Bad Kissingen

Hinter den Kulissen - was ist, wenn eine Saite reißt

Neue Geige oder neue Saite?
Artikel drucken Artikel einbetten
Eine Geigensaite reißt am ehesten ganz vorne am Saitenhalter, am Steg und am Sattel. Eine neue Saite muss erst eingespielt werden, was bei einem Konzert nicht möglich ist. Symbolfoto: Michael P. O'Leary, IMG Artists
Eine Geigensaite reißt am ehesten ganz vorne am Saitenhalter, am Steg und am Sattel. Eine neue Saite muss erst eingespielt werden, was bei einem Konzert nicht möglich ist. Symbolfoto: Michael P. O'Leary, IMG Artists
Als dem Geiger Boris Brovtsyn beim "Gipfeltreffen" im Kurtheater kurz vordem Ende der 2. Prokofiew-Sonate plötzlich die A-Saite gerissen war, löste diese Havarie bei einigen Zuhörern eine Frage aus, als er kurze Zeit später wieder auftauchte, um das Stück zu Ende zu bringen: Hatte er jetzt eine neue Geige oder eine neue Saite?
Die Antwort ist eindeutig: weder noch! Mit zwei Geigen reisen die Virtuosen in den allerseltensten Fällen. Sie haben schon genug damit zu tun, auf das eine Instrument aufzupassen. Und die Geigen gehen normalerweise auch nicht kaputt.
Boris Brovstsyn hätte sich aber auch in Teufels Küche gebracht, wenn er eine neue Saite aufgezogen hätte. Denn dann hätte er im Minutentakt nachstimmen müssen, und das hätte sogar jeder gemerkt, der noch nie ein Werk von Prokofiew gehört hat.
Denn die Saiten brauchen ziemlich viel Zeit, bis sie sich unter der Spannung, die auf so einer Geige herrscht, so weit gedehnt haben, dass sie die angepeilte Stimmung auch wirklich halten. Das kann im schlimmsten Fall einen ganzen Tag dauern.
Die Geiger - und natürlich auch Cellistinnen oder Bratscher - Koptrabasssaiten reißen nicht so schnell - vermeiden das Problem, indem sie alte, gebrauchte Saiten aufziehen, die schon die richtige Länge haben und sich nicht mehr verändern.

Die Saiten gibt es natürlich nicht zu kaufen. Die fallen an, wenn man aus klanglichen Gründen neue Saiten auf sein Instrument aufzieht. Die alten werden dann in den Instrumentenkästen für den Notfall aufgehoben. Deshalb sieht es in manchen Geigenkästen auch so chaotisch aus.
Übrigens: Saiten reißen eigentlich nie da, wo man es erwarten würde: in dem Bereich zwischen Steg und Beginn des Griffbretts, also da, wo hefig gesägt und geschlagen und gezupft wird. Das stecken die Saiten lächelnd weg. Gefährdet sind sie da, wo sie aufliegen oder befestigt sind: also ganz vorne am Saitenhalter, am Steg und am Sattel, der Stelle, an der die Saite in den Wirbelkasten verschwindet. Dort entstehen die Reibungen, die einer Saite irgendwann einmal den Garaus machen. Mit bloßem Auge sind die schleichenden Schäden in den seltensten Fällen erkennbar. Man kann nur auf den Knall warten.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren