Bad Brückenau
Verbotene Orte

Hinter den Kulissen des Fahrradmuseums

Wer nicht verreist, geht einfach in der Region auf Entdeckungstour. Wir besuchen Orte, an denen Sie bestimmt noch nie waren. Heute fragen wir: Was passiert eigentlich abseits der Ausstellungsräume im Deutschen Fahrradmuseum?
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Museumsleiter Ivan Sojc kennt die Geschichten, die zu jedem einzelnen Fahrrad gehören. Fotos: Benedikt Borst
Museumsleiter Ivan Sojc kennt die Geschichten, die zu jedem einzelnen Fahrrad gehören. Fotos: Benedikt Borst
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Ivan Sojc liebt das, was er tut und er tut es gut. Der Leiter des Deutschen Fahrradmuseums geht ganz in seiner Arbeit auf und widmet sich ihr voller Hingabe und Professionalität: "Wir als Deutsches Fahrradmuseum haben einen Auftrag - und zwar das Kulturgut Fahrrad zu bewahren", schildert er seine Motivation.
Und so sammelt er Fahrräder, Hoch- und Dreiräder, Nieder- und Tretkurbelräder aus vergangenen Zeiten. In den Ausstellungsräumen des Museums in der "Villa Flüglein" finden sich, verteilt auf zwei Etagen, rund 230 Exponate. In stunden- , tage- oder sogar wochenlanger Handarbeit restaurierte Socj die Fahrzeuge. "Das Wort ,restaurieren' wird in der Oldtimer-Szene oft falsch verwendet", erläutert der gelernte Tischler. Sammler sprechen häufig von restaurierten Fahrzeugen. Sie würden in der Regel damit aber einen Neuaufbau meinen - zum Beispiel wenn in einen alten VW-Käfer ein fabrikneuer, chromfunkelnder Motor eingebaut werde.
Sojc dagegen will bei seinen Rädern möglichst den Originalzustand wiederherstellen und erhalten. Wenn er vom Restaurieren redet, heißt das, dass er fehlende oder kaputte Teile mit Originalstücken ergänzt oder ersetzt. "Das ist einfach authentischer. Das macht die Qualität des Museums aus", vertritt er seine Vorgehensweise.
Doch diese Arbeit entzieht sich den Augen der Öffentlichkeit. "Die Besucher bekommen gar nicht mit, wie viel Aufwand in einem Fahrzeug steckt. Sie sehen nur das fertige Ausstellungsstück", sagt Sojc während er die Treppen in das zweite Obergeschoss nach oben steigt. Hier befinden sich die Depoträume des Deutschen Fahrradmuseums. Hier lagern Dutzende Fahrzeuge und warten darauf, dass sie irgendwann einmal restauriert und dann den Besuchern vorgeführt werden.

Oldtimer aus Amerika


Ivan Sojc steuert zielstrebig ein Zimmer am Ende des langen Flures an, schiebt ein paar Räder zur Seite, die ihm den Weg verbauen und deutet auf ein amerikanisches Safety-Rad aus dem Jahre 1888: "Das habe ich vor zehn Jahren auf einer Oldtimer-Ausstellung eingetauscht", erzählt er im Plauderton. Er finde das Rad sehr interessant, weil es halb aus Metall und halb aus Holz gefertigt wurde. "Der Zustand ist mittelprächtig", verrät ihm sein Kennerblick. Am hint eren Schutzblech sind Feuchtigkeitsschäden erkennbar, der rechte Griff muss neu gedrechselt werden, es fehlt eine Bremse und die 124 Jahre hinterließen schwere Spuren in dem Ledersattel. "Nur um den Sattel zu erhalten, sind sechs bis sieben Stunden Arbeit nötig", schätzt der Fachmann.

Im Winter in der Werkstatt


Welche Räder das Glück haben, das Depot zu verlassen und in der Werkstatt im Erdgeschoss wieder auf Vordermann gebracht zu werden, entscheidet der Museumsleiter themenbezogen. Aktuell nimmt er sich Mopeds und Fahrräder mit Hilfsmotoren vor, die er für eine Sonderausstellung aufbereitet. "Der Großteil der Restaurierungsarbeit wird in den Wintermonaten erledigt", sagt er und öffnet die Werkstatttüre. Hier findet Ivan Sojc alles, was er braucht: Auf dem großen Werktisch, in Regalen und auf dem Boden stapeln sich Kisten mit Ersatz- und Einzelteilen, an Wänden und in Schubladen bewahrt er ein riesiges Werkzeug-Arsenal auf. Hier findet ein Hauptteil der Museumstätigkeit statt - im Verborgenen.
Die perfektionistische Detailarbeit nimmt er sehr ernst: "Die Dinge sind nur von der Geschichte geliehen." Deshalb sei das authentische Bewahren ein wichtiger Aspekt seines Berufes.


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