Hammelburg

Hilfsbereit, nützlich und nachhaltig

Mit geübtem Blick arbeiten sich die Mitarbeiterinnen der Kleiderkammer durch die abgegebene Ware. Seit drei Jahrzehnten verteilen sie Guterhaltenes an Bedürftige oder verkaufen es günstig - ein Kreislauf ganz im Sinne der Nachhaltigkeit.
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Die Hammelburgerin Cilli Ziegler war von Anfang an in der Kleiderkammer aktiv und macht es auch nach 30 Jahren immer noch gerne. Immer mittwochs, kann man hier in der Alten Volksschule gebrauchte Kleidung kaufen. Das Angebot gilt keineswegs nur für Bedürftige, sondern im Sinne der Nachhaltigkeit durchaus für alle.Kerstin Väth
Die Hammelburgerin Cilli Ziegler war von Anfang an in der Kleiderkammer aktiv und macht es auch nach 30 Jahren immer noch gerne. Immer mittwochs, kann man hier in der Alten Volksschule gebrauchte Kleidung kaufen. Das Angebot gilt keineswegs nur für Bedürftige, sondern im Sinne der Nachhaltigkeit durchaus für alle.Kerstin Väth
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Jeder kennt das: Der Kleiderschrank quillt über, in viele Sachen passt man entweder nicht mehr rein oder hat sie zumindest lange nicht getragen. Doch viele Kleider waren einmal teuer und sind einfach zu schade zum Wegwerfen. Was sich nicht mehr verkaufen lässt und weder Nachbar noch Familie oder Freunde haben wollen, landet oft schweren Herzens im Altkleidersack. Dabei gibt es für solche Fälle in Hammelburg eine Anlaufstelle, die vor 30 Jahren von Frauen ehrenamtlich ins Leben gerufen wurde - die Kleiderkammer. Ursprünglich war sie für Bedürftige gedacht, inzwischen kann jeder gegen einen kleinen Obolus im Sinne der Nachhaltigkeit dort gebrauchte Kleider, Schuhe, Bettzeug und Haushaltsartikel einkaufen.

"Für größere Möbel oder Kinderwagen haben wir leider keinen Platz", sagt Cilli Ziegler, die schon seit der ersten Stunde der Kleiderkammer dabei ist. Aber dafür gibt es eine Pinnwand, an der Angebote stets ihren Abnehmer finden. Momentan ist die Kleiderkammer in der Alten Volksschule in Hammelburg untergebracht, direkt neben dem Jugendzentrum. Das Sortiment ist gut, jede Woche kommt frische Ware nach. "Nur Handtücher und Bettzeug können wir nie genug haben", sagt Cilli Ziegler und ihre Mitstreiterinnen nicken.

Die engagierten Damen haben längst einen Blick für ihre Kunden. Wer es sich nicht leisten kann, bezahlt auch nichts. "Und wer Geld verdient, kann gerne auch einen Euro mehr geben", sagt Ingrid Denner. Denn die Heizkosten für den Raum müssen bezahlt werden. Und die sind in dem alten Gebäude nicht ohne, auch wenn nur einmal pro Woche geöffnet ist. Man könnte in jedem Fall noch viel mehr Leute bedienen, "jeder kann kommen", betont sie. Und man müsse deshalb auch keine Hemmungen haben. Nachhaltig einkaufen macht schließlich durchaus Sinn.

"Manche kommen auch wenn sie nichts brauchen, einfach nur zum Reden", erzählt Ziegler, denn manchmal könne man einem Fremden vielleicht leichter etwas anvertrauen als den Familienmitgliedern. Und manche hätten auch niemanden mehr vor Ort. So ist die Kleiderkammer auch ein bisschen Begegnungsstätte, "bei der man viele neue Leute kennenlernt", erklärt Cilli Ziegler, warum sie die Arbeit auch nach 30 Jahren noch gerne macht. Und so kommt es auch vor, dass sie schon mal eine Putzstelle vermittelt hat oder "wenn jemand nicht raus kann, hab' ich ihm auch schon mal was nach Hause gebracht".

Die Entstehungsgeschichte

Die Kleiderkammer sei damals die Idee von Hildegard Merz gewesen, die über ihre Caritasarbeit solche Einrichtungen bereits von anderen Orten kannte. "Wir waren alle Wohnviertelhelfer in der Pfarrei, haben damals schon sehr ökumenisch zusammengearbeitet und alle begeistert von der Idee", erinnert sich Ziegler. Kaum hatte man Räume in der Kissinger Straße gefunden, kamen viele Ostdeutsche nach der Maueröffnung. Nach einigen Jahren zog die Kleiderkammer in den 1. Stock der alten Volksschule. "Das war eine mühsame Schlepperei", erinnert sich Ziegler. Jetzt sei die Einrichtung ebenerdig und damit leichter erreichbar, auch wenn man ab und an mehr Stauraum brauchen könnte.

Besonders freut sie sich darüber, dass alles in einem Kreislauf landet. "Bei uns kommt nichts weg", betont sie immer wieder. Was nicht an den Mann bzw. die Frau gebracht wird, kommt der Afrikahilfe zugute. Reinhard Beichel bringt die Kleidersäcke in regelmäßigen Abständen nach Bethel zu den Bodelschwinghschen Stiftungen, wo die Altkleider pro Tonne bezahlt und weiter verwertet werden. Dafür sind die Damen dankbar, denn sie selbst könnten das nicht leisten. Früher habe es auch Transporte nach Polen gegeben, die die Kleiderkammer unterstützt hat. Und auch Theatergruppen wie Spectaculum oder die Kümmidamen konnten schon manches für ihren Fundus gebrauchen. Und besonders viel gab es zu tun, "als die Flüchtlinge kamen" und eine Erstversorgung brauchten. Es gebe immer wieder interessante Fälle und nette Begegnungen, so Ziegler.

Oft fungieren Kinder als Dolmetscher für ihre Eltern, wie die kleine Romina, die aus Rumänien kam und "so froh war, dass sie jetzt 'bei der lieben Frau Merkel' ist", erzählt Ziegler. Man habe auch schon nach einem Hausbrand geholfen, die Familie mit dem Nötigsten auszustatten, und Pfarrer Erhard habe schon zu seinen Besuchen im Gefängnis Sachen mitgenommen.

Cilli Ziegler ist dankbar, dass sie stets neue Spenden bekommen, "sonst könnten wir das nicht machen". Allerdings gebe es auch hier schwarze Schafe, "die glauben, wir seien die Müllabfuhr". So hätten sie nicht nur völlig verdreckte Kleider, sondern auch schon einen Sack Sägespäne und ein komplettes Frühstück von der Tischdecke bis zum Marmeladebrot im Sack geschickt bekommen. Aber das sind hoffentlich Verwechslungen und zum Glück Ausnahmefälle

Zur Info:

Öffnungszeiten: Die Kleiderkammer ist mittwochs von 9 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr in der Alten Volksschule in Hammelburg geöffnet; allerdings nicht in den Ferien. Also nächstes Mal am Mittwoch, 8. Januar 2020.

Unterstützung: Neue Helfer sind willkommen - gerne auch mal zum Schnuppern. Im 20-köpfigen Helferteam sind viele bereits älter, einige über 80. Und die einzelnen Schichten sind am Mittwoch frühs und nachmittags mit jeweils drei Personen besetzt.

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