Laden...
Hammelburg
Kurios

Drei Männer zwischen 71 Kindern

Eine echte Rarität dürfte der Hammelburger Kindergarten St. Josef bieten: Gleich drei Männer arbeiten im Moment in der Einrichtung der katholischen Kirche.
Artikel drucken Artikel einbetten
Milena und Emilija turnen gerne an Julian Kellers Armen. So ein Mann im Hort hat durchaus Vorteile, und der Kindergarten St. Josef in Hammelburg hat im Moment sogar gleich drei davon. Foto: Kerstin Väth
Milena und Emilija turnen gerne an Julian Kellers Armen. So ein Mann im Hort hat durchaus Vorteile, und der Kindergarten St. Josef in Hammelburg hat im Moment sogar gleich drei davon. Foto: Kerstin Väth
+7 Bilder
An jedem Arm hängt ein kleines Mädchen, die Zwillinge kirren, der junge Mann in der Mitte hebt sie grinsend hoch. Julian Keller ist 20 Jahre alt und macht gerade seine Ausbildung zum Erzieher. Der Fuchsstädter mag die Arbeit mit den Kindern, auch wenn er nach seinem Abschluss lieber in der Jugendarbeit tätig wäre.
Warum er sich trotz der fünfjährigen Ausbildung, die finanziell zum Teil eine Durststrecke bedeutet, dafür entschieden hat, Erzieher zu werden? "Du kannst noch so schlechte Laune haben, aber wenn frühs die ersten Kinder strahlend auf dich zukommen, bist du automatisch gut drauf", sagt er. Außerdem seien Kinder grundehrlich, und "es ist einfach schön, wenn du merkst, dass sie dich mögen".


Neue Impulse

Das ging wohl auch Michael Krzossok so. Er hatte nach dem Gymnasium ein soziales Jahr in einer Behindertenschule gemacht und danach die Ausbildung zum Erzieher im Berufsbildungszentrum Münnerstadt begonnen. "Im Kindergarten hat sich schnell herauskristallisiert, dass ich das am liebsten mache", erzählt der 27-Jährige. Und der Gehalt sei auch gar nicht mehr so schlecht. Letztes Jahr hat der Bad Kissinger seine Ausbildung zum Erzieher im Kindergarten St. Marien abgeschlossen, dessen Träger auch die katholische Kirche Hammelburg ist. Dort hat man sich gefreut, dass er geblieben ist. "Ein Mann tut den Kindern gut, und auch für das Team kann er neue Impulse geben", sagt die Leiterin von St. Josef, Michaela Schubert, die neben den drei Männern zehn Frauen an ihrer Seite hat. Sie betreuen 71 Kinder von 0 bis 6 Jahren. Geschäftsführerin Kerstin Augsburg bestätigt: "Wir haben die ganze Zeit händeringend nach Jungs gesucht."


Verstärkung aus Italien

Weil es deutlich weniger Vorpraktikanten gibt als früher, hat der Kindergarten seit letztem Jahr junge Leute über den Europäischen Freiwilligendienst (EFD), die jeweils für zehn Monate zusätzlich in der Betreuung mitarbeiten. Das ist derzeit zufällig ebenfalls ein Mann. Mattia de Vecchi ist seit Oktober in St. Josef. "Meine ersten Worte waren Matschhose, Gummistiefel und Windel", erzählt er in gebrochenem Deutsch und lächelt. Sprachbarrieren gibt es nicht. "Kinder sind vorurteilsfrei und sie wissen, dass er nicht alles versteht und sagen es ihm einfach öfter", erzählt Krzossok.


Männer sind gefragt

Und während der Erzieher ihnen im Werkkurs das Arbeiten mit Holz vermittelt und die Werkzeuge erklärt, damit sie in ihrem letzten Jahr allein in den Werkraum dürfen, lernen sie bei Mattia etwas Italienisch. "Buon Appetito", "Arrividerci" und Zählen funktioniere schon sehr gut, erzählt Mattia, der zusammen mit zwei Freiwilligen aus Spanien und Griechenland in einer Wohnung lebt und auch einiges mit den beiden unternimmt.
Die Arbeit macht ihm Spaß, genau wie Julian Keller. Der Fuchsstädter hat bereits bei Zeltlagern der KLJB und in der Feuerwehr gemerkt, dass er gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeitet. Zur Zeit verbringt er unter anderem zweieinhalb Tage in der Krippe bei den "Sternschnuppen" und: "Das Wickeln klappt schon optimal." Seine Zusage für das zweite Ausbildungsjahr in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Schweinfurt hatte er gerade erhalten. "Männer sind gesucht, egal wo ich mich beworben habe, ich war immer sehr willkommen", erzählt er.


Gut für das Arbeitsklima

Das liegt vielleicht auch daran, dass Männer anders auf Kinder zugehen. Auch ihre Autorität ist manchmal eine andere als bei den Erzieherinnen. Das sagen sie nicht nur über sich selbst. "Wenn man etwas sagt, klappt es vor allem bei den Jungs spätestens beim zweiten Mal", erklärt Krzossok. Und auch für das Team sei ein Mann gut, denn "Männer sagen gleich, was sie denken", sind sich Michael und Julian einig, und "die Atmosphäre ist ausgeglichener".
Das ist vermutlich mit ein Grund, warum die Männer "immer sofort weggefischt" werden, wie es der Leiter des Berufsbildungszentrums Münnerstadt, Christian Zintl, ausdrückt. Der Beruf Erzieher ist im Moment einer der Gefragtesten. "Bei uns hat bis jetzt jeder eine Stelle bekommen, im Umkreis von 150 Kilometern auf alle Fälle", sagt Zintl. Auch das Gehalt sei keineswegs schlecht. Es wurde bereits erhöht, wird es voraussichtlich nochmal und liegt derzeit nach der Ausbildung bei knapp 2800 Euro. Standard sind männliche Erzieher trotzdem nicht: Sie machen acht bis zehn Prozent im BBZ aus.


Zur Info über das Berufsbild Erzieher:
Boom Der Erzieher-Beruf liegt im Trend, wie eine Auswertung der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) zeigt. Demnach begannen 2012 rund 34 000 Azubis eine Ausbildung zum Erzieher - 72 Prozent mehr als 2006. Hauptverantwortlich für den Ausbildungsboom ist der seit zwei Jahren bestehende Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Ein- bis Dreijährige, durch den das Krippenpersonal beständig ausgebaut wird. Laut den WiFF-Experten fehlen momentan 60 000 bis 80 000 Fachkräfte, um eine optimale Kinderbetreuung zu gewährleisten. Nach qualifizierten Erziehern suchen Krippen, Kitas, Kinder- und Jugendheime sowie Familienberatungsstellen. (Quelle: Ausbildungspark)

Verdienst Ein Erzieher bekommt in den ersten zwei Jahren im sozialpädagogischen Seminar monatlich ca. 350 Euro, hat dann zwei Jahre Vollzeitschule, für das man BAföG bekommt, im 5. Jahr verdient er ca. 1400 Euro netto. Das Einstiegsgehalt danach liegt bei knapp 2800 Euro.

Ausbildung Im BBZ Münnerstadt sind von 40 Plätzen für Erzieher-Praktikanten 31 vergeben. Anmeldung mit mittlerem Schulabschluss eilt. Am Mittwoch, 25. Januar, ist von 13 bis 16 Uhr Berufsinfotag.