Hammelburg
Porträt

Hans-Josef Fell: Unermüdlich für das Klima

Seit Jahrzehnten setzt sich Hans-Josef Fell aus Hammelburg für das Klima ein - zunächst als Lehrer, dann als Politiker, inzwischen als Berater.
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National Geographic widmete die Schwerpunktausgabe vom November 2015 dem Klimaschutz. Darin wird auch über Hans-Josef Fell und die Hammelburger Anfänge der Ökostrom-Förderung berichtet. Foto: Archiv/Arkadius Guzy
National Geographic widmete die Schwerpunktausgabe vom November 2015 dem Klimaschutz. Darin wird auch über Hans-Josef Fell und die Hammelburger Anfänge der Ökostrom-Förderung berichtet. Foto: Archiv/Arkadius Guzy

Hans-Josef Fell ist dieser Tage ein viel beschäftigter Mann: Gerade ist er aus Polen zurückgekommen, von der Weltklimakonferenz. Ein kurzer Zwischenstopp in Hammelburg, dann geht es weiter in die Ukraine zu Gesprächen mit Parlamentariern - er ist in letzter Zeit oft dort. Danach ist Weihnachten, eine kurze Verschnaufpause. Es ist schwierig, einen Termin mit dem Mann zu bekommen, der als Vater der Ökostrom-Förderung in Deutschland gilt.

Nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik vor fünf Jahren ist Fells Kalender keinesfalls leerer geworden. Unermüdlich jettet er um die Welt - immer die eine Sache vor Augen, die sich wie ein roter Faden durch sein Leben zieht: Fell will das Weltklima retten. Und die Sache ist ihm ernst, sehr ernst.

Die Frage nach dem Ob hat sich Fell, 66, nie gestellt. Schon als junger Mann trieb es ihm die Zornesröte ins Gesicht, wenn die regionalen Winzer die nahe gelegenen Weinberge mit Pflanzenschutzmitteln aus der Luft besprühten. "Dann waren die Gifte auf einmal in meinem Garten. Und da wollte ich sie gerade nicht haben", sagt Fell. Die Pestizide passten beim ökologischen Gemüseanbau nicht so recht ins Bild.

Dinge, die nicht ökologisch sind, hätten ihn ohnehin immer umgetrieben, erklärt Fell. Die Klimazerstörung, der Atommüll. Was macht Fell also? Liest sich Hintergrundwissen an, um in Diskussionen gewappnet zu sein. Engagiert sich kommunalpolitisch, zunächst als Stadt-, dann als Kreisrat. Fell: "Da habe ich gemerkt, dass ich politisch etwas bewegen kann."

Später hat er auch für den Landtag kandidiert. "Das hat aber nicht geklappt - zum Glück", sagt Fell. Glück hatte Fell stattdessen dann 1998, da klappte es mit der Kandidatur für den Deutschen Bundestag.

Die Grünen, seine Partei, hatten ihn mit einem guten Listenplatz ausgestattet. "Da kam mir mein großes Fachwissen beim Thema Energie zugute", erzählt der inzwischen pensionierte Physik- und Sportlehrer.

Zwei Jahre nach seinem Einzug ins Parlament schlug Fells größte Stunde: Zusammen mit seinem damaligen Abgeordnetenkollegen Hermann Scheer von der SPD hatte er einen Gesetzesentwurf geschrieben, der dem bis dato unrentablen Ökostrom zu mehr Wettbewerbsfähigkeit verhelfen sollte - das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

Mit den Stimmen der Regierungsfraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und SPD verabschiedete der Deutsche Bundestag im Jahr 2000 das EEG, "das erfolgreichste Klimaschutzgesetz der Welt", wie Fell noch heute sagt. Die Novelle habe die Nullemissionstechnologien zur Marktreife gebracht und der Welt damit überhaupt eine Chance für den Klimaschutz gegeben.

Die mitunter heftige Kritik am Gesetz habe er nie verstanden, sagt Fell rückblickend. "Wie kann man hohe Kosten kritisieren, wenn es darum geht, die Menschheit zu retten?" Das klingt idealistisch und ein Idealist ist er in der Tat.

In seinem privaten Umfeld hat Fell die CO2-Emissionen auf Null gesenkt, dafür setzt er auf 100 Prozent erneuerbare Energien. In der Garage stehen - wie soll es anders sein - zwei kleine Elektroautos. "Selbst im Winter haben die 200 Kilometer Reichweite", sagt er, ein bisschen stolz in der Stimme schwingt hörbar mit.

Ein Laster hat der Klimaschützer Fell dann aber doch: Die häufige Fliegerei störe ihn sehr, gesteht er, liefert aber gleich ein entlastendes Argument mit: "Ich fliege nicht touristisch, sondern immer, um Politik für Klimaschutz zu machen. Dadurch, dass ich irgendwo hin fliege, wird in der Summe mehr Energie eingespart, als wenn ich nicht geflogen wäre."

Dass er überhaupt um die Welt fliegt, liegt an Fells Tätigkeit für die Energy-Watch-Group, einen von ihm mitgegründeten Thinktank mit Sitz in Berlin. Nachdem er 2013 den erneuten Einzug in den Bundestag verpasst hatte, konzentrierte er sich fortan voll und ganz auf sein Ehrenamt.

Seither berät er Regierungen und Parlamentarier weltweit zu den Themen Klimaschutz und Energiewende. Momentan ist er oft in der Ukraine, dort spiele Energie eine zentrale Rolle, sagt Fell: "In der Ukraine sind erneuerbare Energien die Lösung, um politisch unabhängig zu werden."

Sein Rat war darüber hinaus auch schon in Nigeria, Kasachstan und Taiwan gefragt, weltweit hält er Vorträge - Fell ist überall. Je schlechter es um das Weltklima bestellt ist, umso mehr dreht er auf, so scheint es.

Das ist auch dem chinesischen Milliardär Lui Che Woo nicht verborgen geblieben. Anfang Oktober 2018 hat Fell den nach Woo benannten Preis in Hongkong bekommen - dotiert mit einem satten Preisgeld von 2,2 Millionen Euro. "Total überrascht" habe ihn der "ominöse Anruf" aus Hongkong - da saß er übrigens gerade mit der taiwanesischen Präsidentin zusammen. Er konnte es erst gar nicht glauben, als er daraufhin auch eine E-Mail bekam.

Natürlich freue er sich über den Preis, der in gewisser Weise auch als eine Ehrung für sein Lebenswerk zu verstehen ist. Die 2,2 Millionen Euro hat er in die Energy-Watch-Group gesteckt. Endlich könne er sich jetzt auch fest angestellte Wissenschaftler leisten, sagt Fell. Bislang musste sich der Thinktank wissenschaftliche Expertise immer extern einholen. So gibt es etwa eine Zusammenarbeit mit der finnischen Universität Lappeenranta, die für die Watch-Group eine Simulation der Erneuerbaren erstellt hat, fünf Jahre lang rechnete ein Supercomputer.

Das Ergebnis: ein weltweiter Umstieg auf erneuerbare Energien ist technisch und ökonomisch möglich, langfristig sogar günstiger als die konventionelle Energieerzeugung. Auf das Ergebnis ist Fell ganz besonders stolz, die Bestätigung seiner jahrzehntelangen Arbeit sozusagen. Was jetzt noch fehlt, sei der politische Wille.

Und die Zeit drängt: "Wir befinden uns in einem Krieg gegen die Natur. Diesen Kampf können wir nicht gewinnen." Denn am Ende, sagt Fell, gewinne immer die Natur. Marcel Gränz

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