Hammelburg
Geschichte

Die Leiden des Anton Holzinger

Werner Sticht hat sich auf Spurensuche begeben. Er wollte wissen, warum 1933 ein unbescholtener Hammelburger aus nichtigem Anlass ins KZ Dachau kam und wie er dort zu Tode gequält worden ist.
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Seit 1965 ist das KZ-Gelände in Dachau eine Gedenkstätte, die pro Jahr 800 000 Besucher zählt.  Foto: Edgar Bartl/ Archiv
Seit 1965 ist das KZ-Gelände in Dachau eine Gedenkstätte, die pro Jahr 800 000 Besucher zählt. Foto: Edgar Bartl/ Archiv
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"Weil es mich persönlich interessiert hat", hat sich Werner Sticht, studierter Physiker und Hobby-Historiker, viel Arbeit gemacht. Unterstützt von Petra Kaup-Clement (Haar bei München/ Hammelburg), hat er in mehreren Archiven gründlich recherchiert. Das Ergebnis seiner Bemühungen will er am Samstag, 24. Oktober, bei einem lokalhistorischen Vortrag vorstellen. Beginn ist um 15 Uhr im kleinen Saal des katholischen Pfarrzentrums Hammelburg.


Karriere der Armut

Herausgefunden hat er, dass Anton Holzinger offenbar eine unbedachte Bemerkung zum Verhängnis geworden ist. Er war ein "Hänfling", nur 1,65 Meter groß und keine 50 Kilo schwer. Aus finanziellen Gründen blieb dem intelligenten Arbeiterkind eine höhere Schulbildung versagt. Er hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Mehr schlecht als recht schlug er sich durchs Leben, Ende 1933 war er arbeitslos.

Die damaligen Machthaber schickten ihn auf den Bauernhof von Otto Göb in Prosselsheim. Dort sagte er auf Göbs Frage, warum er denn nicht in der SA sei: "Die Regierung hat bis jetzt noch nichts geleistet, und da gehe ich nicht dazu." Außerdem gestand er ein, dass er früher einmal kurze Zeit in der kommunistischen Kampforganisation Rotfront gewesen sei.


Ohne Grund in "Schutzhaft"

Göb erzählte das alles SA-Sturmführer Leis aus Seligenstadt. Das Verhängnis nahm seinen Lauf, die Behörden reagierten mit deutscher Gründlichkeit und ohne Rücksicht auf rechtsstaatliche Grundsätze. Am 7. Dezember 1933 wurde der damals 24-Jährige in "Schutzhaft" genommen, weil das zwei SA-Verantwortliche so wollten, sagt Werner Sticht. Anton Holzinger hatte weder einen Anwalt, noch die Möglichkeit, gegen die Festnahme vorzugehen. Mehrmals ersuchte er um Freilassung - ohne Erfolg. Er blieb in Haft, wurde am 15. Februar zunächst nach München und dann in das KZ Dachau gebracht. Von dort sollte er Ende Juli eigentlich entlassen werden. Dazu kam es aber nicht. Stattdessen wurde mündlich mitgeteilt, Anton Holzinger sei am 21. Juli an Lungenschwindsucht verstorben. Er wurde in Dachau beigesetzt.


Ein perverser Sadist als Aufseher

Trotz aller Bemühungen konnte Werner Sticht nicht mit hundertprozentiger Sicherheit klären, wie genau Anton Holzinger zu Tode gekommen ist. Die wahrscheinlichste Variante: Anton Holzinger war im KZ dem brutalen und hemmungslosen Sadisten Otto Pfrang ausgesetzt, der ihn schwer misshandelt hat und der sich deshalb wegen Mordes 1948 vor dem Landgericht Würzburg verantworten musste. Der SS-Mann hat laut Zeugenaussagen Anton Holzinger nicht nur heftig geprügelt und getreten. Er hat ihn im Februar auch gezwungen, mehrmals in bitterkaltes Wasser einzutauchen. Man habe dazu sogar ein Loch ins Eis schlagen müssen. Dann musste Anton Holzinger weiterschuften. Das habe, so Werner Sticht, bei dem Häftling zu einem Rückfall seiner schweren Lungenkrankheit und damit am 21. Juli 1934 zum Tode geführt. Er wurde keine 25 Jahre alt.


