Hammelburg
Natur

Winzlingen auf der Spur: Was Schnecken über einen Wald verraten

Wie entwickelt sich ein Wald, wenn sich der Mensch raushält? Ein Schnecken-Forscher sucht im Moos nach Antworten.
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Ähnlich wie seine Fundstücke kriecht Manfred Colling schon mal über den Waldboden. "Es wurde auch schon vermutet, ich sei sturzbetrunken", sagt Manfred Colling. Er und der Biologe Tobias Gerlach suchen nach "lebenden Messinstrumenten": Schnecken. Foto: Carmen Schmitt
Ähnlich wie seine Fundstücke kriecht Manfred Colling schon mal über den Waldboden. "Es wurde auch schon vermutet, ich sei sturzbetrunken", sagt Manfred Colling. Er und der Biologe Tobias Gerlach suchen nach "lebenden Messinstrumenten": Schnecken. Foto: Carmen Schmitt
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Manfred Colling wühlt in einem Büschel Moos. Er kniet über dem Waldboden, packt einen abgestorbenen Ast, steht auf, zupft an der Rinde, dreht das Holz und zupft weiter. Dann taucht er wieder ab, auf den Grund des Waldes. Manch ein Wanderer wollte schon einen Arzt rufen, als er ihm begegnete - auf dem Boden liegend, mitten im Wald. "Es wurde auch schon vermutet, ich sei sturzbetrunken", sagt Manfred Colling und lacht. Worauf es der 60-Jährige abgesehen hat, hat mit einem Rausch nichts zu tun. Der Münchner fährt Hunderte Kilometer durch Deutschland, um im Dreck nach Tieren zu suchen, die nicht einmal so groß sind, wie einer seiner Fingernägel. Sie sollen zeigen, wie es einem Wald ergeht, wenn sich der Mensch raushält: Schnecken.
An diesem Morgen hat er es auf den Dreck auf einem Berg in der Rhön abgesehen. Er ist nicht zum ersten Mal hier. Sein wichtigstes Werkzeug: die Pinzette.

Der Ofenthaler Berg liegt nördlich von Hammelburg. 360 Meter hoch. An den Wochenenden manövrieren Gleitschirmflieger mit Blick ins Saaletal über dem Plateau. Kiefern, ein paar Haselsträucher und Eichen haben sich in den Boden aus Muschelkalk verankert. Ein harter Stoff, ohne den die weichen Tiere nicht leben könnten, denen Manfred Colling sein Forscher-Leben verschrieben hat.

Der Münchner schaut aus wie eine Mischung aus Wanderer und Gärtner. Funktionshose, kariertes Kurzarmhemd, Weste, gummierte Handschuhe. Seine Forscher-Ausrüstung baumelt fast unbemerkt um seinen Hals. Der Anhänger am Schlüsselbund zurrt normalerweise einen Ski-Pass zurück. Bei dem Biologen hält der Klipp eine Feder-stahlpinzette. Zu viele hat er schon im Wald verloren.


Natur ganz ohne Mensch

Das Biotop auf dem Berg ist ein bisschen größer als das Areal des weltgrößten Spaß-Biergartens, über den vor Kurzem Oktoberfestbesucher geschunkelt und geschwankt sind. Die Natur darf hier auf 50 Hektar einfach mal machen. Der Ofenthaler Berg ist eine von 58 Kernzonen im Biosphärenreservat Rhön. In diesen Zonen gibt es keine Waldarbeiter und keine Jäger. Wanderer kommen ab und zu vorbei und eine Handvoll Leute wie Dr. Tobias Gerlach, der wissen will, was es mit dem Wald macht, wenn sich der Mensch von ihm fernhält.

Der Biologe betreut die Forschungsprojekte und das ökologische Monitoring im bayerischen Teil des Biosphärenreservat Rhön. Die Untersuchungen laufen seit letztem Jahr. 17 der 58 Kernzonen auf bayerischer Seite werden systematisch beobachtet. Vögel, Pilze, Totholzkäfer - und die Schnecken. "Die haben eine wichtige Zersetzerrolle", sagt Tobias Gerlach. Anhand der Artenvielfalt lasse sich ablesen, in welche Richtung sich der Wald entwickelt. Zuerst müssen er und Manfred Colling die richtige Richtung finden - zum Punkt "K51-9-b-2".

Als die beiden im Frühjahr zuletzt auf dem Berg waren, hat es noch ganz anders ausgesehen, sagen sie. An diesem Freitagmorgen stapfen die beiden Biologen nun durch hüfthohe Gräser. Wege gibt es in einer Kernzone nicht. Abgestorbene Holzbrocken, Büsche, hohle Baumstämme: Hier räumt keiner auf.

GPS-Koordinaten helfen, zum Forschungszentrum auf der Hochebene zwischen Hügeln und Hecken zu finden. Auf einer Fläche, so groß wie vier Tennisfelder, will Schnecken-Fachmann Manfred Colling Weichtiere finden - die meisten von ihnen sind kleiner als ein halber Zentimeter.


