Natürlich ist nichts Unrechtes dabei einen ganzen Konzertabend einem einzigen Komponisten zu widmen, um Querschnitte oder Entwicklungen zu zeigen. Bei den Orchestern ist es meistens Mozart oder Beethoven, bei den Pianisten Chopin - weil die sich am leichtesten vermarkten lassen. Aber dann sollte auch innerhalb dieser Werkschauen der altrömische Grundsatz "Varietas delectat" oder "Abwechslung erfreut" gelten. Und es sollte wirklich etwas dabei sein, das das Publikum auf die Stuhlkanten treibt, dass der Abend nicht nur in Bekanntem verplätschert.
Aber genau diese Gefahr bestand beim Galaabend der Bamberger Symphoniker mit Sir Roger Norrington am Pult. Dem Konzert fehlte ein mitreißender Höhepunkt - abgesehen davon, dass er in seiner Programmabfolge mal wieder etwas verwirrend war. Es war ja zu begrüßen, dass Sir Roger Mozarts Sinfonie Nr. 33 KV 319 ins Programm genommen hatte, denn das ist ein Werk, das leider nicht sehr oft gespielt wird. Und es war auch interessant, dass er den Bambergern sein striktes "No vibrato!" verordnet hatte. Da muss man natürlich wesentlich genauer spielen, als wenn man die Töne zu einem Durchschnitt hin "verzittern" kann. Aber der ist ohne Vibrato einfach klarer, durchhörbarer, schöner, verdeutlicht mehr Klangfarben.
Dass die Musik trotzdem nicht abhob, lag an der Gestaltung. Denn Norrington hielt die agogischen Kurven flach, differenzierte wenig und nahm die Tempi so schleppend, dass Stillstand drohte, dass die musiker in ihrem Impetus Gefahr liefen, zu früh einzusetzen. Nein, die 33. Sinfonie konnte nicht immer die Flachwasser der Langeweile vermeiden. Musik ist halt doch mehr als nur Klang. So bediente Sir Roger das Klischee des netten, unterhaltsamen, harmlosen Mozart, das man eigentlich für überwunden hielt.
Den Bambergern konnte man da keinen Vorwurf machen. Sie spielten handwerklich blitzsauber, mit einem schönen Messa di voce und angesichts des runden, raumgreifenden Dirigats Sir Rogers erstaunlich genau in den kleinteiligen Passagen. Man hätte sie nur machen lassen dürfen.
Wäre die Sopranistin Véro nique von Anfang an angekündigt gewesen, hätte man Diana Damrau, Mutterfreuden entgegen blickend, sicher nicht vermisst. Aber so wurde deutlich, dass die Französin kein gleichwertiger Ersatz sein konnte. Sie hat eine durchaus schöne Stimme mit einem erstaunlich substanziellen Mezzobereich. Und sie hat wunderschöne Opern- und Konzerteinspielungen vorgelegt, unter anderem "Così fan tutte" mit René Jacobs. Aber wenn sie auf dem Konzertpodium steht, wirkt sie stark gebremst, etwas inselhaft. Die beiden Konzertszenen "O temerario Arbace" KV 79 und "Ch'io mi scordi di te" KV 505 sang sie außerordentlich defensiv, mit wenig Kampfgeist und Ausstrahlung und leider auch Textunverständlichkeit. Und in letzterer schien sie das obligate Klavier geradezu zu irritieren, obwohl Semion Skigin außerordentlich mannschaftsdienlich spielte - aber eben auch mit der Gestaltungskraft, die man sich von ihr gewünscht hätte.
Besser war es bei den Opernarien, die Véronique Gens schon in Zusammenarbeit mit Regisseuren gesungen hat. Obwohl sie in "Ecco il punto, o Vitellia" aus dem "Tito" weder verdeutlichte, dass es sich um ein Selbstgespräch handelte, noch dass sie die Bassklarinette zu merken schien, die ihr neben ihr Dialogangebote machte. Sie schaute nicht einmal hin. Überzeugender war sie in Fiodiligis "Come scoglio immoto resta", einer Gestaltung des steigenden Trotzes. Warum die Bravourarie der Donna Elvira - und damit auch die Ouvertüre zu "Don Giovanni" gestrichen und durch die Arie des Cherubino, "Voi che sapete che cosa è amor"" aus dem "Figaro" ersetzt worden war, blieb rätselhaft. Man hätte sie sich etwas pubertätsverstörter gewünscht: Véronique Gens sang sie mit dem Hintergrund einer reifen Frau - also Cherubinos Zielgruppe.
Die Linzer Sinfonie KV 425 gab's zum Abschluss. Jetzt durften die Bamberger ein bisschen aufgeweckter spielen auch wenn die Musik nach wie vor zum Stillstand neigte - insbesondere im im Einheitstempo durchgehaltenen Menuett. Vielleicht wäre der Eindruck besser gewesen, wenn die Pauken präsenter gewesen wären - so wie, dank ihrer Aufteilung hinter dem Orchester, die Kontrabässe.