Laden...
Bad Kissingen
Verkehrsstatistik

Mehr Aggression auf Frankens Straßen? Verkehrspsychologen klären auf

In zwei von drei Polizei-Inspektionsbereichen im Landkreis Bad Kissingen haben 2019 die Aggressionsdelikte im Straßenverkehr zugenommen. Das merken auch Verkehrspsychologen - doch woran liegt das?
Artikel drucken Artikel einbetten
Beleidigung (wie hier in Schwerin), Nötigung und Provozieren gefährlicher Situationen gehören leider auch im Landkreis Bad Kissingen zum Straßenverkehr dazu. Symbolbild/Jens Büttner/dpa
Beleidigung (wie hier in Schwerin), Nötigung und Provozieren gefährlicher Situationen gehören leider auch im Landkreis Bad Kissingen zum Straßenverkehr dazu. Symbolbild/Jens Büttner/dpa

Möglicherweise sind die Mottener einer Katastrophe entkommen: Anfang April 2019 rief jemand im Rathaus an und drohte, Seile über die St 2790 zwischen Motten und Kothen zu spannen oder Öl auszugießen. Der Grund: unerträglich lärmende Motorradfahrer.

Menschlich vielleicht verständlich, gilt dieses Vorgehen als Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten. Als Aggressionsdelikt spiegelt es sich in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) wider.

Zahl der Aggressionsdelikte in Bad Brückenau fast fünf mal höher als 2017

Die Zahl der Aggressionsdelikte im Straßenverkehr ist im vergangenen Jahr im Bereich der Polizeiinspektion Bad Brückenau stark gestiegen. 19 Fälle standen 2019 zu Buche, gegenüber elf im Jahr davor. Und Inspektionsleiter Herbert Markert setzt noch eins drauf: "Gegenüber 2017 sprechen wir mittlerweile von einer fast Verfünffachung der Vorgänge."

In acht Fällen habe es sich um Nötigung gehandelt; drei Mal sei es zu Beleidigungen gekommen. In sieben Fällen müsse man von "Gefährdung des oder gefährlichen Eingriffen in den Straßenverkehr" sprechen.

So wie bei dem Fall, der sich am 28. August 2019 ereignete. Ein Polizeibeamter fuhr nach dem Spätdienst heim. Bei Wildflecken wollte er ein langsameres Auto überholen. Plötzlich zog der Fahrer eines Kleintransporters ohne zu blinken nach links und drängte den Überholenden ab. Der musste nach links ins Bankett ausweichen, um eine Kollision zu vermeiden. Folge war eine Anzeige wegen Gefährdung des Straßenverkehrs für den Transporterfahrer.

Bad Kissingen: Anzeigen wegen Nötigung und Beleidigung im Straßenverkehr gestiegen

Die Bad Brückenauer Entwicklung spiegelt sich nicht in den beiden anderen Polizeiinspektionen im Landkreis wider. Florian Heuring, Sachbearbeiter Verkehr der PI Bad Kissingen, meldet für seinen Bereich zwar 19 Anzeigen, davon zehn wegen Nötigung, sieben wegen Beleidigung und eine wegen Gefährdung des Straßenverkehrs.

Das bedeutet einen Anstieg gegenüber 2018 mit 14 Anzeigen: zwei davon wegen Nötigung, drei wegen Beleidigung, fünf wegen Gefährdung des Straßenverkehrs und eine wegen Gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

Doch im Jahr 2017 war es insgesamt schlimmer. Die Bilanz: 21 Anzeigen, davon neun wegen Nötigung, fünf wegen Beleidigung und jeweils zwei wegen Gefährdung des Straßenverkehrs und Gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

"Keine negative Entwicklung" in Bad Hammelburg

Allerdings ist die Bad Kissinger Statistik - anders als die aus Bad Brückenau - um diejenigen Aggressionsdelikte bereinigt, bei denen die Autobahn Tatort war. Autofahrer verließen die Schnellstraße, um ein Vergehen bei der nächsten Dienststelle anzuzeigen. In Bad Brückenau gab es allein acht solcher Fälle.

Im Inspektionsbereich Hammelburg haben die Aggressionsdelikte in den vergangenen drei Jahren sogar abgenommen. Nahmen die Beamten 2017 noch elf Anzeigen auf (acht Nötigungen, jeweils eine Beleidigung, Gefährdung des Straßenverkehrs und Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr), dokumentierten sie im Jahr darauf sechs und 2019 nur noch vier. Die unterteilten sich in eine Nötigung, eine Gefährdung des Straßenverkehrs und zwei Gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr. Auch diese Zahlen sind um die Aggressionsdelikte auf den Autobahnen bereinigt.

Florian Heuring spricht für die PI Hammelburg von einem "deutlichen Rückgang". Und er ergänzt: "Im zusammengefassten Vergleich der drei Dienststellen, also für den Landkreis Bad Kissingen, kann man nicht von einer negativen Entwicklung sprechen."

