Bad Kissingen
Konzert

Hochdramatisch und präzise

Eine packende Aufführung: Die Kantorei Bad Kissingen und der Herforder Münsterchor mit dem Requiem von Antonin Dvorák im Regentenbau. Mit dabei ein Solistenquartett und die Erzgebirgische Philharmonie Aue.
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Die Erzgebirgische Philharmonie Aue gastierte zum ersten Mal im Regentenbau.  Foto: Gerhild Ahnert
Die Erzgebirgische Philharmonie Aue gastierte zum ersten Mal im Regentenbau. Foto: Gerhild Ahnert

Dass Stadtkantor Burkhard Ascherl und der Herforder Münsterkantor Stefan Kagl seit dessen Dienstjahren an der Orgel der Erlöserkirche miteinander befreundet sind, ist natürlich deren Privatangelegenheit. Aber die Öffentlichkeit profitiert davon in hohem Maße: Regelmäßig im Herbst veranstalten sie mit ihren beiden Chören, der Kantorei Bad Kissingen und dem Herforder Münsterchor ein großes Konzert mit Orchester im Regentenbau - und 14 Tage später in Herford (manchmal bisher sicher auch umgekehrt). Durch den Zusammenschluss der beiden Gruppen ist es ihnen möglich, auch wirklich große chorsinfonische Werke aufzuführen, ohne dass ihnen die Kraft und die Luft ausgeht.

Und sie können, da sie keine Rücksicht auf zögerliche Veranstalter nehmen müssen, auch Werke aufführen, die abseits der Programmroutine liegen wie etwa Edward Elgars Oratorien "King Olaf" (selbst in England fast nie zu hören) oder "The Dream of Gerontius".

Herausforderung angenommen

Und jetzt also das Requiem von Antonin Dvorák. Ausgerechnet das! Das Werk ist sogar für Profichöre eine ziemliche Zumutung. Nicht, dass es so schwer zu singen wäre (obwohl: ganz einfach ist es auch nicht). Aber in der gut eineinhalbstündigen Komposition mit 13 Sätzen gibt es nur einen einzigen Satz, an dem der Chor nicht beteiligt ist. Als Chorsänger muss man das Werk im wahrsten Sinn des Wortes durchstehen. Nur durch einen mildtätigen Zufall gibt es in der Mitte mit dem "Recordare" einen Satz, in dem der Chor ein bisschen Reha für die Kehlen und Kniekehlen betreiben kann. Dvorák scheint vor allem in seiner großsinfonischen Musik von der Furcht getrieben worden zu sein, nicht genug zu bieten. In den Sinfonien zeigt sich das in einem - unterhaltsamen - Melodienüberhang, hier in dem Bestreben immer möglichst viele gleichzeitig zu beschäftigen.

So kommt es immer wieder zu starken dynamischen, hochdramatischen Aufgipfelungen, die den Wunsch nach ewiger Ruhe etwas konterkarieren, und zu Wiederholungen von längst Gesagtem. Im Vergleich dazu wirkt Mozarts Requiem geradezu schlank - aber dadurch natürlich auch nicht so wuchtig. Das Flehende, Bittende des Beginns wird sehr schnell von fordernden Tönen überlagert.

Trotzdem - oder gerade deshalb - erwarb sich der Chor allergrößten Respekt. Er nahm die Herausforderung an und sang bis zum Schluss mit steter Präsenz und intonatorischer und rhythmischer Genauigkeit, erreichte ein für Laienchöre ganz erstaunliches Fortissimo und blieb trotzdem gut durchhörbar. Und hochkonzentriert waren die zum Teil sehr kleinteiligen Dialoge mit den Solisten, die hohe Aufmerksamkeit erforderten. Das Zusammenfügen der beiden Chöre war kein Problem; man kennt sich lange genug, weiß um die Zuverlässigkeit des anderen. Die Vorbereitungen müssen intensiv gewesen sein.

Sehr gut "gecastet" war auch das Solistenquartett mit Raffaela Lintl (Sopran), Stefanie Rhaue (Alt), Siyabonga Maqungo (Tenor) und Dieter Goffing (Bass). Denn die vier sangen nicht nur außerordentlich genau und geradezu sorgfältig, was aufgrund der harmonischen Verläufe im Mehrstimmigen wirklich nicht einfach ist. Sondern sie behaupteten sich in den Auseinandersetzungen mit dem Chor ganz ausgezeichnet als gläubige Individuen. Eine angenehme Überraschung war die Erzgebirgische Philharmonie Aue, die zum ersten Mal im Regentenbau gastierte: kompakt und präzise in den Stimmgruppen, sehr aufmerksam und genau in der Klanggestaltung und in der Begleitung: Burkhard Ascherl konnte sein Hauptaugenmerk auf die Betreuung seiner Sänger richten. Nur die Holzbläser hätte man sich gelegentlich ein bisschen geheimnisvoller gewünscht. Und das Keyboard war kein adäquater Ersatz für die im Regentenbau fehlende Orgel. Selbst wenn sie das Thema hatte, war sie nur selten und sehr schütter zu hören. Dafür machte der Paukist Lukas Grunert mit phantastischen Klangfarben manchen Satz zum Paukenkonzert. Ein nicht ganz unproblematisches Stück in einer ausgezeichneten, durchaus packenden Aufführung - Besseres und zum November Passendes hätte man Dvoráks Requiem nicht antun können. Und man darf gespannt sein, was die beiden Kantoren als Nächstes aushecken.

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