Hammelburg

Wie Flechtkunst Menschen verbindet

Eleni Asrat aus Äthiopien wartet darauf, dass ihr Asylantrag bearbeitet wird. Mit der Arbeit in einem Hammelburger Friseur-Studio findet die 32-Jährige neue Kraft. Die Chemie zwischen den Friseurinnen stimmt. Sie lassen Kulturen miteinander verschmelzen und lernen neue Techniken voneinander.
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Eleni Asrat zeigt ihrer Chefin Mandy Quentzler die Flechttechnik aus ihrer Heimat Äthiopien. Die 32-Jährige wartet darauf, das ihr Asylantrag bearbeitet wird. Die Arbeit im Friseursalon gibt ihr Kraft. Foto: Angelika Silberbach
Eleni Asrat zeigt ihrer Chefin Mandy Quentzler die Flechttechnik aus ihrer Heimat Äthiopien. Die 32-Jährige wartet darauf, das ihr Asylantrag bearbeitet wird. Die Arbeit im Friseursalon gibt ihr Kraft. Foto: Angelika Silberbach
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Blitzschnell fliegen Elenis Finger zwischen den blonden Haarsträhnen ihrer Chefin hin und her. Es grenzt an Zauberei, wie schnell und akkurat sie drei Zöpfe geflochten hat. Man kann die Flechttechnik trotz intensivstem Beobachten nicht erkennen. "Das ist doch keine Kunst", lacht die Äthiopierin mit den freundlichen Augen bescheiden. Vor ihrer Flucht nach Deutschland war Eleni Asrat Friseurin und Schneiderin in ihrer Heimatstadt Ambo.

Seit Juli hat die 32-Jährige einen Ausbildungsvertrag im "Salone Secret" in Hammelburg. Sie ist überglücklich. Am liebsten wünscht sie allen Mitbewohnern im Flüchtlingsheim im ehemaligen Schwesternwohnheim so eine Chance: "Sie wollen alle arbeiten. Herz geht kaputt, Kopf geht kaputt, Kraft geht kaputt, wenn keine Arbeit da ist", erklärt sie. Viele nehmen Tabletten, um die innere Leere und die langen Tage zu überstehen. Auch Eleni nahm eine Zeitlang Schlaftabletten, um die quälenden Sorgen zu vergessen. Die Deutschkurse führten sie zurück ins Leben.

Vor knapp zweieinhalb Jahren flieht Eleni mit ihrer inzwischen fünfjährigen Tochter Tina aus Ambo. Das Geld reicht nur für zwei Flugtickets von Addis Abeba nach Frankfurt. Ihr Mann ist Lehrer und politisch aktiv in der "Oromo Libration Front". Er und die ältere Tochter Kathy fliehen über Land. "Wir haben alles zurückgelassen, Familie, Freunde, Haus, Geld. So geht es allen. Keiner macht das einfach so." Die Familie hat Angst. Viele politisch Aktive, die gegen Korruption und den Landraub der Bauern kämpfen, landen im Gefängnis. Von vielen hörten sie nichts mehr.


Kontakt zu Familie zu gefährlich

Zweieinhalb Jahre haben Eleni und ihr Mann keinen Kontakt. "Zu gefährlich", erklärt sie. Man könnte sie abhören, den Standort des Mannes und der Tochter ausfindig machen, er wird verfolgt. Mitte Juli dann der erlösende Anruf: Das Rote Kreuz, bei dem Eleni einen Suchantrag gestellt hat, meldet sich. Ihr Mann und die inzwischen zehnjährige Kathy sind in einem Nürnberger Flüchtlingsheim gelandet. Gesine von Postel vom Freundeskreis Asyl fährt sie zur bewegenden ersten Begegnung mit ihrer Familie. Die ältere Tochter kann sie mit nach Hammelburg in ihr Zimmer nehmen. "Es ist schwierig. Sie hat viel mitgemacht", erklärt Eleni mit traurigen Augen.

Zum Salone Secret und Inhaberin Mandy Quentzler kam Eleni nach dem Begegnungsnachmittag des Freundeskreises Asyl im Pfarrzentrum im Januar. "Meine Familie und ich sahen dort den Film über Flüchtlinge, das hat uns total berührt, und wir wollten einfach helfen", sagt Quentzler. Über Gesine von Postel fand sie zu Eleni. Seit Mai arbeitete die Äthiopierin aushilfsweise im Friseursalon. "Wir mussten erst ein paar Hürden überwinden", sagt Quentzler. Einmal sollte Eleni um 14 Uhr erscheinen, tauchte aber erst um 16 Uhr auf. "Die Vier in 14 Uhr hat sie verwirrt." Nach zwei Monaten war klar, Eleni ist zuverlässig, und die Chemie zwischen den Frauen stimmt. "Wir haben eine Seelenverwandtschaft", strahlt Mandy Quentzler und Eleni nickt lächelnd.


Ämter stellen sich quer

Mithilfe von Gesine von Postel und Bürgermeister Armin Warmuth schafft es Mandy Quentzler, dass die fünfjährige Tina länger im Kindergarten bleiben kann. "Die Fahrerin des Kindergartenbusses fährt extra für Tina und macht das ehrenamtlich." Die restliche Betreuungszeit deckt die Familie Quentzler ab. Tina ist oft mit den zwei Söhnen von Mandy und ihrem Mann unterwegs - beim Taekwondo oder beim Radeln.

Eigentlich wollte Inhaberin Mandy Quentzler mit Eleni einen Umschulungsvertrag schließen: "Dann hätte sie mehr Geld verdient, und ihr Arbeitsplatz wäre gefördert worden." Doch Quentzler lernte die Unvereinbarkeit verschiedener Ämter kennen. "Es ist ein Paradoxon", erklärt sie enttäuscht. Das Arbeitsamt signalisierte Zustimmung zur Umschulung. Neben einem Deutschtest sei jedoch eine Aufenthaltsgenehmigung für die gesamte Umschulungszeit unabdingbare Voraussetzung. Die jedoch fehlt Eleni, weil ihr Asylantrag noch nicht bearbeitet wurde und sie das Aufenthaltsrecht immer nur für ein halbes Jahr bekommt. Die Handwerkskammer genehmigt eine Umschulung jedoch nur, wenn der Umschüler in dieser Zeit nicht abgeschoben werden kann.

Eleni weiß noch nicht, wie es jetzt weitergeht. "Zimmer ist zu eng für vier Menschen", sagt sie. Sie ist froh, eine Arbeit zu haben und will die Ausbildung durchziehen. An der Übungspuppe erklärt sie gerade Friseurmeisterin Désirée Kirchner eine Flechttechnik. Zuvor zeigte Désirée Eleni, wie man die glatten Haare vieler Europäerinnen exakt und gerade schneidet. "Wir lernen voneinander, das ist toll", sagt Inhaberin Mandy Quentzler, die nicht mehr auf Eleni verzichten will.
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