Bad Kissingen
Weltkulturerbe

Great Spas of Europe: Ideen aus Bad Kissingens Weltbadzeit

Der Unesco-Antrag der Great Spas wird am Dienstag unterzeichnet. In unserer Serie geht es diesmal um Innovationen aus Stahlbeton, Holz und Phosphorbronze.
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Die Zapfanlage in der Wandelhalle. Siegfried Farkas
Die Zapfanlage in der Wandelhalle. Siegfried Farkas
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Im Lauf seiner langen Geschichte als Kurbad hat Bad Kissingen schon viele Innovationen erlebt. Wer wissen will, welche Innovationen aktuell von Bedeutung sind, der kann zum Beispiel Matthias Wagner fragen. Als Geschäftsführer des Rhön-Saale Gründerzentrums (RSG) hat er beruflich viel mit neuen Ideen zu tun. "Die Themen Telemedizin und Digitalisierung im Gesundheitswesen muss man in Verbindung mit dem Gesundheitsstandort sehen. Da tut sich in Bad Kissingen viel", sagt er. Im Mittelpunkt steht dabei natürlich das Zentrum für Telemedizin. Das ZTM ist für ganz Bayern von Bedeutung. "Es trägt zu Innovationen im Gesundheitswesen bei", sagt Wagner.

Dass Bad Kissingen bei gmanchen Themen ganz vorne mit spielt, hat sozusagen Tradition. Auch wenn Kurorte heutzutage mit Imageproblemen kämpfen und als altbacken gelten - gerade die großen Bäder waren in ihrer Hochphase im 19. Jahrhundert äußerst fortschrittlich. "Es ist faszinierend, welche Innovationen sich vor dem Hintergrund eines Weltbades entwickelt haben", sagt Peter Weidisch, Kulturreferent und in Bad Kissingen verantwortlich für die Unesco-Bewerbung. Die Kurstädte standen damals in einem harten, europaweiten Konkurrenzkampf. Wer Könige, Adelige, Diplomaten und vornehme Bürger von seinen Qualitäten als Badeort überzeugen wollte, musste sich ins Zeug legen. "Es gab viele Dinge, bei denen man gesagt hat: Wir müssen hier besser, moderner sein als andere", erklärt er.

Die Innovationen aus der Weltbad-Zeit finden sich auch in der Unesco Bewerbung der Great Spas of Europe. In dem mehr als 1400-seitigen-Hauptantrag aller elf Bewerberstädte wird laut Weidisch eigens erwähnt, dass Bad Kissingens Kurbauten zur Zeit ihrer Erbauung äußerst fortschrittlich waren

Führende Rolle bei Hygiene

Da ist beispielsweise der Max-Littmann-Saal im Regentenbau, der wie ein überdimensionaler Geigenkasten funktioniert und deshalb bis heute europaweit zu den Konzertsälen mit der besten Akustik zählt. Auch die Wahl der Baustoffe war für damalige Verhältnisse ungewöhnlich. Architekt Max Littmann griff 1910/1911 auf Stahlbeton zurück, als er die Wandelhalle errichtete. Stahlbeton wurde zu dieser Zeit vor allem für Verkehrsbauten wie Brücken oder für Industrieanlagen verwendet. In der repräsentativen Architektur war er dagegen noch eine Seltenheit. Ähnliches gilt für das Kurhausbad. "Beim Kurhausbad wurden bereits sehr früh Betonfertigteile verwendet", sagt Weidisch. Zum Vergleich: In Deutschland kamen die ersten vorgefertigten Stahlbetonplatten ab 1925 in Frankfurt zum Einsatz, das Kurhausbad entstand von 1925 bis 1927.

Eine große Rolle beim Ausbau der Stadt spielte die Hygiene. Das Heilwasser wird deshalb seit 1909 über Leitungen ausgeschenkt. Das Zapfsystem aus Phosphorbronze in der Wandelhalle besteht bis heute. "Das war ein Quantensprung in der Hygiene, weil man nicht mehr mit Gläsern das Wasser direkt aus dem Brunnen schöpfen musste", erklärt Birgit Schmalz, von der Unesco-Projektgruppe. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich allmählich ein Bewusstsein für die Notwendigkeit öffentlicher Hygiene. Neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse förderten diesen Prozess. In Kurorten habe man den Stellenwert der Hygiene früh erkannt und umgesetzt.

Eine Vorreiterrolle hatte Bad Kissingen in Bezug auf die Kanalisation - ein wichtiger Faktor für die Stadthygiene. Die ersten Kanäle unter der Altstadt wurden zwischen 1886 und 1889 gebaut. Schmalz: "Kanalisationen lagen in vielen Städten im Trend. In Bad Kissingen wurden nicht nur alle Straßen mit einem Abwasserkanal versehen, sondern der Anschluss an alle Haushalte war verpflichtend. Damit war man bayernweit führend."

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