Untererthal
Tradition

Dieser Kult ist unüberhörbar - Silvesterblasen in Untererthal

Es ist ein fester Termin für die Musikanten aus Untererthal: das Silvesterblasen. Bei jedem Wetter ziehen sie mit ihren Instrumenten durch das Dorf und spielen zum Jahreswechsel in den Straßen. Ein Brauch, der verbindet.
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Egal ob Regen oder Schnee, zum Jahreswechsel wird aufgespielt - und zwar im ganzen Dorf. Die Untererthaler Musikanten ziehen beim Silvesterblasen mit ihren Instrumenten durch die Straßen. Foto: Gerd Schaar
Egal ob Regen oder Schnee, zum Jahreswechsel wird aufgespielt - und zwar im ganzen Dorf. Die Untererthaler Musikanten ziehen beim Silvesterblasen mit ihren Instrumenten durch die Straßen. Foto: Gerd Schaar
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Es ist gelebte Tradition für die Untererthaler Musikanten, das alte Jahr mit dem Silvesterblasen ausklingen zu lassen. Und das bei jedem Wetter - von nasskaltem Regen bis zu klirrendem Frost oder Sonnenschein.
Die Haustüren der Anwohner öffnen sich gern und Stärkungen mit Speisen und Getränken belohnen das Spiel der Blasmusik. Das ist gelebte Dorfgemeinschaft. Das alte Jahr wird gewissermaßen verblasen. Nein, mit den Jägern, die die Strecke ihres erlegten Wildes mit dem Jagdhorn verblasen, wolle man das Silvesterblasen nicht vergleichen, so die Musikanten, die von Helmut Schäfer dirigiert werden.


Musik als Kommunikation

"Ich mache gerne mit, weil mir der persönliche Kontakt zwischen Musik und Dorfbewohnern wichtig ist", sagt Saxophonistin Yvonne Hillenbrand und wärmt sich an einer Tasse mit alkoholfreiem Glühwein. Ihr Saxophon ist voller Regentropfen. Nein, der Regen richte das Musikinstrument nicht zugrunde, bestätigt sie. Die Finger allerdings, die die Klappen des Saxophons bewegen, leiden bei den Temperaturen um die Nullgradgrenze. Da ist ein wärmendes Getränk nach dem Spielen sehr willkommen. Wichtig sei auch das Gespräch mit den Anwohnern, vor deren Haus man spielt.


Aktion mit Geschichte

Besser bei dem nasskalten Wetter haben es da die Bläser der Tuben und Tenorhörner, weil sie beim Spielen die Handschuhe anbehalten können. "Zum Glück ist es heuer nicht so extrem kalt", erinnert sich Flügelhornspieler Heribert Gerlach an einen solchen Termin vor etlichen Jahren, als die Ventile der Blechblasinstrumente eingefroren waren und man sie in den Häusern wieder auftauen musste. Auf die Frage, warum sich die Untererthaler Musikanten das Spielen draußen auf den Dorfstraßen bei jedem Wetter am Silvestertag zumuten, ist mit dem Wort "Tradition" leicht beantwortet. Schon vor dem Krieg habe es das Silvesterblasen in Untererthal gegeben. "Das Silvesterblasen ist das Erkennungszeichen unseres Dorfes. Unter den Dörfern der gesamten Region sind wir die einzigen", sagt Gerlach.

Das Anwesen von Karl und Karoline Heilmann ist die erste Station für die Silvesterbläser, die üblicherweise am Feuerwehrhaus starten. "Vor der kommunalen Neugliederung hatte Untererthal einen eigenem Bürgermeister", sagt Karl Heilmann. Vor dem Bürgermeisterhaus begann früher das Silvesterblasen. Und danach marschierte die Kapelle zu sämtlichen Gemeinderäten, zum Lehrer und zum Pfarrer. Weil nicht alle vorgenannten Adressaten nebeneinander wohnten, ging es kreuz und quer durch das Dorf. "Das hat viel Zeit gekostet", sagt Heilmann.


Tradition verbindet Generationen

Nach der Neugliederung 1972 saß er selbst für eine Amtsperiode lang im Hammelburger Stadtrat und erinnert sich daran, dass dann die Dorfstraßen der Reihe nach besucht wurden. Die Anwohner würdigen dankend die musikalische Ehrenarbeit der Dorfkapelle, die das gesamte Jahr über im Einsatz ist. Bei den Heilmanns gab es acht Liter Glühwein und vier Liter alkoholfreien Kinderpunsch für rund zwei Dutzend Musikanten und deren Begleitung.

Man kenne sich schon ein Leben lang in Untererthal und wünsche sich gegenseitig alles Gute für das kommende Jahr, so die Musikanten. Im Schlepptau der Silvester-Musiker sind sogar Ehemalige, die nicht mehr regelmäßig in der Blaskapelle mitspielen und Kinder, die in die Untererthaler Tradition hinein wachsen. Gegen 19 Uhr ist die musikalische Reise durch das Dorf zu Ende. Längst ist es dunkel geworden, und so freuen sich die Musikanten auf den Ausklang im Gasthaus "Goldenes Kreuz". Alle Dorfstraßen haben sie "abgeklappert". Jeder Anwohner wurde auf diese Weise unüberhörbar auf den Jahreswechsel vorbereitet.

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