Hammelburg
Hobby

Karate als Lebensphilosophie

Andreas Haberzettl strahlt Kraft und Ruhe aus. Der Bad Kissinger, der mittlerweile seit Jahren in Hammelburg lebt, ist eine Kapazität im Kampfsport.
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Andreas Haberzettl führt eine Kampfübung vor. Foto: Jacqueline Edgü-Mihm
Andreas Haberzettl führt eine Kampfübung vor. Foto: Jacqueline Edgü-Mihm

"Kampfsport betreiben wollte ich eigentlich schon immer", sagt Andreas Haberzettl. Er hat mittlerweile den siebten Dan in seinem Karatestil. Nur wenige Europäer haben diese Stufe je erreicht. Doch wie begann die innere Berufung, aus der bereits seit Jahrzehnten sein vollständiger Lebensunterhalt geworden ist?

"Ursprünglich gab es in Bad Kissingen, wo ich herkomme, nur Judo", erklärt Haberzettl, "aber ich war auch öfter in Würzburg, wo es Mehrkampfkünste gab. Das hat mich sehr interessiert." Er kam dann über Aikido durch den amerikanischen Offizier Eric Bishop zum Karate, der diese Kampfkunst im Rahmen der deutsch-amerikanischen Freundschaft im Sportverein Bad Kissingen anbieten durfte.

"Es war ein spezieller Stil, ein Okinawa Karatestil namens Uechi-ry, ein ganzheitlicher und traditioneller alter Stil. Er trägt nicht den reinen Sportcharakter, sondern sieht den ganzen Menschen", erläutert Haberzettl. Gut in Erinnerung ist ihm noch Bishops Erklärung zu dieser besonderen Stilrichtung.

Dieser sagte, dass der Unterschied zwischen einer guten Kampfkunst und Sport der ist, dass es in der Kampfkunst um den Menschen und seine Weiterentwicklung geht und im Sport um die Leistung. "Als ich immer sehr viel Schulsport betrieben habe und bei Leichtathletikwettbewerben gewann, war das immer nur Wettbewerb und hat mich nicht erfüllt. Ich wollte keinen Wettbewerb mehr, aber ich wollte mich dennoch körperlich betätigen und den größeren Sinn dahinter sehen", sagt der Karatemeister.

Dies alles fand er im Karate. Karate ist für ihn, der bereits in Amerika, Spanien und Deutschland von Großmeistern des Karates geprüft wurde, viel mehr als nur Sport. Der gesundheitliche Aspekt gewann vor allem in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung.

In der Kampfkunst gibt es Yin und Yang, hart und weich. Es geht nicht nur um das Kämpfen, sondern auch um die Wiederherstellung von Harmonie. Er hat festgestellt, dass bei Menschen, die bereits Defizite haben, die weiche Seite viel wichtiger ist, weil die Menschen zu stark verkrampfen und zu angespannt sind.

Wichtig ist, dass der Mensch sich mehr spürt, mehr fühlt und seine Verspannungen löst. Die meisten Menschen haben aus seiner Sicht Probleme mit Blockaden, weil sie zu hart sind. Flexibel wie ein Grashalm sein zu können, der sich mit Leichtigkeit im Wind biegt und nicht wie ein starrer Ast, der bricht, ist erstrebenswert.

"Kampfkünste beruhen auf zwei Säulen, der Säule der Selbstverteidigung und der Gesundheit", erklärt Haberzettl. Er gibt heute das Gelernte immer noch weiter, hat darüber hinaus allerdings noch etwas ganz Eigenes entwickelt: Kam Chi.

Dieses eigene Konzept, über das er sogar ein Buch geschrieben hat, legt den Fokus auf Gesundheit und beinhaltet unter anderem auch Elemente aus dem Aikido und Tai Chi. Bei der Recherche zu seinem Buch hatte Haberzettl festgestellt, dass Menschen oft nur ein Drittel ihrer Kraft benutzen. In der guten Kampfkunst lernt man drei Drittel der Kraft zu nutzen.

Ursprünglich war Kam Chi speziell für Kliniken ausgelegt, um Menschen, die schon Defizite haben, zu stärken, damit diese wieder ihren Alltag bestreiten können. Seit vielen Jahren wird es erfolgreich in zwei Kliniken angeboten und dort gut angenommen. Kam Chi dient der Wiederherstellung der Balance zwischen Kopf, Körper und Geist. "Ist der Mensch in der Balance, ist das der Nährboden für Gesundheit", sagt Haberzettl.

Weiterentwicklung ist für ihn bei seiner Arbeit ein wichtiger Faktor. "Wenn man immer das Gleiche tut und das immer nach Schema F, dann bleiben die Ergebnisse in der Mittelmäßigkeit stecken, die keinen zufriedenstellt. Das Wichtigste in Kursen ist, dass die Teilnehmer Spaß haben. Wenn sie Spaß haben, dann können sie gut lernen und wenn sie lernen, haben sie Erfolg", führt er aus: "Die Grundessenz ist Spaß - auch für den, der die Kurse hält".

Haberzettl leitet die KEN-YU-KAI-Karateschule in Bad Kissingen und Würzburg, war in verschiedenen Ländern in Prüfungskomitees und hat bereits mehr als 100 Prüfungen zum Schwarzen Gürtel in den USA und europaweit abgenommen. Er bietet auch Selbstverteidigungskurse für Frauen an, zum Beispiel in Oehrlenbach und künftig auch in Hammelburg.

Wissen vermittelt Sicherheit, und wenn der Mensch eine selbstbewusstere Ausstrahlung hat, zeigt er sich nicht als Opfer und kommt dann eventuell nicht in eine ungünstige Situation, so seine Devise. Die innere Mitte stärken, den inneren Schweinhund besiegen, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und eine bessere Selbstbeherrschung haben, sind Aspekte, um den Alltag gut zu bestehen. Eine gute Kampfkunst kann hier wertvolle Dienste leisten. Flexibel in Körper und Geist - Haberzettl macht es vor, lebt es täglich. Kraftvoll, klar und geschmeidig.

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