Bitterarme Familie

In den Akten, die Werner Sticht einsah, werden aber noch weitere Sterbedaten genannt. Zeugen im Pfrang-Prozess nannten einen Tag im April. Anton Holzinger wird auch auf einer SS-Liste geführt. Danach ist er am 11. Juli zusammen mit anderen Häftlingen bei Dachau erschossen worden. Das Bestattungsamt München schließlich nennt einen deutlich späteren Termin, den 15. August 1937, was mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch ist.

Werner Sticht beleuchtet aber nicht nur das Leben und Leiden des Anton Holzinger. Er schildert auch dessen familiäres und gesellschaftliches Umfeld. Die Familie Holzinger war bitterarm. Sie hatte acht Kinder, zwei Söhne fielen im Ersten Weltkrieg. Mutter Juliana musste als Haushaltshilfe dazuverdienen. Vater Damian arbeitete täglich zehn Stunden im Steinbruch am Sodenberg. Früh lief er die acht Kilometer hin, abends wieder zurück. Dann erkrankte er an der Speiseröhre, konnte nichts mehr essen. "Dann musst du halt verhungern, Holzinger", sagte ihm sein Arzt. Damian tat das. Er starb im Oktober 1924. Sein Sohn Anton war damals 14 Jahre, seine erste Enkelin Barbara wenige Wochen alt.

Ein Ort des Schreckens und Unrechts

Tatort
In Dachau nordwestlich von München haben die Nazis bereits am 22. März 1933 auf Befehl von SS-Chef Heinrich Himmler auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik für zunächst 5000 politische Häftlinge ein Lager errichtet. Es wurde als einziges KZ durchgehend bis zur Befreiung durch US-Truppen am 29. April 1945 betrieben, war das Vorbild für andere Lager und eine Schule der Gewalt für Wachmannschaften der SS-Totenkopfverbände. Von Dachau aus wurden bis zu 169 Außenlager und -kommandos verwaltet.

Opfer Mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa wurden hier inhaftiert. Sie waren recht- und schutzlos den SS-Schergen ausgeliefert, die sie quasi nach Belieben misshandeln, quälen und sogar töten durften ("auf der Flucht erschossen"). Über 41 500 Gefangene überlebten die schrecklichen Bedingungen mit Schwerstarbeit bei absolut unzureichender Verpflegung und katastrophalen hygienischen Bedingungen nicht. Medizinische Experimente erforderten viele Opfer. Andere erfroren, wurden zu Tode gequält, erschossen oder in Vernichtungslager transportiert und kurz vor Kriegsende auf Todesmärsche getrieben.

Täter Der SS-Mann Otto Pfrang war nicht nur ein übler Schläger, der sich zudem Geld von den Häftlingen ergaunerte. Er war auch ein perverser Sadist. So zwang er seine Opfer, Exkremente zu essen und Spucknäpfe auszutrinken. Einen Mann ließ er bis zur totalen Erschöpfung durch Brennnesseln robben. Er tat dies aus eigenem Antrieb und bis 1935 mit Duldung seiner Vorgesetzten. Später wurde er wegen "widernatürlicher Unzucht" mit anderen Männern verurteilt, degradiert, aus der SS ausgeschlossen und in ein KZ gebracht. Dann kam er zur Wehrmacht. Pfrang wurde 1948 in Würzburg verhaftet. 1949 wurde er wegen Mordes an Anton Holzinger und anderer Verbrechen zunächst zum Tode, später zu insgesamt 54 Jahren und acht Monaten Zuchthaus verurteilt. Bereits am Heiligabend 1958 kam er auf Bewährung wieder frei. Er starb am 20. Dezember 1970 in Würzburg.

Pläne Angedacht ist von Petra Kaup-Clement und Werner Sticht die Verlegung eines "Stolpersteins" für Anton Holzinger durch den Kölner Künstler Gunter Demnig. Es wäre möglicherweise der erste in Hammelburg, da sich der Stadtrat bislang immer quergelegt hat.



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