Oberthulba
Schließung

Nach 112 Jahren: Bäckerei Straub schließt

Die Bäckerei Straub in Oberthulba schließt zum 30. September dieses Jahres. Damit geht eine 112-jährige Ära zu Ende.
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Gisela und Michael Straub vor dem Geschäft. Die Bäckerei Straub dürfte mit 112 Jahren eine der ältesten Betriebe in Oberthulba sein. Birgit Will
Gisela und Michael Straub vor dem Geschäft. Die Bäckerei Straub dürfte mit 112 Jahren eine der ältesten Betriebe in Oberthulba sein. Birgit Will
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Seit 2009 führt Christian Straub den Familienbetrieb in vierter Generation. Er übernahm ihn von seinem Vater Michael Straub, der ihn bei der täglichen Arbeit aber weiterhin tatkräftig unterstützte. Am Samstag, 29. September, schüren die beiden zum letzten Mal den Backofen an. Letzte Gelegenheit für die zahlreichen Stammkunden, die begehrten Backwaren zu kaufen.

Mittwochvormittag in dieser Woche: In der Grund- und Mittelschule Oberthulba läutet es um 9.15 Uhr zur ersten Pause. Jetzt muss es schnell gehen. Barbara Greubel hat heute den Pausenverkauf in der Schulaula übernommen. Gerade mal 15 Minuten hat sie Zeit, um alle Schüler zu versorgen. Seit 25 Jahren versorgt die Bäckerei Straub die Oberthulbaer Schülerinnen und Schüler mit belegten Brötchen, Butterhörnchen oder Pizzastangen. Mit der Schließung der Bäckerei endet auch diese schöne Tradition. Barbara Greubel ist in der Bäckerei groß geworden und bei ihrem Bruder teilzeitbeschäftigt. "Es tut richtig, richtig weh", sagt die gelernte Bäckereifachverkäuferin und Konditorin über die Schließung. Sie werde zukünftig etwas Soziales machen. In einer anderen Bäckerei zu arbeiten, das gehe überhaupt nicht.

Eine schwere Entscheidung

Beruflich neu orientieren muss sich auch Firmeninhaber Christian Straub. Der Bäckermeister leidet an Bäckerasthma. Das ist einer der Gründe für die Aufgabe des Betriebs. Die anerkannte Berufskrankheit kam bei ihm schleichend. "Anfangs dachten wir, dass sich das bei unserem Sohn wieder gibt", erinnert sich Michael Straub. Man wollte sich auf solche eine Krankheit, die mit Atemnot, Husten und tränenden Augen einhergeht, nicht einlassen. Im Gegenteil: 1996 wurde der Laden vergrößert, 1998 legte Christian Straub die Meisterprüfung ab und 2006 wurde das 100-jährige Firmenjubiläum groß gefeiert. "Zu diesem Zeitpunkt haben wir noch keinen Moment an Schließung gedacht", beteuert der 70-Jährige.

Auch als sich zwei große Bäckereiketten im Ort ansiedelten, war das noch kein Grund für die Straubs aufzuhören. "Sicherlich, sie haben uns das Wasser abgegraben. Aber wir haben es gut wegstecken können", sagt der Senior. Das sei aber nur mit guten Leuten möglich gewesen. Neben Christians Onkel Edgar, der vor allem für die Torten und das feine Backwerk verantwortlich zeichnet, und einem weiteren Bäckergesellen sind noch zwei Verkäuferinnen angestellt, und Seniorchefin Gisela steht tagtäglich hinter dem Verkaufstresen. "Meine Frau passt in das Geschäft wie die Faust aufs Auge", versichert Michael Straub. Es könne keine Bessere hinter der Theke stehen. Und das macht Gisela Straub seit ihrer Hochzeit vor 46 Jahren. Sie kennt die meisten Kunden beim Namen und spricht sie auch mit einem sympathischen Lächeln persönlich an. Für die ältere Kundschaft tue es der 67-Jährigen besonders leid: "In den großen Supermärkten bekommen sie doch keine Ansprache. So ist unsere Gesellschaft." Es werde ihr fehlen, so die kontaktfreudige Seniorchefin. Aber ihre gesundheitlichen Probleme waren ein weiterer Grund für die Schließung.

So kam es, dass die Kündigung eines langjährigen Gesellen den Stein ins Rollen brachte. "Die Entscheidung hätten wir so oder so irgendwann treffen müssen", ist sich Straub sicher. Anderes Personal sei nicht zu bekommen, bedauert er. Man habe seit Jahren keinen Lehrling mehr ausgebildet und nicht einmal interessierte Praktikanten habe es für das Bäckerhandwerk gegeben.

Aber nicht nur in der Ortsmitte wird das Geschäft fehlen. Die Bürger von Wittershausen und Hassenbach werden das Bäckerauto dreimal pro Woche schmerzlich vermissen. Auch im kommunalen und kirchlichen Bereich reißt die Schließung der Bäckerei ein großes Loch. Die Familie erzählt begeistert, wie sie jahrelang Kindergarten- und Schulkinder durch ihre Bäckerei geführt und gemeinsam mit ihnen gebacken hat. Die Kirchengemeinde bekam alljährlich ein Brot für den Erntedankaltar, sie backten das Minibrot und übernahmen gerne die Brotzeit für die Sternsinger.

Nachfolger gesucht

Nach der Schließung soll die Backstube zunächst einmal ruhen. "Es wird erst mal nichts angerührt", so Michael Straub ganz bestimmt. Vielleicht finde sich doch noch jemand, der keine Angst vor der Arbeit hat und die Bäckerei übernimmt - auch wenn der Trend zu Schließung und nicht zu Wiedereröffnung gehe. "Die Hoffnung stirbt eben zuletzt", sagt er.

Am 7. Oktober wird der Ofen in der großen Backstube auf alle Fälle noch einmal geschürt, um der Pfarrgemeinde Oberthulba ein letztes Mal das traditionelle Schaubrot für den Erntedankaltar spenden zu können. Den leckeren Christstollen wird es aber heuer wohl nur noch für die eigene Familie geben.

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