Fundstücke der Roten Liste

Der Forscher aus München ist 1,94 Meter groß, hat dichtes, weißes Haar und trägt eine Brille. Freilich, er könne die 1000 Quadratmeter nicht abrobben, sagt er. Deshalb hat man pro Untersuchungsgebiet eine halbe Stunde festgelegt. Was er in dieser Zeit findet, wird gelistet. Bisher konnte er 60 Arten im Reservat aufspüren. "Ein stattliches Artenspektrum", sagt er. Ein Drittel seiner Fundstücke sind auf der Roten Liste Bayern als "stark gefährdet" oder "gefährdet" eingestuft.

"Lebende Messinstrumente" nennt der Biologe die Winzlinge. Wo die Böden sauer sind, fühlen sich viele Schnecken nicht wohl. "Laubwälder sind generell interessanter für Schnecken", sagt Manfred Colling. Was sie brauchen, ist der Kalk im Boden. Von seinen Funden kann er Rückschlüsse darauf ziehen, wie sich das Artenspektrum verändert, wenn auf dem Ofenthaler Berg andere Bäume wachsen. Das dauert: Man kann nicht damit rechnen, dass vom einen Jahr aufs nächste 20 neue Arten auftauchen, sagt Manfred Colling. "Diese Entwicklung dauert womöglich ein Jahrzehnt. Meine Untersuchungsobjekte sind nicht gerade die Schnellsten."

Manfred Colling packt ein Stück Ast vom Boden. So lang und dick wie sein Arm, überzogen von Flechten. Er dreht ihn und schaut auf die Unterseite. Schaut und dreht. Nichts. Zurück an seinen Platz. Ein paar Schritte weiter am Stamm einer Kiefer geht er in die Knie. Er klappt die schuppige Baumrinde hoch. Klappt und schaut. Nichts. Nur Ameisen. Wo Ameisen sind, stößt man selten auf Schnecken, sagt er. Ihre Eier sind ein Leckerbissen für die Insekten. Manfred Colling scharrt im Moos. Er gräbt und pflügt und buddelt. Nichts. "Man braucht viel Geduld", meint er. "Und man muss mit sich selber gut klar kommen, weil man viel allein ist."


400 Arten im Büro

Freunde und Bekannte haben sich längst daran gewöhnt, sagt er. Seine Frau hat ihn noch ohne Schnecken kennengelernt. Kein Problem, aber: Manfred Colling sammelt, seit er mit den Schnecken-Studien sein Geld verdient - der erste Auftrag kam vor 30 Jahren. Für gewöhnlich wird er als Gutachter beauftragt, wenn es um Bauprojekte oder Naturschutzpläne geht. Um die richtige Art zu bestimmen, braucht er eine große Vergleichssammlung, sagt er. Die hat er sich zu Hause in seinem 30-Quadratmeter-Büro angelegt. 400 Arten. "Langsam haben wir genug", sagt seine Frau.

Große Schnecken nimmt er nie mit. Solche kann er leicht draußen vor Ort bestimmen: "Arianta arbustorum", auch Baumschnecke genannt, "Cepaea hortensis" heißt bei uns die "Garten-Schnirkelschnecke" und die "Helix pomatia", die Weinbergschnecke. Kleinere Tiere im Millimeterbereich unterscheiden sich oft in Details, erklärt er. Die schiebt er daheim unter sein Mikroskop und seziert die Innereien. Für gefährdete Arten hat er eine Ausnahmegenehmigung. Klar, "hochgradig gefährdete" Arten wie die Perlmuschel lässt man natürlich da, sagt Manfred Colling. "Aber um eine Schnecke exakt zu bestimmen, gibt es keine Alternative. Ohne dass ich weiß, was vorkommt, kann ich keine Schutzmaßnahmen treffen." Tobias Gerlach bestätigt den Forscher: "Zu wissen, welche Art hier vorkommt, ist uns wichtiger als der Verlust eines einzelnen Tieres."


Meister der Mollusken

Manfred Colling war mitten im Biologie-Studium, als er mit einer Entdeckung den Grundstein für das Forschungsfeld legte, dem er sich verschrieben hat. Um sich ein wenig Geld zu verdienen, gärtnerte er als Student bei einer älteren Dame in der Anlage einer Münchner Stadtvilla. Die Hälfte seines Studiums war geschafft. Er grübelte über ein Thema für seine Diplomarbeit, als ihm bei der Arbeit die vielen Schnecken im Garten der Dame auffielen. Schließlich untersuchte er die Vielfalt der Landschnecken im Münchner Raum. Damals wusste er noch nicht, dass ihn die Schnecken ein Leben lang begleiten würden. Manfred Colling wurde Meister für Mollusken, Land- und Süßwasserschnecken und Muscheln.

Zipp. Die Pinzette schnalzt zurück. Treffer. Die "Glatte Schließmundschnecke" hatte sich irgendwann am Fuß eines Grasbüschels verkrochen. Inzwischen ist nur noch ihr Gehäuse übrig. Zwei Zentimeter groß, die Form einer angebissene Laugenstange. Manfred Colling ist Optimist: "Ich weiß: Wo ich sie finde, leben sie auch. Schnecken sind sehr ortsfest", sagt er und lacht. "Man muss nur zäh und hartnäckig weitersuchen."
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