Bad Kissingen
Streetwork

Hoffnung: Streetworker setzt sich für Junkies ein

Ein 26-jähriger "Junkie" versucht, seinem Milieu zu entkommen. Die Begegnung mit Streetworker Christian Fenn gibt ihm Hoffnung. Und erspart der Gesellschaft Diebstähle im Wert von 150 Euro täglich.
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Sebastian K. war bis vor kurzem Heroinkonsument. Jetzt versucht er, unterstützt von Streetworker Christian Fenn, aus dem Teufelskreis aus Drogenkonsum und Beschaffungskriminalität auszusteigen. Und er beginnt, Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Fotos: Christian Fenn/Angelika Luga-Braun
Sebastian K. war bis vor kurzem Heroinkonsument. Jetzt versucht er, unterstützt von Streetworker Christian Fenn, aus dem Teufelskreis aus Drogenkonsum und Beschaffungskriminalität auszusteigen. Und er beginnt, Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Fotos: Christian Fenn/Angelika Luga-Braun
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Angefangen hatte alles mit einem telefonischen Hilferuf bei Streetworker Christian Fenn. Die Schwester von Sebastian K. (Name von der Redaktion geändert) hatte in der Saale-Zeitung einmal über ihn gelesen und in Erinnerung behalten, dass der "irgendwie helfen" kann. Und so schilderte sie ihm am Telefon, dass ihr Bruder Hilfe braucht, dass es mit ihm immer schlimmer werde, dass der "nur noch rumlallt, auf Kosten anderer lebt, Unruhe und Unfrieden in die Familie hineinträgt" und sich nicht mehr aufraffen kann, etwas zu tun. "Eine Heroinkarriere wie aus dem Bilderbuch", ahnte Fenn und versuchte, mit Sebastian K. in Kontakt zu kommen. "Erstaunlicherweise dauerte es nicht lange, bis das gelang", sagt er.

Sebastian K. - er selbst wollte nur den Streetworker für sich sprechen lassen - war schon vor dem schwesterlichen Hilferuf aufgefallen. Für seinen Heroinbedarf brauchte er täglich 150 Euro Bargeld und hatte mit seinen Diebstählen die Polizei auf Trab gehalten: Einbrüche unter anderem in einer Arztpraxis, einer Gärtnerei, einem Computergeschäft. "Privatpersonen hat er nie geschädigt", weiß Fenn mittlerweile. Aber es hatte lange gedauert, bis die Polizei den Mittzwanziger stellte.

Freilich wussten der Leiter der Polizeiinspektion Bad Kissingen, Stefan Haschke, und seine Kollegen relativ schnell, dass es sich um einen oder mehrere Täter aus dem Raum Bad Kissingen handeln muss und dass es sich bei den Diebstählen wohl um Drogen-Beschaffungskriminalität handelt. Aber obwohl die Beamten ihre "Spezeln" recht genau kennen, verging ein halbes Jahr, bevor sie Sebastian K. festnehmen konnten.


Günstige Sozialprognose


Vorübergehend. Trotz seiner langen Liste an Vorstrafen - Sebastian K. hat bereits ein Fünftel seines Lebens hinter Gittern verbracht - hat er einen festen Wohnsitz, war geständig und wurde daher wieder auf freien Fuß gesetzt. Hinzu kam, dass man ihm eine günstige Sozialprognose bescheinigte. Seit der Nacht auf der Polizeipritsche jedenfalls war er daheim bei seiner Schwester, die sich noch immer genervt fühlte durch sein unruhiges Auftreten. Und Sebastian K. verspürte den polizeilichen Verfolgungsdruck.

"Ich glaube, dass er sich vor allem deswegen helfen lassen wollte", schildert Fenn seine erste Begegnung mit dem Delinquenten. Und: "Das Wichtigste für mich war, ihn für die Substitution zu gewinnen und ihn damit an die Beratungsstelle zu binden." Also besprach er mit ihm Organisatorisches, aber auch über Möglichkeiten, vom Heroin wegzukommen, über das Methadonprogramm. Darüber entwickelte sich eine gewisse Vertrautheit, der Streetworker konnte eine Beziehung zu dem "Junkie" aufbauen. Der Kontakt stabilisierte sich, was bei einem Süchtigen nicht ohne Weiteres klappt. Aber: "Bei Sebastian K. ging das erstaunlicherweise sehr schnell", sagt Fenn.


"Kleine Wunder passieren"


Seither sehen sich die Beiden täglich, denn: "Von mir bekommt er jeden Tag sein Methadon." Der Kontakt war bald sogar mehr, als Fenn zu hoffen gewagt hatte: "Manchmal passieren so kleine Wunder", strahlt Fenn. Denn schon bald machten sie einen ersten Spaziergang zusammen, der sie in die Natur und auf die Spuren der Dinosaurier in Euerdorf führte. Sebastian K. staunte nicht schlecht an den Infotafeln, die ihm Einblick in eine lange versunkene Welt gaben, in eine Zeit, über die er noch nie nachgedacht hatte. "Da war plötzlich Interesse für etwas ganz anderes geweckt als für Drogen", freute sich der Streetworker noch immer. Das sei eine Besonderheit bei Menschen, die lange in ihrem Milieu, im Teufelskreis aus Beschaffungskriminalität und Heroinkonsum, gefangen waren. Etwas Besonderes ist für sie auch, "etwas Gemeinsames zu unternehmen."

Sebastian K. zeigte immer mehr Interesse an gemeinsamen Unternehmungen. "'Das ist super'", sagt er oft. Vor kurzem sind Fenn und er 70 Kilometer gemeinsam gewandert - für jemanden, der bis vor kurzem an der Nadel hing, eine klasse Leistung. Ein andermal nahm er ihn zu den Störchen in Hammelburg mit oder beobachtete mit ihm Falken auf dem Kirchturm.

Für den Streetworker ist das alles eine Bestätigung dafür, dass seine oft sehr aufwendige Arbeit mit Süchtigen Sinn macht. "Manchmal bin ich mit jemandem wie Sebastian K. zwei Stunden zusammen, manchmal einen ganzen Tag", schildert er, und ergänzt: "Man muss bedenken, was der Gesellschaft Tag für Tag erspart bleibt an Schaden", sei es an den jeweiligen Einbruchsorten, sei es an Beuteschaden. Und Sebastian K. ist nur einer von etwa 200 Konsumenten bei Fenn.

Während sich Sebastian K., begleitet durch den Streetworker, im Substitutionsprogramm stabilisiert und allmählich Licht am Ende des Tunnels sieht, wächst seine Scham über das, was er getan hat. Und die Angst, früher oder später doch wieder ins Gefängnis zu müssen. Trotzdem hegt er die Hoffnung, dem Gefängnis entgehen zu können, indem er weiter an sich arbeitet, vielleicht eine Ausbildungsstelle findet und eines Tages ein ganz normales Leben führt. Eine Hoffnung, die ihn anspornt.


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