Hammelburg
Erzählreihe

"Ich wollte die Welt retten"

Von seiner Tätigkeit als Länderreferent beim Hilfswerk Misereor berichtete Alfred Ruppert in der Reihe "Erlebt & Erzählt" in der Stadtbibliothek.
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Alfred Ruppert (75, rechts) im Gespräch mit Altbürgermeister und Moderator Ernst Stross in der Stadtbibliothek.  Foto: Sigismund von Dobschütz
Alfred Ruppert (75, rechts) im Gespräch mit Altbürgermeister und Moderator Ernst Stross in der Stadtbibliothek. Foto: Sigismund von Dobschütz

Nach mehrmonatiger Winterpause setzten am Mittwoch die Hammelburger Stadtbibliothek und deren Förderkreis ihre 2016 eingeführte Reihe "Erlebt & Erzählt" fort. Eingeladen war diesmal Alfred Ruppert (75), der im Gespräch mit Moderator Ernst Stross aus seiner 30-jährigen Tätigkeit als Länderreferent beim Hilfswerk Misereor (Aachen) und über seine Einsätze in Brasilien, Bolivien, Venezuela und Ecuador in den Jahren von 1976 bis 2005 berichtete.

Schon während seines Studiums der Volkswirtschaftslehre und Soziologie an der Universität Würzburg und seiner anschließenden Tätigkeit als Assistent am dortigen Institut für Sozialpolitik (1973 - 1975) hatte sich Alfred Ruppert für die Arbeit des Bischöflichen Hilfswerks Misereor interessiert, erste Kontakte aufgenommen, sich aus Fachliteratur über Entwicklungsländer sowie die dortige Entwicklungsarbeit informiert und in der festen Absicht, für Misereor zu arbeiten, auch gleich Spanisch gelernt. "Ich wollte die Welt retten", antwortete der seit seinem Ruhestand wieder in Hammelburg lebende Rentner spontan auf die Frage von Moderator Ernst Stross.

Projekte vor Ort überprüft

Tatsächlich wurde Ruppert 1976 von Misereor in Aachen eingestellt, allerdings gab es für die Projekte in spanischsprachigen Entwicklungsländern keinen Personalbedarf. Stattdessen wurde der damals 32-jährige Volkswirt und Soziologe Länderreferent für Brasilien und musste Portugiesisch lernen.

Nun hatte er in seinem Aachener Büro die von brasilianischen Partnern eingereichten Projektanträge zu prüfen, zu bewerten und von der Bischofskommission genehmigen zu lassen. Zusätzlich musste er zweimal pro Jahr für jeweils einen Monat durch Brasilien reisen, um vor Ort die Sinnhaftigkeit beantragter Projekte zu prüfen oder deren Umsetzung zu begleiten. In Brasilien, wofür Ruppert in seinen ersten 18 Jahren bei Misereor zuständig war, kamen während eines solchen vierwöchigen Aufenthalts schon mal 5000 Kilometer Wegstrecke mit Bus, Auto, Schiff, Kanu oder notfalls auch zu Fuß durch Sumpf und Regenwald zusammen. Ruppert: "Das ging schon an die Knochen." Prompt erkrankte er trotz Impfungen gleich bei seiner ersten Reise an Hepatitis.

Hilfe zur Selbsthilfe

Auch der "Spagat zwischen Nähe und Distanz" setzte Ruppert zu: Einerseits war seine Arbeit von der persönlichen Nähe zu den Ärmsten der Armen in Brasilien geprägt, zu Ureinwohnern im amazonischen Regenwald, zu einfachen Bauern im Landesinneren oder den Bewohnern riesiger Slums am Rand der Großstädte. Andererseits durfte er sich durch dieses Elend nicht beeinflussen lassen, sondern alle Anträge kritisch und nüchtern hinterfragen. Gefördert wurden meistens als "Hilfe zur Selbsthilfe" soziale, bildungspolitische oder landwirtschaftliche Projekte.

Wichtig sei immer gewesen, dass die Einwohner selbst "für ihr Projekt schwitzen", um dies später als eigenes Werk fortzuführen. Meistens kamen Baumaterial und Arbeitskräfte aus dem jeweiligen Dorf. Finanzielle Unterstützung von zuständigen Regierungsstellen mussten die Dorfbewohner selbst einfordern, bevor Misereor mit noch fehlendem Geld, Material oder Fachleuten aushalf.

Vielfältige Konflikte

Ein großes Problem in Brasilien ist nach Aussage Rupperts die Sicherung der Eigentumsrechte bäuerlicher Ureinwohner. "Sie bewirtschaften seit Generationen ihr Land, haben aber keine Besitzurkunde." So ist es leicht für Regierung, Großindustrie oder Großgrundbesitzer, für geplante Großprojekte diese scheinbar Rechtlosen von ihrem angestammten Land zu vertreiben. Hier hilft Misereor oft über Jahre durch Bezahlung fachkundiger Juristen. Nicht immer werden solche Konflikte auf juristischem Weg gelöst. "Die Großgrundbesitzer setzen auch Pistoleros ein", erinnerte sich Ruppert an viele ermordete Väter und Söhne, deren Mütter oder Witwen er trösten musste. Damit diese Frauen ihre Familie weiterhin ernähren können, denn staatliche Unterstützung gibt es nicht, hilft Misereor diesen Frauen mit Nähmaschinen und Nähkursen. Nicht in jedem Fall konnte Ruppert helfen. Nicht nur Kleinbauern werden in Brasilien ermordet. Auch Priester, die sich allzu engagiert um die Armen kümmern, werden umgebracht oder Opfer von Verkehrsunfällen.

Im Sinne der in Lateinamerika gängigen Befreiungstheologie verstehen sich diese Priester als "Stimme der Armen" und sorgen sich um deren Befreiung von Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung. Damit stellen sie sich bewusst gegen die katholische Amtskirche und den Vatikan, die bevorzugt auf Seiten der Regierungen und des Kapitals stehen, wie Ruppert mehrmals kritisch anmerkte. Er selbst, obwohl im katholischen Glauben aufgewachsen und als Student Mitglied der Katholischen Hochschulgemeinschaft, zog angesichts dieses Missverhältnisses und eigener Erlebnisse die Konsequenz und trat später aus der Amtskirche aus.

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