Bad Bocklet

Heimspiel für "Rock´n Rhöner"

Das Publikum weiß, was es vom Kabarettstar Michl Müller erwarten kann und der Garitzer weiß, womit er seine Fans die Lachtränen in die Augen treiben kann.
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Michl Müller hinterließ feuchte Augen und schmerzende Bäuche. In Bad Bocklet sorgte der Komiker für Lacher. Klaus Werner
Michl Müller hinterließ feuchte Augen und schmerzende Bäuche. In Bad Bocklet sorgte der Komiker für Lacher. Klaus Werner
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"Michl Müller - Open Air" steht auf der Eintrittskarte, verbunden mit dem Hinweis "Einlass: 19 Uhr". Wer jedoch erst zu diesem Zeitpunkt an den Saalewiesen von Bad Bocklet eintraf, musste erstmal geduldig anstehen und hatte keine Chance mehr auf vorderste Plätze. Keine Frage: Michl Müller ist Kult und das gilt nicht nur für die Edel-Fans in vorderster Reihe, sondern für alle 2000 Gäste beim "Heimspiel" des Comedy-Stars aus Garitz.

Es hatte etwas von einem Popkonzert: großflächige Absperrungen, Feuerwehr, Security, Taschenkontrolle, Imbiss-, Getränke- und Fanartikel-Bude mit "Dreggsagg"-T-Shirts. Eine wetterfeste Bühne mit 30 farbenfreudigen Scheinwerfern, meterhohe Lautsprechertürme und einer Videoleinwand, damit vor allem die im hinteren Bereich sitzenden Besucher den Kabarettstar nicht nur akustisch genießen, sondern vor allem seine beredte Mimik und Gestik in Großaufnahme auf sich wirken lassen konnten.

"Bocklet ist anders"

Quer durch alle Altersgruppen saßen sie auf den Stühlen und belachten, beklatschten und bejubelten alles, was der "fränggische" Kabarettist und Comedian aus seinem aktuellen Programm "Müller - nicht Shakespeare!" im Kurpark von Bad Bocklet darbot. Nichts, aber auch gar nichts deutete während dieser drei Stunden auf ermüdende Routine bei Michl Müller hin; aufgedreht wie das "HB-Männchen" zeigte er eine erfrischende Bühnenpräsenz, die ihn ruhelos von einer Seite der Bühne auf die andere trieb. Auch die Gäste waren nach dem Intro mit schmetternden Fanfarenklängen und Müllers Feststellung "Bocklet ist anders, da kommst du auf die Bühne und alle sind gut drauf" sofort bei der Sache - und immer meldet sich einer, der zur Publikumserheiterung taugt: diesmal war´s Daniel aus Arnshausen.

Instinktsicher bewegt sich Müller auf den großen und kleinen Bühnen der Bundesrepublik mit seiner gekonnten und ihm eigenen Mischung aus der aktuellen Politik - mit ihren massentauglichen Fettnäpfchen - , den wohlbekannten Alltags-Szenen rund um Holger und Frank sowie seinen choreographisch unterlegten Liedern, deren ältere Versionen bei seinen Fans zu "Evergreens" geworden sind. Damit trifft er auf bekanntes Terrain, denn seine Gäste wollen nichts Tiefschürfendes oder Verkopftes mit erhobenen Zeigefinger; sie wollen schenkelklopfendes Lachen - ausgelöst durch das verbale Abwatschen von Merkel und Co., durch Anzüglichkeiten über die weibliche Intimrasur oder durch süffisante Anmerkungen zum Klingelton der Telekom-Service-Hotline, der ihn bei 70 Minuten Wartezeit an ein Totenglöckchen erinnert. Der Garitzer Kabarettist bedient die Voyeurismus nach satirisch-zynischen Verdrehungen zu den Schlagzeilen der Politik, wenn er die E-Scooter als "bescheuerte Idee" des zuständigen Ministers tituliert, den Abbau von 10 000 Stellen bei der Deutschen Bank mit einer unmoralischen Abfindungspraxis verbindet, wo nur wenige mit Millionen Euros profitieren - Applaus garantiert.

Rauchmelder als Erotikkiller

Mit der politischen Kettensäge überfordert er seine Gäste nicht, denn die wollen mindestens ebenso gerne seine Allerweltsgeschichten hören, die er mit bildhafter Sprache und szenischer Bühnenpräsenz darbietet. Sie wollen eine gewisse Schadenfreude spüren, wenn es um Junggesellen-Abschiede geht, bei denen man sich in einer fremden Stadt als Einhorn verkleidet die Kante gibt und ohne Erinnerung in der Notaufnahme aufwacht. Sie schmunzeln über die psychologisch noch nicht untersuchten Zwang zur "frischen Ünnerhose", über Rauchmelder als Erotikkiller im Schlafzimmer, über die vegetarische Lebensweise mit einer "BLI als Bratwurst-Leberkäse-Intoleranz", über die E-Zigarette als brennende Blockflöte oder über "grüne Smoothies aus püriertem Kopfsalat", wodurch die Lücke der pürierten Ernährung von Kleinkind zum Greis geschlossen wird.

Von der Liebe und dem Alltag

Dank des Programmtitels durften Shakespeares Figuren "Romeo und Julia" nicht nur literarische Höhepunkte beisteuern, sondern waren stimmungsvolle Vorlagen für das Verliebtsein in den ersten Tagen, das nach vielem "Ich liebe dich" - "Ich dich auch" schnell in einen Alltag übergeht, wo ein "3-Tages-Bart" stört, der vorher noch toll war, wo man als Partner schnell vor der Tür landet, weil man nicht mehr in den Feng-Shui-Energiefluss passt. Auch Holger, Frank und Frau Dr. Meringhoff kommen als "Running-Gag" und Protagonisten des Alltags nicht zu kurz, denn sie dürfen in Verona Shakepeares Spuren folgen, den Sarkophag als Balkon bewundern und Julias rechte Brust als "Versprechen ewiger Liebe" betatschen - natürlich mit unterfränkischen Kommentaren gespickt, die per Whatsapp und zahlreichen Smilies in die sozial-vernetzte Welt transportiert werden.

Ed Sheeran diente zwischendrin als Kommando für den Tontechniker, der daraufhin auf "Play" drückte, wobei der Stil des britischen Singer-Songwriters nur ansatzweise umgesetzt wurde. Michl Müllers eigener Stil - mit Anleihen bei Helene Fischer und anderen - begeisterte die 2000 Gäste so sehr, dass die Refrains zu dem guten Dutzend Liedern eifrig mitgesunden wurden, die größtenteils neu für das aktuelle Programm geschrieben wurden. "Maschin kaputt" oder "Piep, Piep, Piep" oder "Ich schau dich an" oder das melancholische Schlusslied "Des is mei Weg" ergänzte er in der mit stehenden Ovationen herbeigeklatschte Zugabe durch ein Medley, in dem nochmals seine Kassenschlager zu hören waren: "Ingwer-Reibe", "Vollwärmeschutz der Liebe", "Rock´n Rhöner" und "Fleischereifachverkäuferin".

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