Hammelburg
Literatur

Der Berg bestimmt das Tempo

Sebastian Fickert liest aus seinem neuen Buch "Ararat - Eine Berggeschichte" auf der Leipziger Buchmesse. Er beschreibt die Herausforderung Bergsteigen genauso wie politische Beobachtungen.
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Aus seinem Buch "Ararat - Eine Berggeschichte" liest Sebastian Fickert am Samstag, 14. März, auf der Leipziger Buchmesse.  Foto: Angelika Silberbach
Aus seinem Buch "Ararat - Eine Berggeschichte" liest Sebastian Fickert am Samstag, 14. März, auf der Leipziger Buchmesse. Foto: Angelika Silberbach
Sebastian Fickert freut sich riesig auf den Leipziger Bücherfrühling. Die Buchmesse gilt als "Europas größtes Lesefest". Neben weltweit bekannten Autoren, wie heuer dem Israeliten Amos Oz, bietet sie auch Newcomern und Autoren wie Fickert eine Bühne und zahlreiche Impulse und Begegnungen.

Nach zwei Reisebeschreibungen und zwei Romanen ist Fickerts fünftes Buch Ende Februar wieder im Würzburger Verlag Königshausen & Neumann erschienen. Der 38-jährige Jurist und Spectaculum-Laienschauspieler schildert in "Ararat" seine Erstbesteigung des 5000er am östlichsten Rand der Türkei. Feuriger Berg, Schmerzensberg, Mutter der Erde - zahlreich sind die Bezeichnungen für den Ararat. Etliche Legenden ranken sich um ihn. Die Arche Noah soll dort gestrandet sein. "Leider habe ich keinen Beweis dafür auf dem Gipfel gefunden", erzählt Fickert und lacht. Durch einen im Februar 2012 erschienenen Zeitungsartikel mit der Überschrift "Gescheitert am Ararat" wurde der zweifache Familienvater auf den türkischen Berg neugierig. Im August 2013 bestieg er ihn.

Wissen über die Mentalität

Warum den Ararat und nicht den bei Hobbybergsteigern gehypten Kilimandscharo? "Weil die Gegend um den Ararat extrem spannend ist, vor allem politisch", erklärt er. Ein Glücksfall war, dass in seiner vierköpfigen Bergsteigergruppe ein armenischer Zahnarzt aus Frankfurt war. "Arax ist in Istanbul geboren, durch ihn erfuhr ich viel über die Mentalität der Türken, Kurden und Armenier." Dieses Wissen teilt er den Lesern mit. Der Reisebericht birgt politische und kulturhistorische Lehrstunden in einer unaufgeregten Juristensprache, die versucht Klarheit in den Schmelztiegel Türkei zu bringen. Erstaunlich für Fickert war, dass etwa Präsident Erdogan vom Großteil der türkischen Bevölkerung als sehr fortschrittlich angesehen wird: "Gilt er doch bei uns eher als konservativ."

Eiskalte Nächte

Bammel hatte der Autor vor der Höhenangst: "Ich wollte den Berg ehrlich hoch gehen, nicht um jeden Preis." Er führte vorher viele Gespräche. "Wenn ich im Liegen keine Luft mehr oder starke Kopfschmerzen bekommen hätte, wäre die Tour für mich gelaufen gewesen." Eine Lungenembolie oder ein Hirnödem hätte er nicht riskiert. Ein Mal griff er zu einer Pille: "Ich hatte Durchfall und Arax, der Armenier, half mir aus." Ausgiebig schildert Fickert die Probleme beim Aufsuchen gewisser Örtlichkeit oder Probleme von Tageslinsenträgern. Immerhin war es in den Nächten bis zu -25 Grad Celsius kalt. Da überlegt man sich jeden Gang aus dem Zelt viele Male.
Doch der Verzicht auf Alltagsbequemlichkeiten machte für ihn den Reiz aus. Sein Tipp für künftige 5000er-Besteiger: "Den Berg das Tempo bestimmen lassen, nicht den Rhythmus aus dem Alltag mitnehmen. Alle Erwartungen los lassen. Wenn's nicht geht, geht's nicht. Wenn's geht, umso schöner."

Was er mitnimmt von dem Trip? "Die unendliche Dankbarkeit über eine warme Tasse Tee, über gute wärmende Kleidung. Die Stille der kargen Gerölllandschaft oder die grandiosen Ausblicke in den angrenzenden Iran." Im Büro im Würzburger Justizgebäude hängt eine Fotocollage. Anstrengung und Freude sind ihm beim Gipfelbild ins Gesicht geschrieben.

Das Schicksal annehmen

Den acht Buchkapiteln hat er Zitate vorangestellt. Dem letzten eine Sequenz aus Albert Camus "Der Mythos des Sisyphos": "[...] Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich [...]. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Das trifft auch auf Sebastian Fickert zu: "Wenn du dein Schicksal annimmst, hast du die Chance gut zu leben."

Auf der Buchmesse liest Sebastian Fickert am 14. März in Halle 3 eine halbe Stunde lang aus seinem Buch. Er hat sich Kapitel sechs "Der Gipfeltag" für die Veranstaltung vorgenommen und schon geprobt. Beim Vorlesen für seine beiden Kinder: "Sie waren ganz gebannt."


Das Buch: Sebastian Fickert, Ararat - Eine Berggeschichte, 153 Seiten, Verlag Königshausen & Neumann, ISBN 978-3-8260-5697-0


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