Zwei Drittel der Aggressionsdelikte geschehen auf A7

Drängeln, Nötigen, gefährliche Situationen heraufbeschwören - das kennt man eher von den Autobahnen. Westlich durchschneidet die A7 den Landkreis auf 40 Kilometern zwischen Autobahnparkplatz Dollwiese südöstlich Fuchsstadt und der Landesgrenze zu Hessen; östlich ist es die A71 mit 16 Kilometern zwischen den Anschlussstellen Oerlenbach und Münnerstadt.

"Zwei Drittel der Aggressionsdelikte ereignen sich auf der A7", sagt Bernhard Meyer, Herr der Zahlen der Verkehrspolizeiinspektion Schweinfurt-Werneck. Das leuchtet ein, herrscht doch auf der A7 weit mehr Verkehr als auf der A71.

Die Autobahnpolizei setzt auf diesen Fernstraßen (auch auf der A70, für die sie bei Schweinfurt ebenfalls zuständig ist) auf mobile Verkehrsüberwachung. Zentral war "insbesondere der Einsatz von Zivilfahrzeugen mit moderner Videomesstechnik, die beweiskräftig die Verfolgung schwerwiegender Verkehrsdelikte wie Nötigung oder Straßenverkehrsgefährdung ermöglicht", heißt es im Jahresbericht 2019. In jenem Jahr seien bei der mobilen Verkehrsüberwachung "248 Verkehrsteilnehmer angezeigt und dabei 39 Fahrverbote ausgesprochen" worden.

Verkehrpsychologin urteilt: "Aggressionen sind mehr geworden"

Im Bereich der Rohheitsdelikte, also Körperverletzung, Nötigung und Bedrohung, sei nach einem deutlichen Anstieg 2018 im Folgejahr ein Rückgang um 33 Prozent auf 70 Fälle zu verzeichnen gewesen. Die erfreuliche Aufklärungsquote: 80 Prozent. Auf den Landkreis Bad Kissingen herunterbrechen kann Bernhard Meyer diese Zahlen leider nicht.

Sabine Blechschmidt unterhält eine verkehrspsychologische Praxis in Schweinfurt. In den vergangenen fünf Jahren sieht sie "eine leichte Tendenz, dass die Aggressionen mehr geworden sind". Was auch mit dem höheren Verkehrsaufkommen zusammenhänge.

Brigitte Ulrich-Scherer führt in Würzburg eine Praxis für verkehrspsychologische Beratung und Psychotherapie. Zu ihr kommen - mehr oder weniger freiwillig - Autofahrer, die für eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU, im Volksmund Idiotentest genannt) ein Gutachten benötigen.

Aggressionen im Verkehr als Ventil für Alltagsprobleme

"Hinter aggressivem Verhalten im Straßenverkehr stecken nicht bewältigte Konflikte desjenigen, der fährt", sagt die Psychologin. Der Straßenverkehr sei ein "wunderbares Ventil" für Alltagsprobleme, zum Beispiel für Negativerlebnisse im Beruf, Beziehungsdramen, Stress in der Familie, den ständigen Zeitdruck in der modernen Gesellschaft.

Den meisten Menschen, die in Ulrich-Scherers Praxis kommen, fehlt die Einsicht, etwas falsch gemacht zu haben. "Sie schätzen sich als gute Autofahrer ein. Als solche, die ihre Emotionen im Griff haben. Viele bringen auch das Argument, sie seien bisher nicht groß im Straßenverkehr aufgefallen."

Dabei seien Aggressionen im Straßenverkehr meist Ergebnis unterbewusster Prozesse im Stammhirn. "Oft bekommen die Leute gar nicht wirklich mit, was sie gerade tun." Auch die scheinbare Anonymität im Straßenverkehr spielt eine wichtige Rolle. Im Zweifelsfall könne man ja Gas geben und wegfahren. Wer zum Beispiel drängelt und dafür keine negativen Folgen zu spüren bekommt, wird das immer wieder tun.

Männer im Straßenverkehr aggressiver

So verwundert es nicht, dass Brigitte Ulrich-Scherer "über zufällig viele BMW- und Audifahrer" bei sich zu Gast hat. Überdurchschnittlich oft fallen Männer durch Aggressionen im Straßenverkehr auf, hat die Verkehrspsychologin beobachtet. Frauen hätten über die Jahrtausende gelernt, über ihre unbewältigten Probleme zu reden, seien nicht so anfällig für rüpelhaftes Verhalten auf Straßen.

Auch Ulrich-Scherer hält die steigende Verkehrsdichte mitverantwortlich für Aggressionen. "Je dichter Menschen zusammenrücken, umso unwohler, bedrängter fühlen sie sich.