mit einem Freispruch vom Vorwurf der Vergewaltigung endete die fast sechsstündige Verhandlung vor dem Bad Kissinger Schöffengericht. Lediglich wegen Körperverletzung eines am Vorfall Beteiligten wurde der 25-jährige Angeklagte zu einer Geldstrafe von 1800 Euro verurteilt. "Dieses Urteil ist uns nicht leicht gefallen", meinte der vorsitzende Richter abschließend.

Narbe ist geblieben

"Wir mussten uns zwischen zwei Varianten entscheiden", begann der Richter seine Begründung, weshalb man nach sorgsamer Abwägung "im Zweifel für den Angeklagten" entschieden habe. Ausgangspunkte der Verhandlung waren die Aussage der Hauptbelastungszeugin, auf die sich die Anklage bezog, und der entschiedene Widerspruch des Angeklagten. Ihm warf die Staatsanwaltschaft vor, im Juni 2017 beim Brückenauer Stadtfest in später Nacht auf der Tanzfläche jener Zeugin durch die kurze Hose gelangt und mit dem Finger in den Vaginalbereich eingedrungen zu sein. Nach dem Aufschrei der jungen Frau hätten Umstehende den Angeklagten zu Boden geworfen und geschlagen. Dieser habe sich massiv gewehrt und im Handgemenge einen Bühnentechniker, der schlichtend eingreifen wollte, in den Unterarm gebissen. Die verbliebene Narbe konnte der Zeuge auch nach fast zwei Jahren dem Gericht zeigen.

Der Angeklagte bestritt sowohl zu Beginn der Verhandlung als auch in seinem Schlusswort, der jungen Frau in die Hose gefasst oder ihr gar Gewalt angetan zu haben. Die Tatsache, dass er später von der Polizei festgenommen und in die Ausnüchterungszelle gesteckt worden sei, habe er nur im Zusammenhang mit der Prügelei und seinem Alkoholpegel gesehen. Vom Vorwurf der Vergewaltigung sei er erst später völlig überrascht worden.

Widersprüche

Während ihrer Anhörung vor Gericht wiederholte die Zeugin ihren Vorwurf und schilderte dem Gericht den Tathergang, verwickelte sich allerdings bei Nachfragen mehrfach in Widersprüche. Erst wollte sie auf dem Stadtfest nichts getrunken haben, dann aber doch. Erst gab sie an, keine Drogen konsumiert zu haben, dann aber doch. Erst leugnete sie, am Folgetag erneut auf dem Stadtfest gewesen zu sein, dann gab sie es zu.

Auch die befreundeten Jugendlichen, die damals auf der Tanzfläche standen und nun als Zeugen befragt wurden, konnten mit widersprüchlichen Aussagen oder der mehrmaligen Feststellung, "keine Ahnung" zu haben, dem Gericht bei der Klärung des Falles nicht weiterhelfen. Lediglich die Aussagen der damals behandelnden Ärztin und der beim Stadtfest diensthabenden Polizistin ließen eine Einschätzung zu. Die Bereitschaftsärztin hatte zwar eine Entzündung und Schwellung im Vaginalbereich festgestellt, meinte aber vor Gericht, dass deren Ursache auch älter gewesen sein konnte. Die Polizistin hatte sich gewundert, die Belastungszeugin trotz des fraglichen Vorfalls auch am nächsten Tag auf dem Stadtfest feiern gesehen zu haben.

Trotz allem wiederholte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer alle belastenden Zeugenaussagen, blieb bei ihrem ursprünglichem Vorwurf der Vergewaltigung in Tateinheit mit Körperverletzung und forderte eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Der Verteidiger forderte dagegen den Freispruch vom Vorwurf der Vergewaltigung. Er bezweifelte die Glaubwürdigkeit der Belastungszeugin und habe sich zurückhalten müssen, deren Vereidigung zu beantragen. Gegen eine Vergewaltigung sprach nach seiner Meinung, dass die Zeugin trotz des angeblichen Vorfalls auch am Folgetag unbeschwert auf dem Stadtfest gefeiert habe, sie niemals einen Arzt aufgesucht und keine psychologische Beratung in Anspruch genommen habe. Verteidiger: "Den Antrag der Staatsanwaltschaft kann ich nicht nachvollziehen."

Zweifel an der Glaubwürdigkeit

Auch dem Schöffengericht waren Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin gekommen. "Wir halten es für möglich, dass der Vorwurf richtig sein kann, aber wir sind nicht überzeugt", fasste der Richter nach einstündiger Beratung mit beiden Schöffen das Ergebnis zusammen. Tatsächlich habe es eine Prügelei gegeben. "Irgendetwas muss also passiert sein. Wir wissen aber nicht, ob es mit dem Vorwurf zusammenhängt." Dagegen habe es in der Verhandlung Unstimmigkeiten gegeben, "die erhebliche Bedenken wecken", fuhr der Richter in seiner Urteilsbegründung fort. "Im Ergebnis der Beweisaufnahme haben wir keine Erkenntnis, dass es tatsächlich so gewesen ist." Obwohl 20 bis 30 Tänzer auf der Tanzfläche gewesen seien, "gibt es niemanden, der irgendetwas gesehen hat".

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